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Banken-Run in Russland Geld lieber im Einmachglas

Kommentar von

Mathias Brüggmann

Die Menschen in Russland holen massenhaft ihr Geld von der Bank. Das ist eine Abstimmung am Bankschalter, aber noch nicht „systemrelevant“.

E s ist ein toxisches Gemisch: Insolvenzwelle von Unternehmen undSelbständigen, immer mehr unbediente Kredite, aktuell stark rutschender Rubel, Aktienkurse unterm Niveau von vor dem Überfall auf die Ukraine 2022. Und dazu die immer erfolgreicheren Drohnen- und Raketenangriffe der Ukraine auf russische Logistikzentren, Raffinerien, Rüstungsfabriken. Kein Wunder, dass Russlands Konteninhaber und Sparer jetzt heftig reagieren.

Wladimir Putins Kriegswirtschaft steht vor dem Scheitern: Die zivilen Branchen stecken bereits in der Rezession. Die Rüstungswirtschaft muss teilweise zu Kosten produzieren, die nicht zu erwirtschaften sind. Doch wegen der schieren Menge der Waffen ist das Haushaltsdefizit schon jetzt fast doppelt so hoch wie für das Gesamtjahr geplant. Die Höhe der Rubelreserven des Finanzministeriums wurde gerade als geheim eingestuft.

Dafür dröhnt eine Sorge viel öffentlicher und lauter: Die Sparkonten der Russinnen und Russen könnten wegen finanzieller Not des Staates zwangsumgewandelt werden in schlecht verzinste und nicht frei handelbare Kriegsanleihen. Oder gar verstaatlicht werden. Es ist ein alter russischer Instinkt, spätestens seit den erstenschlechten Erfahrungen in den Umbruchjahren nach dem Zerfall derSowjetunion: Wenn es nach Krise riecht, das Geld von der Bank abheben und in einer „Banka“ – einem Einmachglas – unter der Matratze verstecken.

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Das geschieht gerade massenhaft. Hunderte Milliarden Rubel werden derzeit monatlich abgehoben. „Systemrelevant“ ist dies angesichts von 700 Milliarden Euro Bank- und Spareinlagen russischer Haushalte noch nicht. Wohl aber eine Abstimmung am Bankschalter statt an den Wahlurnen für die Mitte September anstehende Duma-Wahl. Die ohnehin eine Pseudoabstimmung für das Parlament ist.

„Golosuj serdzem“, stimme mit dem Herzen ab, hatte der erste Nachwende-Präsident Boris Jelzin einst seinen Wahlslogan genannt. Jetzt stimmen die Menschen in Russland mit Rubeln ab. Es ist ein Misstrauensvotum gegen den Autokraten Wladimir Putin.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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2 Kommentare

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  • David Lejdar

    Nützt den Leuten aber eher wenig, wenn es zu Währungsverfall, bzw. massiver Inflation kommt, insb. wenn dort viel Geld gedruckt wird - was sich, auch wenn es Kreml zu verheimlichen versucht (dem Anschein nach), bemerkbar macht, wenn Regale flott leer gekauft und dementsprechend steigende Preise. Aber sicher, wenn es für die Leute die einzige Möglichkeit ist, zu Ausdruck zu bringen, dass man es nicht toll findet, um jeden Preis Krieg, noch dazu wie Trump, zu führen, auch verständlich.

    So oder so, mit Nachbarschaftsversammlung aller hier lebenden Nationalitäten, und Support für Journalisten-im-Exil, wäre das vielleicht ein Forum um russische Zivilgesellschaft zu fördern, die da vielleicht schon paar Fragen hätte, wie z.B. was sich also Kreml eigentlich so vorstellt, wie es in Außenpolitik weitergeht nachdem Ukraine in die Knie gezwungen, und voller Wollust jauchzend - und ob es nicht eher Sinn macht, statt Diktatfrieden zu verlangen, etwas behutsamer?

    • nihilist

      @David Lejdar:

      Man sollte das auch weniger als Inflationsangst oder politisches Statement begreifen. Wer sein Geld von der Bank holt, zumal beim Zinsniveau in Russland, der befürchtet dass man schon bald gar nicht mehr dran kommt.