Bandshirts kaufen: Mein Kopf ist wie eine Plastiktüte
Die Kolumnistin geht Bandshirts shoppen und stellt sich die Frage: Darf man den Merch einer Band kaufen, deren Musik man kaum kennt?
D iesen Freitag ist es endlich so weit. Ich habe frei und der Laden, den ich schon länger besuchen will, hat gleichzeitig geöffnet, was bei Öffnungszeiten von 12 bis 15 Uhr gar nicht so selbstverständlich ist. Jedenfalls freue ich mich schon seit Tagen auf diesen Besuch. Gleich nach dem Aufwachen habe ich sogar eine Liste mit Namen erstellt, nach denen ich später suchen möchte, um meinem Normcore einen pfiffigen Kontrapunkt zu geben. Und so stiefle ich an dem besagten Freitag also bestens vorbereitet in den Laden für Bandshirts.
Ihr habt richtig gehört: Bandshirts. Mir ist schon klar, wie absurd das in den Ohren eines Musiknerds klingen mag. Denn was soll ich mit dem T-Shirt einer Band, auf deren Konzert ich gar nicht war, nein, noch schlimmer, deren Musik ich vielleicht noch nicht mal richtig kenne, aber das T-Shirt ästhetisch interessant finde? Ja, tragen natürlich, lieber Sebastian oder Florian, in deiner Cheap-Monday-Röhrenjeans. Denn ob da jetzt Nirvana oder Camp David draufsteht, ist im großen Sell-out der Subkulturen ja sowieso längst Jacke wie Hose, auch wenn ich verstehe, dass es dein kleines Indie-Herz schmerzt.
Ich also rein in den Laden und schon schnappt die Falle zu. Ein verschlissener Teppichboden, schwarze Wände, an den Kleiderstangen hängen farbenfrohe T-Shirts von Fruit of the Loom, über allem ein leichtes Odeur von Bier und Zigarettenqualm. Der Ladenbesitzer, ein anmutiger Grauhaarmann, ganz in rebellischem Schwarz gekleidet, kommt sogleich auf mich zu und fragt, ob ich die Band kennen würde, deren T-Shirt ich da gerade in den Händen halte. Augenblicklich gefriert mir das Blut. „Alles, nur das nicht!“, schießt es mir durch den Kopf, wäre ich doch bloß zu H&M gegangen.
Ich kenne einen einzigen Song
Was bin ich nur für ein Dummie! Ich hätte wissen müssen, was mir blüht. Immerhin habe ich mal als fachfremde Redakteurin bei einem Musikmagazin gearbeitet und kenne diese Art von Battle, bei dem man sich mit Bands wie mit Bällen abschießt und nur dann ein Mensch ist, wenn man wenigstens von einer Band die gesamte Diskografie einschließlich der B-Seiten aufsagen kann.
„Streng dich an!“, feuert mich meine innere Eislaufmutter an, aber in meinem Kopf tanzen bloß die Schlümpfe mit DJ Bobo zusammen den Ententanz. Dann entdecke ich ein T-Shirt von X-Ray Spex an der Wand. Es hängt dort wie ein wertvolles Ausstellungsstück über der Verkaufstheke, darauf zu sehen die Sängerin Poly Styrene mit einem Pilotenhelm, darunter eine Plastiktüte und der Spruch „My Mind Is Like A Plastic Bag“.
Ich sage: „Cooool!“ Der Verkäufer fragt jetzt ziemlich beeindruckt: „Kennst du die?“ Ich nicke vielsagend, obwohl ich nur einen einzigen Song von denen in meiner Playlist habe, glaube ich, insofern: Kennen, nun ja. Er holt das T-Shirt mit feuchten Augen von der Wand und reicht es mir. Ich probiere es an, aber ob ich es tragen werde? Egal, möge ein Funke der Rebellion auf mich überspringen.
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Der Mann legt es seufzend auf die Theke und streicht es glatt, so als ob er es ein letztes Mal streicheln würde. Und während ich ihn dabei beobachte, bekomme ich ein schlechtes Gewissen. Er ist ein sympathischer Mensch, soll ich ihm jetzt wirklich sein Heiligtum entreißen? Aber mein Kopf ist längst wie eine Plastiktüte, und deshalb suche ich mir gleich auch noch zwei Motive aus einer Mappe mit Aufdrucken aus: einen Gremlin und eine Katze, aus deren Augen rote Strahlen kommen. Meine Güte! Kann mir heute bitte jemand mein Portemonnaie wegnehmen?
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