Azubis und der Wohnungsmarkt: Wo will der Nachwuchs wohnen?
Bezahlbarer Wohnraum unterstützt Betriebe, die über Nachwuchsmangel klagen. Schleswig-Holstein will Azubis bei der Wohnungssuche helfen. Doch es gibt Kritik.
Foto: Paul Zinken/dpa
Studierende haben schon lange eine Anlaufstelle – warum nicht die Azubis? Schleswig-Holsteins schwarz-grüne Landesregierung will diese Lücke schließen und ein Azubi-Werk schaffen. Es soll den Auszubildenden helfen und damit auch indirekt Lehrbetrieben, die über Nachwuchsmangel klagen. Doch ausgerechnet die Vertretungen der Betriebe, die Industrie- und Handelskammern sowie die Handwerkskammern, sprechen sich gegen das geplante Werk aus. Auch die Landtagsopposition sieht Probleme bei der Umsetzung.
Azubi-Werk sei, na klar, eine „verdammt spannende Überschrift“, aber der Gesetzentwurf, den die Koalition dazu vorgelegt habe, sei doch sehr mit einer heißen Nadel gestrickt, kritisierte Martin Habersaat (SPD). „Fehlgeleiteten Aktionismus“ sieht Christopher Vogt (FDP). Eine geplante „Beratungsstelle, die sagt, wo man sich beraten lassen kann“, sei glatte Geldverschwendung.
Die Landesregierung will, so steht es im Gesetzentwurf, eine neue Anstalt öffentlichen Rechts gründen. Sie soll „bezahlbaren Wohnraum für Azubis schaffen und bereitstellen“, in Einzelfällen finanzielle Starthilfen etwa für die erste Einrichtung geben und bei allgemeinen Fragen beraten. Es solle keine Doppelstrukturen geben, betont der Grünen-Fraktionschef Lasse Petersdotter, der gedankliche Vater des Azubi-Werks: „Wir wollen Rückenwind für Auszubildende und Hilfe dort, wo sie gebraucht wird.“
Zentralisiertes Wohnheimangebot unerwünscht
Die Idee ist nicht ganz neu: Hamburg hat bereits ein Azubi-Werk, das Wohnheime betreibt, aber auch „Sommerabende auf der Dachterrasse“ oder Häkelkurse organisiert. Doch es gibt einen großen Unterschied: Hamburg ist ein Stadtstaat, Schleswig-Holstein ein Flächenland. Ein zentralisiertes Wohnheimangebot sei von den Azubis gar nicht gewünscht, sagt Jörg Orlemann, Hauptgeschäftsführer der IHK zu Kiel.
Gemeinsam mit den Handwerkskammern hatte die IHK eine Umfrage gestartet. Demnach würden viele Azubis noch bei den Eltern wohnen und seien damit durchaus zufrieden. Das geplante Werk dagegen „schafft ein Bürokratiemonster“, dessen interne Verwaltung und Personal einen erheblichen Teil der jährlich dafür eingeplanten sieben Millionen Euro verschlingen würden. Unausgesprochen steht darüber hinaus die Sorge im Raum, dass am Ende Kosten bei den Betrieben hängenbleiben könnten.
Der CDU-Fraktionschef Tobias Koch verteidigt das geplante Gesetz gegen die Kritik. „Wir finden es eine echt, echt gute Idee“, beteuerte er bei einem Pressegespräch vor der Landtagssitzung. Er sieht das Geld vor allem als Hebel: Mit einem einstelligen Millionenbetrag könnte das Azubi-Werk einen deutlich höheren Kredit erhalten. Damit sei es möglich, jedes Jahr neuen Wohnraum zu schaffen – nahe den Berufsschulen etwa, damit dort mehr Blockunterricht stattfinden könnte. Wo es noch Bedarf gibt, will das Innenministerium zurzeit mit einer Umfrage herausfinden.
Obwohl die Ergebnisse noch nicht vorliegen, glaubt Lasse Petersdotter fest, dass der Bedarf besteht: Dass ausgerechnet Azubis kein Mietproblem hätten, sei die „Exklusivmeinung der Kammer“, sagte er bei der Landtagssitzung. Ja, viele Nachwuchskräfte wohnten noch bei ihren Eltern, aber eben nicht freiwillig. „Doch das System ist so gebaut, dass das der normale Weg ist.“ Doch anders als früher gebe es nicht mehr in jedem Dorf Ausbildungsbetriebe. „Wenn die Azubis bei der Umfrage der IHK auf Mobilitätsprobleme hinweisen, ist das die Kehrseite der Wohnungsmedaille.“
Wiebke Oetken, DGB-Jugend Nord
Unterstützung für den Plan kommt vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB): „Auszubildende schildern uns gegenüber immer wieder, dass sie in manchen Regionen in Schleswig-Holstein keinen bezahlbaren Wohnraum finden“, heißt es in einer Mitteilung des Landesverbandes Nord. „Azubis haben nicht viel Geld und sind daher besonders auf bezahlbaren Wohnraum angewiesen“, sagt Wiebke Oetken von der DGB-Jugend Nord. „Das Azubi-Werk Schleswig-Holstein ist endlich ein konkreter Schritt zur echten Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Ausbildung.“
CDU und Grüne wollen das Gesetz noch vor Ende der Wahlperiode im kommenden Frühjahr umsetzen und damit die Gründung des Azubi-Werks in die Wege leiten. Davor stehen allerdings noch Beratungen in den Ausschüssen. Die werden nicht einfach werden, weiß Tobias Koch. Um alle Beteiligten zu überzeugen, „liegt noch eine kommunikative Aufgabe vor uns“.
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