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Autor über Arisierung jüdischen Besitzes„Der Holocaust war keine Veranstaltung der Nazis“

Nahezu alle Deutschen waren beteiligt, indem sie profitierten, sagt Armin Flesch. Er recherchiert seit über zehn Jahren zur „Arisierung“.

Zeitungsanzeige aus dem Jahr 1941: Versteigerung von Hausrat und Wäsche der jüdischen Nach­ba­r*in­nen Foto: Sina Schuldt /dpa

Interview von

Amanda Böhm

taz: Herr Flesch, wie sind Sie zum Thema Arisierung gekommen?

Armin H. Flesch: Ich bekam eine E-Mail von einem Bekannten, Rolf Sturm. Sein Großvater hatte in Frankfurt eine Fabrik besessen, bis die jüdische Familie 1935 Deutschland verließ und die Fabrik arisiert wurde. Die heutigen Eigentümer behaupteten auf ihrer Website, man blicke auf 100 Jahre Familientradition bis zur Firmengründung zurück.

taz: Was gelogen war.

Flesch: Exakt. Die Firma wurde zwar 1914 gegründet, aber nicht von den heutigen Eigentümern. Alle Versuche, mit der Familie Elsen ins Gespräch zu kommen, waren fehlgeschlagen. Dabei ging es nicht um finanzielle Fragen, sondern lediglich um eine korrekte historische Darstellung auf der Website. Damit begannen meine Recherchen.

Vor dem 8. Mai 1945 kannte jeder in Deutschland das Wort Arisierung, ab dem 9. Mai 1945 konnte sich plötzlich keiner mehr daran erinnern

taz: Nun haben Sie jahrelang etliche Akten zur Arisierung ausgewertet. Arisierung – was bedeutet dieses Wort und warum hört man es so selten?

Flesch: Vor dem 8. Mai 1945 kannte jeder in Deutschland dieses Wort, ab dem 9. Mai 1945 konnte sich plötzlich keiner mehr daran erinnern. Hatte ein Jude beispielsweise ein Kaufhaus, und sei es vom Großvater gegründet, vom Vater ausgebaut und von ihm selbst nun geleitet, dann besaß er es zwar, aber es gehörte ihm nicht, denn als Nichtarier war er ein Fremdkörper. Er war ein – ich rede jetzt in der Diktion der Antisemiten seit Ende des 19. Jahrhunderts – „Schmarotzer am deutschen Volkskörper“. Wenn man ihm das Kaufhaus wegnimmt, nimmt man es ihm gar nicht weg, sondern man gibt es dem deutschen Volkskörper zurück.

Bild: Jennifer Schröder/Photo in the City
Im Interview: Armin H. Flesch

Jahrgang 1962, ist Autor und Journalist. Seit 2014 recherchiert und schreibt er über „Arisierung“. Er gibt zudem regelmäßig Vorträge und Seminare zu dem Thema.

taz: Welche Auswirkungen hat die Arisierung heute noch?

Flesch: Der geraubte Hausrat der Deportierten und Ermordeten wurde zum weit überwiegenden Teil nie zurückgegeben. Als Juden in die Vernichtungslager gebracht wurden, ließen sie ihre Wohnungen samt Einrichtung zurück. Diese Hinterlassenschaften wurden in öffentlichen Versteigerungen feilgeboten. Und die Leute kamen, denn es lohnte sich. Man wusste, man kriegt was für einen günstigen Preis. Es war wie ein großer Sommerschlussverkauf. Falls es nach 1945 Überlebende gab, mussten sie von jedem einzelnen Stück beweisen, dass es ihrer Familie gehört hatte. Aber wer hat nach Auschwitz noch Quittungen?

taz: Und diese Gegenstände haben die Nachkommen teilweise bis heute.

Flesch: Ja. Wenn Gäste kommen, stehen zwei silberne Kerzenleuchter und das edle Goldrandporzellan auf den hübschen alten Biedermeiertisch, das ebenfalls geerbte silberne Besteck liegt daneben. Und keiner fragt sich: Wo hatten Oma und Opa das Zeug eigentlich her? Wann, unter welchen Bedingungen haben sie es gekauft? Von wem? Was haben Sie dafür bezahlt?

taz: Das, was Sie beschreiben, ist die Beteiligung der „ganz normalen Deutschen“ am Holocaust.

Flesch: Ganz genau. Es ist falsch zu sagen, dass der Holocaust in seiner Materialisierung eine Veranstaltung der Nazis war. Der Holocaust war ein Verbrechen der Deutschen. Und zwar auch der Nicht-Nazis. Nahezu alle waren beteiligt, indem sie profitierten. Haben Sie sich mal Fotos von den kahlgeschorenen Leuten in den Konzentrationslagern angeguckt und sich gefragt: Was haben die eigentlich mit den Haaren gemacht?

Vortrag und Diskussion

Die Erben der „Arisierung“, aus einer Veranstaltungsreihe des Theaters Bremen begleitend zur Inszenierung „Raub. Verladene Erinnerungen“. In Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung Bremen, www.geraubt.de und der Landeszentrale für politische Bildung Bremen. Am 3. Februar 2026 um 19 Uhr im noon/Foyer Kleines Haus, Goetheplatz 1, 28203 Bremen. Eintritt frei.

taz: Nein. Was war mit den Haaren?

Flesch: Die Männerhaare wurden für 50 Pfennig das Kilo an Filzfabriken verkauft, wahrscheinlich billiger als Schafwolle. Daraus wurden nicht nur Schuheinlagen für die Ostfront, sondern auch Hüte. Ja, da zog der Volksgenosse seinen Hut und grüßte sich mit den Haaren seines ermordeten Nachbarn. Frauenhaar wurde an Perückenfabriken verkauft, „arische“ Volksgenossinnen trugen die Haare ihrer ermordeten Nachbarin als Perücke auf dem Kopf. Man nahm das Zahngold aus den Mündern der Ermordeten und machte daraus neben Goldbarren auch Wehrmachts-Zahngold. Das kam in die Münder deutscher Soldaten. Wenn Sie sehen, wie schnell ein als rechtschaffen geltendes Volk zu einem Haufen raffgieriger, rücksichtsloser, empathieloser Verbrecher werden kann, dann begreifen Sie, dass das wieder geschehen könnte, überall auf der Welt – auch wieder in Deutschland.

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1 Kommentar

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  • Götz Aly (in Wie konnte das geschehen?) beschreibt es so: „Folglich neigt der Antisemit zu gedämpftem Antikapitalismus, weil er im liberalen Kapitalismus nicht zu Unrecht eine Ursache für die aus seiner Sicht unerträgliche soziale Mobilität der jüdischen Minderheit sieht. Daraus entwickelte sich in einzelnen Ländern ein unterschiedlich ausgeprägter »nationaler Sozialismus«, der den Angriff auf das Eigentum von Juden bald als »raffendes Kapital«, als gewissermaßen unlauter erworbenes (Volks-) Vermögen einstufte.“"

    Die Arisierung wurde nicht nur antisemitisch gefüttert. Sie sprach die Bevölkerung auch mit antikapitalistischen-völkischen Duktus an.

    Schon früh Hitler polemisierte polemisierte Hitler gegen »Arbeitsschinder«, »Börsenhyänen«, »kapitalistisches Bonzentum«, gegen »Mietwucher«, »Preistreiberei«, gegen »Ausbeuter«, die Menschen nur »als Nummern« oder »wie Maschinen« behandeln, und gegen »Volksschädlinge« aller Art. “