Automuseum PS.Speicher in Einbeck: Ein NS-Industrieboss als Nachkriegsheld
Niedersachsens Kultusminsterium lobt den PS.Speicher als außerschulischen Lernort. Der verschweigt die NS-Geschichte des Autobauers Ernst Heinkel.

Oh wie schön war der Heinkel-Kabinenroller! In Einbeck ist man nach wie vor hingerissen von dem Kompaktfahrzeug, dessen Prototyp 1955 vorgestellt worden war: Auf Wunsch der Besucher*innen hatte ihn der PS.Speicher zum Gegenstand des Monats März gekürt.
Und just in dem hat das niedersächsische Kultusministerium das Oldtimer- und Erlebnismuseum in die Liste der anerkannten außerschulischen Lernorte aufgenommen. Weil er die Bildung für nachhaltige Enwicklung fördere.
Und dabei auch die „politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für die Tüftler und Erfinder“ beleuchte. Sie hoffe, „dass viele Schulen die Angebote nutzen“, begrüßte Ministerin Julia Willie Hamburg (Grüne) den Neueintrag.
Wahr ist: Der Heinkel-Kabinenroller kommt tatsächlich in Sachen Energie- und Platzeffizienz besser weg als heutige Miniautos. Die Heinkel-Kabine ist keine 300 Kilo schwer, wiegt also weniger als halb so viel wie ein Smart. Zwei Erwachsene und anderthalb Kinder passen rein.
Passagiere und Bomben
Nie hat es ein deutsches Fahrzeug gegeben, das knuffiger und harmloser aussah. Wer einen Heinkel-Kabinenroller sieht, vergisst, dass es so etwas wie Panzer hat geben können. Und niemand würde ihm zutrauen, dass es abhebt wie „Chitty Chitty Bang Bang“, das Wunderauto von Ian Fleming. Dabei stammte er, so wie dieser, direkt aus der Schmiede eines deutschen Industriepartners der Luftwaffe.
Denn das war ja die eigentliche Profession des Ernst Heinkel gewesen. Seine 1922 gegründete Flugzeugfabrik in Rostock hatte sich 1932 bereits zu einem der größten Industrieunternehmen Norddeutschlands gemausert. In den folgenden 13 Jahren avancierte Heinkel dann zum größten Flugzeughersteller Europas.

Seine Maschinen stellten Geschwindigkeitsrekorde auf. Sie brachten Passagiere genauso zuverlässig wie Bomben ans gewünschte Ziel. Viele kleine Werke entstanden – eines davon in Zuffenhausen bei Stuttgart.
Dort glückte nach dem Krieg dann dank über die Zeit gerettetem Raubgut und anderem Kapital – Ernst Heinkel hat im Stuttgarter Raum von der so genannten „Arisierung“, also vom Raub jüdischen Eigentums, besonders profitiert – der ganz und gar friedliche Neuanfang, für den die Knutschkugel mit Front-Ausstieg das beste Sinnbild ist.
Wer die Filialen der 1940er durchgeht, wird feststellen: Viele dieser Ortsmarken stehen auch für Kriegsgefangenen- oder Konzentrationslager. Das ist kein Zufall! Heinkel war auch hier ein Pionier: Als Erster im Reich, ab 1940, noch vor der erzwungenen Umwandlung in eine AG, setzte er Zwangsarbeiter ein, zum Beispiel, extrem grausam, zum Testen der von ihm erfundenen Schleudersitze.
Das Lager in Bad Gandersheim-Brunshausen, keine 25 Kilometer vom außerschulischen Lernort PS.Speicher entfernt, war sogar eigens für die Heinkel AG eingerichtet worden. Häftlinge aus Buchenwald, Sachsenhausen und Dachau wurden dort ab Sommer 1944 zusammengezogen, um an in Polen geraubten Maschinen Flugzeugrümpfe herzustellen.
Am 5. April vor 80 Jahren wurde es aufgelöst. In der Hochphase waren dort 584 Männer inhaftiert. Höchstens 200 von ihnen haben das Kriegsende erlebt.
Nachhaltiges Vergessen
In Heinkels Erfindungen der 1950er-Jahre spielte das Thema Zwangsarbeit keine Rolle mehr, weder beim Kabinenroller, laut PS.Speicher seinem Meisterwerk, noch in seiner gleichzeitig entstandenen Autobiografie, deren Ziel nachhaltiges Vergessen ist.
Wie, das lehrt der außerschulische Lernort in Einbeck: „Nach dem Zweiten Weltkrieg“, so erzählt er die Geschichte, „sah die Welt für viele deutsche Industriebetriebe ganz anders aus – so auch für die Ernst Heinkel AG.“
Denn „der berühmte Flugzeughersteller durfte aufgrund der alliierten Auflagen zunächst keine Flugzeuge mehr bauen“. Warum, verschweigt der Museumstext. „Doch Not“, setzt er stattdessen fort, „macht erfinderisch.“ Und nach dem Krieg die Not, die war vielleicht groß!
Und also auch Ernst Heinkels „Kreativität, Erfindergeist und Mut“: Noch bis 31. März können Besucher*innen und Schulklassen die Heinkel-Kabine im Foyer des PS.Speichers daher „aus nächster Nähe anschauen“ und dabei „tief in die spannende Geschichte dieses Nachkriegshelden eintauchen“. Aber zu tief lieber doch nicht.
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