Ausstellungseröffnung und Erotikmesse: Festgeklemmte Otter
Der April will nicht enden, der Nieselregen auch nicht und nicht mal die Klubschlange bewegt sich. Ein Wochenende im Berliner Stillstand.
K ann es sein, dass das der längste April jemals ist? Vielleicht wirkt es auch nur so, weil alles eingefahren scheint. Der Wal Timmy, halbtot im trüben Ostseewasser. Die festgesetzten Öltanker in der Straße von Hormus. Der Frühling, auf dem Niveau von Anfang März steckengeblieben. Die unerträgliche Festgeklemmtheit des Seins.
Auch das Wochenende stottert, kommt aber nicht in Gang. Am Donnerstag eröffnet Marc Brandenburgs Ausstellung in der Berlinischen Galerie, die wahrscheinlich noch nie so viele interessant gekleidete mittelalte Männer gesehen hat wie an diesem Abend. Der Künstler selbst geht mit bestem Beispiel voran und sieht aus, als hätte er vor, sich nach den Eröffnungsreden in den Straßenkampf zu stürzen.
Brandenburg trägt durchdesignten Flecktarn, sein Gesicht ist bis auf einen schmalen Augenschlitz verhüllt. Angeblich wegen einer Erkältung, erzählt K., die Vermummung soll das Ansteckungsrisiko senken. Wir stehen vor dem Gebäude herum, sprechen über den Irankrieg, die Laune sinkt augenblicklich, es fängt an zu regnen und damit wäre der Abend dann auch beendet.
Weil A., acht Jahre alt, sich an der Werbung für die sogenannte Erotikmesse Venus stört, die er auf seinem Schulweg sieht, hat er beschlossen, sie in seinem Sinne zu verbessern. A. ist Fan von Ottern, also klebt er selbstgemalte Sticker auf die Plakate. Statt „Getting Hotter Every Year“ steht da jetzt „Getting Otter“. The Kid is totally alright.
Nichts bewegt sich
Für Samstag hat J. angekündigt, seinen mobilen Pizzaofen anzuheizen, er hat 26 Böden vorbereitet, sicher ist sicher. Wir sitzen im Freien auf der Galerie im ersten Stock des Zentrums Kreuzberg, trinken kalten Lambrusco aus kleinen Plastikbechern und warten, bis J. wieder eine Pizza aus dem mit Holzfeuer betriebenen Ofen holt. Früher gab es hier ein kleines Graffito, schwarze Farbe auf weißem Putz: „Hey, na, du?“. Ein soziolinguistisches Meisterwerk, bei dem einen der oder die Absender*in praktisch vor Augen stand, leider mittlerweile übermalt.
Das schmale, bananenförmig gebogene Ende der Reichenberger Straße unter uns hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Streetfood-Hotspot entwickelt. Es gibt Döner aus Sucuk, Käsenudeln mit Hähnchenschnitzel und barock belegte Hotdogs. Gerade ist Primetime, auf kleinstem Raum drängeln sich Besucher*innen aus Kreuzberg, Kids auf Berlinbesuch, die die Imbissläden von Tiktok kennen, und die Fahrer*innen der Lieferdienste. Es nieselt schon wieder.
S. ruft an und fragt, ob wir noch ausgehen. Lust habe ich keine, will aber noch irgendwas erleben. Ich treffe sie am Ende der langen Schlange vor dem Klub, an dem man noch vergangenes Jahr nie länger als zehn Minuten anstehen musste. Die neue Beliebtheit hält offenbar bereits so lange an, dass jemand die Gelegenheit für ein kleines Geschäft erkannt hat: Ein Mann läuft die Warteschlange auf und ab und ruft: „Kaltes Bier“. Wir kaufen ein Jever für faire 3 Euro und teilen es uns. Als wir dem Eingang nach einer Dreiviertelstunde des Festgeklemmtseins keinen Meter nähergekommen sind, erklären wir den Samstagabend für beendet und gehen nach Hause.
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