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Straße von HormusWarum der Iran am meisten unter der Schließung leiden könnte

Die Mullahs scheinen mit der Schließung der Straße von Hormus einen Trumpf zu haben. Doch das könnte ihr ökonomischer Sargnagel werden.

Irans Ölförderung muss mit veralteter Technik arbeiten. Das erhöht die Risiken eines Förderstopps an einzelnen Bohrlöchern Foto: Leo Correa/ap/picture alliance

Wieder Schüsse an der Straße von Hormus. Wenige Stunden war am Freitag die Durchfahrt durch die Straße von Hormus zwar frei. Irans Außenminister Abbas Araghchi hatte dies als Entgegenkommen für den Waffenstillstand zwischen Israel und der Hisbollah im Libanon verfügt. Zwei Dutzend Tanker und Containerschiffe machten sich auf zur Durchfahrt. Doch nicht einmal einen Tag später stoppten die iranischen Revolutionsgarden dieses Zugeständnis und verfügten eine erneute Schließung – da die USA ihrerseits die Blockade iranischer Häfen nicht aufgehoben hätten.

Zwei Tanker, die trotzdem passieren wollten, wurden laut Agenturberichten von iranischen Kanonenbooten beschossen. Die anderen Schiffe drehten bei. Alles auf Halt. Nervenkrieg am Golf. Teheran hat nach Ansicht von immer mehr internationalen Geopolitik-Fachleuten mit der Kontrolle über den iranischen Abschnitt der Meeresenge einen Trumpf in der Hand.

Doch Milizen und Mullahs können ihn nicht lange ausspielen, wenn die USA weiter iranische Häfen abriegeln. Dann würden die iranischen Machthaber selbst zu einem der größten Opfer ihrer eigenen Politik, belegen Analysen.

Denn nach Meinung des Botschafters der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) in Berlin, Ahmed Alattar, könne der Iran nur zehn Tage lang einen Ölexport-Stopp durchhalten. Sollte die US-Blockade, die iranische Ölausfuhren stoppt, „bis in den Mai hinein andauern, müsste die Fördermenge erheblich reduziert werden“, sagte auch Richard Bronze von der Consultingfirma Energy Aspects.

Irans Öllager füllen sich bedenklich

Die USA hatten am 13. April damit begonnen, den Schiffsverkehr in und aus den iranischen Häfen zu blockieren. Dadurch entfallen Ölexporte von 1,8 bis 2 Millionen Barrel pro Tag an iranischem Rohöl. Chinesische Raffinerien nehmen etwa 90 Prozent der persischen Ölexporte ab. Seit Beginn der Blockade seien schon acht mit dem Iran in Verbindung stehende Öltanker abgefangen worden, berichtete das Wall Street Journal.

Das Problem, das jetzt auf Iran zukommt: Ölspeicher im Land können laut Energy Aspects noch etwa 30 Millionen Barrel lagern. Wenn die Exporte gestoppt werden aufgrund der US-Blockade, hätte das Land also noch 16 Tage Zeit, bevor die Lagerkapazitäten erschöpft sind. Andere Öl-Fachleute geben dem Land ein paar Tage mehr.

Iran hat daher ein großes Interesse, Ölproduktion und -ausfuhr aufrechtzuerhalten. Denn die Ölfelder des Landes sind deutlich älter als die in den Nachbarländern: Mehr als 70 Prozent sind länger als 50 Jahre im Betrieb, einige sogar seit den 1940er Jahren. Ihr Druck – also die Förderfähigkeit – ist deutlich abgefallen. In den VAE sind nur 30 Prozent der Ölvorkommen über 50 Jahre lang ausgebeutet worden. Iranische Ölanlagen sind nach Analystenberichten auch technisch deutlich veraltet, da sie wegen langjähriger Sanktionen kaum modernisiert werden konnten.

In der Folge bräuchte Irans Staatsölkonzern NIOC „drei bis vier Jahre, um die Förderung wieder hochzufahren“, sagte Alattar. Saudi-Arabien und die VAE bräuchten dafür laut unabhängiger Analysebüros nur einige Wochen bis Monate, falls die Ölförderung einzelner Bohrlöcher auf Tage oder Wochen heruntergefahren werden muss.

VAE-Botschafter sieht Iran mit dem Rücken zur Wand

In Iran besteht sogar die Gefahr, aufgrund des Alters der Felder und der Technik den Förderdruck gar nicht mehr aufbauen zu können – also ohne vollkommen neue, moderne, westliche Fördervorrichtungen die Ölproduktion gar nicht mehr wieder anfahren zu können.

Das setze Teheran erheblich unter Druck, betont Alattar. Das Land verliere schon jetzt „Einnahmen in Höhe von 400 Millionen Dollar täglich. Iran ist innenpolitisch schon jetzt in erheblichen Schwierigkeiten“, so der Botschafter. Die US-Blockade habe so „die Voraussetzung geschaffen, Iran an den Verhandlungstisch zu bringen“. Militärisch, wirtschaftlich und außenpolitisch seien die Kosten für das Regime „enorm“.

Allerdings auch für die Weltwirtschaft: Schon jetzt sind 14,2 Millionen Barrel pro Tag durch Kriegsschäden oder Förderstopps weggefallen, haben die Finanzmarktfachleute von Standard & Poor's errechnet. Die Rohölförderung der dem Ölkartell Opec angehörenden Staaten ist laut der führenden Rohstoffanalysefirma Platts auf das niedrigste Niveau seit 1989 gefallen.

Und die volle Wiederherstellung des Vorkriegsniveaus dürfte laut Fatih Birol, dem Chef der Internationalen Energieagentur IEA, zwei Jahre dauern – wenn der Krieg vorbei und die Straße von Hormus wieder frei passierbar ist, durch die ein Fünftel der globalen Öl- und Gastransporte fährt.

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