Aufnahme von geretteten Flüchtlingen

Koalition der Willigen

Seehofers Notfallplan zeugt von Erkenntnisgewinn. Er hat verstanden, dass die EU zwei Geschwindigkeiten bei der Aufnahme von Flüchtlingen braucht.

Ein Rettungsschiff auf dem Wasser

Gerettete Menschen auf der „Eleonore“, dem Schiff der Hilfsorganisation Mission Lifeline Foto: Johannes Filous/dpa

Noch steht „XXX“ in dem Papier, das regeln soll, welche EU-Staaten künftig vor Libyen gerettete Flüchtlinge aufnehmen. Deutschland hat bislang zugesagt, ein Viertel dieser Menschen für ein mögliches Asylverfahren ins Land zu lassen. Beim EU-Innenministertreffen am Dienstag sollen weitere Staaten der Übereinkunft beitreten – wenn sie wollen.

Manche sehen die Initiative von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) deshalb als Rückschritt – als Abkehr von Einstimmigkeit und Verbindlichkeit in der EU. Tatsächlich kann man froh sein, dass überhaupt wieder Bewegung in die Frage der Flüchtlingsverteilung gekommen ist, auch wenn Seehofers Plan nur für einen sehr kleinen Teil der Ankommenden gelten soll.

Einigen ist selbst das schon zu viel, etwa dem Unionsfraktionschef Ralf Brinkhaus. Der geht Seehofer für seine Asyl-Initiative fast so an, wie Seehofer selbst es bis zum vergangenen Jahr mit Angela Merkel getan hatte. Leute wie Brinkhaus haben ganz offensichtlich nicht begriffen, wie wichtig dieser – ja überaus zaghafte – Schritt in Richtung europäischer Lastenteilung ist.

Die EU hat von Italien in diesen Monaten noch einmal Aufschub bekommen. Der überraschende Ausgang der Regierungskrise im Sommer hat die Möglichkeit geschaffen, mit den Außengrenzenstaaten endlich ein System gerechten Ausgleichs zu schaffen. Gelingt dies nicht, hat Matteo Salvini beste Chancen, bei der nächsten Wahl endgültig die Macht zu übernehmen. Und eine Neuwahl könnte schon bald anstehen: Die Koalition in Rom ist ausgesprochen fragil.

Der Rest kann dem guten Beispiel folgen

Jahrelang hat die EU keine Reform ihrer Dublin-Regelung zuwege gebracht – auch wegen Deutschlands Blockadehaltung. Seehofers Malta-Plan ist nun auf sechs Monate befristet. In dieser Zeit muss die EU einen umfassenden Solidaritätsmechanismus etablieren. Die Bedingungen dafür sind – durch das Ausscheiden von FPÖ und Lega aus Regierungsämtern – besser geworden. Wirklich gut sind sie nicht – Staaten wie Ungarn und Polen werden nicht mitziehen.

Seehofers Plan hat daraus wenigstens Konsequenzen gezogen. Die Staaten, die mitmachen wollen, können das tun. Der Rest bleibt draußen – kann aber den guten Beispielen folgen und nachziehen. Nach diesem Prinzip der zwei Geschwindigkeiten könnte eine Vorstufe für eine neue Dublin-Regelung eine Chance haben. Das Signal, das die „Koalition der Willigen“ an Italien, Malta, Griechenland, Zypern und Spanien senden muss, lautet: Wir lassen euch mit den Flüchtlingen nicht wieder allein. Gelingt das nicht, wird die sich schon abzeichnende nächste Flüchtlingskrise unter Garantie auch zur Krise der EU selbst.

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Seit 2006 bei der taz, zuerst bei der taz Nord in Bremen, dann Redakteur bei taz1, seit 2014 im Ressort Reportage und Recherche. Seit 2016 erschienen von ihm im Ch. Links Verlag "Die Bleibenden", eine Geschichte der Flüchtlingsbewegung, "Dikatoren als Türsteher" (mit Simone Schlindwein) und "Angriff auf Europa" (mit M. Gürgen, P. Hecht. S. am Orde und N. Horaczek) https://t1p.de/imjo. 2019 erscheinen zudem der "Atlas der Migration" (Hrsg. Rosa Luxemburg Stiftung, https://t1p.de/qsa2) und der "Atlas der Zivilgesellschaft" (Hrsg. Brot für die Welt, https://t1p.de/qs)

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