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Aufmerksamkeitspolitik„Immer mehr Menschen merken, dass etwas nicht stimmt“

Meta & Co stehlen unsere Aufmerksamkeit, sagt die Filmemacherin Alyssa Loh. Einzeln kämen wir dagegen nicht an, deshalb brauche es eine Bewegung.

Loh wünscht sich eine politische Bewegung, die Aufmerksamkeit befreit Foto: Norman Wong
Tobias Bachmann

Interview von

Tobias Bachmann

taz: Alyssa Loh, wie viel Zeit haben Sie heute schon an Ihrem Smartphone verbracht?

Alyssa Loh: Viel mehr als ich eigentlich wollte. Das passiert mir ständig und vielen anderen auch.

taz: Warum können wir uns so schlecht von unseren Bildschirmen lösen?



Loh: Weil es eine Multibillionen-Dollar-Industrie gibt, deren zentrales Ziel es ist, uns an unsere Geräte zu fesseln. Die bestbezahlten und -ausgebildeten Ingenieur*innen der Welt entwickeln dafür ausgeklügelte Technologien.

Im Interview: 

Alyssa Loh lebt als Filmemacherin und Schriftstellerin in New York. In ihren Werken erkundet sie, wie die Digitalisierung unsere Leben verändert. Seit 2018 ist sie bei den „Friends of Attention“ aktiv, einer Gruppe von Kunst- und Kulturschaffenden, die mit Publikationen und Trainings gegen die Kommerzialisierung der Aufmerksamkeit ankämpft.

taz: Technologien wie das Infinite Scroll, also das unendliche Nachladen von Bildern und Videos bei Tiktok und Co?

Loh: Genau. Infinite Scroll zählt zu den Dark Patterns, also jenen Designmerkmalen von Software und Geräten, die darauf ausgelegt sind, uns süchtig zu machen. Besonders Smartphones sind voll davon. Sie sind nicht so konzipiert, dass wir damit tun können, was wir wirklich wollen.

taz: Sondern?

Loh: Smartphones sind darauf ausgelegt, die Ziele der Techkonzerne voranzutreiben. Während du am Handy scrollst, messen Meta, Google und Co, wie lange du in die eine oder andere Ecke deines Bildschirms schaust. Sie verfolgen, was dich interessiert. Und je länger du an deinem Gerät bist, desto mehr Daten können sie von dir sammeln – um sie an den Meistbietenden zu verkaufen.

taz: In Ihrem neuen Buch „Attensity! A Manifesto of the Attention Liberation Movement“ beschreiben Sie diese Praktiken als „Fracking an Menschen“. Ist das nicht etwas übertrieben?

Loh: Nein. So wie das Fracking zur Gewinnung von Erdgas unsere äußere Umwelt zerstört, schadet das Fracking der Techbranche unserer inneren Umwelt. Es verschmutzt unseren Geist und unsere Sinne, kann zu Depressionen, Angstzuständen und Gefühlen der Isolation führen – besonders, aber längst nicht nur, bei jüngeren Generationen.

taz: Sie schreiben, bedroht sei dabei etwas ganz Grundsätzliches: unsere Aufmerksamkeit.

Loh: Richtig. Die Techindustrie stiehlt sie uns, um Geld daraus zu machen. Je mehr wir von unseren Bildschirmen sitzen, desto weniger Aufmerksamkeit widmen wir anderen Dingen, die uns möglicherweise mehr Freude bereiten und viel besser tun würden.

taz: Zum Beispiel?

Loh: Das kann alles Mögliche sein: lesen, klettern, backen, mit einer Freund*in sprechen oder mit dem Hund spazieren gehen.

taz: Viele Menschen versuchen, weniger am Handy zu sein. Sie schrieben kürzlich in der New York Times, dadurch würden wir zu „ängstlichen Buchhaltern unserer eigenen Aufmerksamkeit“. Was meinen Sie damit?

Loh: Viele verstehen Aufmerksamkeit heute vor allem numerisch. „Oh mein Gott“, denken sie ständig, „ich habe schon wieder 17 Minuten auf Instagram verbracht.“ In Ihrer ersten Frage haben Sie mich auch direkt nach meiner Screentime gefragt.

taz: Warum soll das ein Problem sein?

Loh: Aufmerksamkeit ist viel mehr als eine Zeitspanne. Es ist eine Art, in der Welt präsent zu sein, mit dem Geist und den Sinnen. Sie beeinflusst, wie wir unser Leben erfahren, wie es sich anfühlt, mit unseren Kindern, Eltern, Freunden zu sein. Für vieles Gute im Leben ist die Aufmerksamkeit zentral. Auch für die Demokratie.

taz: Inwiefern?

Loh: Für einen produktiven politischen Diskurs müssen Menschen sich einander zuwenden, zuhören – sich also Aufmerksamkeit schenken, gerade wenn sie unterschiedlicher Meinung sind. Das klappt am besten, wenn sie sich im echten Leben begegnen. Die digitalen Räume, in denen heute viele politische Debatten ausgetragen werden, sind zunehmend monetarisiert und so gestaltet, dass sie produktive Gespräche verunmöglichen.

taz: Weil soziale Medien polarisierende Beiträge an mehr Menschen ausspielen?

Loh: Zum Beispiel, ja. Die Techkonzerne verdienen viel Geld an unserer Wut und daran, uns zu spalten. Isoliert vor unseren Geräten geraten wir zudem leichter in ideologische Silos. Es ist schwer vorstellbar, dass die Polarisierung in den USA den heutigen Krisenpunkt ohne die zunehmende Kommerzialisierung der Aufmerksamkeit erreicht hätte.

Probieren Sie die wochentaz

taz: Mit Ihrem neuen Buch wollen Sie eine politische Bewegung anstoßen. Sie soll die Aufmerksamkeit befreien. Wie stellen Sie sich das vor?

Loh: Wir kämpfen für einen kulturellen Wandel. Wir wollen verändern, wie Leute über ihre Aufmerksamkeit nachdenken und mit ihren Mitmenschen darüber sprechen. Wenn wir die Kommerzialisierung der Aufmerksamkeit aufhalten wollen, müssen wir ein Verständnis von Aufmerksamkeit schaffen, das nicht numerisch, also nicht wirtschaftlich verwertbar ist.

taz: Könnte die Techbranche nicht einfach besser reguliert werden?

Loh: Meine Co-Autor*innen und ich sind Kulturmenschen. Sicherlich gibt es viele mögliche Gesetzesänderungen, die der Befreiung der Aufmerksamkeit förderlich wären. Aber uns geht es darum, den wirklichen Wert der Aufmerksamkeit als öffentliche Idee zu etablieren.

taz: Und wie genau wollen Sie verändern, wie Menschen über ihre Aufmerksamkeit nachdenken?

Loh: Wir fangen nicht bei null an. Die meisten Menschen praktizieren bereits hin und wieder Aufmerksamkeitsaktivismus. Nur sehen sie das nicht so. Wir wollen sie also zunächst dazu einladen, darüber nachzudenken, wann und in welchen Momenten ihres Lebens sie sich aufmerksam fühlen.

taz: Wie merkt man denn, ob man aufmerksam ist?

Loh: Wenn die Welt und andere Menschen uns echt und nah erscheinen, wir den Kontakt zu ihnen mit unserem Geist und unseren Sinnen spüren. Statt leer und fremd fühlen wir uns dann im besten Fall energetisiert und erneuert. Mir geht das beispielsweise so, wenn ich jemanden Neues treffe und die Person plötzlich ganz anders ist, als ich es mir im Kopf vorgestellt habe. Für andere Menschen kann das ganz Verschiedenes sein: eine Dinnerparty, sich um ein Kind kümmern, mit fünf Freunden Skaten gehen oder Bridge spielen, zum Beispiel.

taz: Wie wird daraus eine Bewegung?

Loh: Indem immer mehr Leute merken, wann und wo sie wirklich aufmerksam sind und diese Räume dann ausbauen und mit anderen teilen. Museen, Bibliotheken, Leseklubs, Basketballplätze, Yogastudios – sämtliche Orte, in denen wir unsere Smartphones in die Tasche stecken, können Orte des Aufmerksamkeitswiderstands sein.

taz: Könnten sich nicht alle einfach so vornehmen, weniger am Handy zu sein?

Loh: Das wird nicht genügen. Zwischen uns Menschen und der Techbranche gibt es eine immense Asymmetrie. Viele beginnen erst jetzt, über die Rolle der Aufmerksamkeit in unserem Leben nachzudenken. Die wirtschaftliche Ausbeutung der Aufmerksamkeit wurzelt hingegen in über einem Jahrhundert militärischer und laborbasierter Forschung. Mit der Erfindung des iPhones hat sie sich noch einmal intensiviert. Um dieser Asymmetrie zu begegnen, braucht es kollektives Handeln, also eine Bewegung. Die zentrale Idee, um die sie sich organisieren kann, ist: Aufmerksamkeit. Sie ermöglicht soziale Identität für Menschen ganz verschiedener Hintergründe, weil alle vom Aufmerksamkeitsdiebstahl betroffen sind.

taz: Was macht Ihnen Hoffnung, dass eine solche Bewegung gegen die Macht der Techkonzerne ankommen kann?

Loh: Es ist immer schwer, sich etwas anderes als die Gegenwart vorzustellen. Aber ein Blick in die Geschichtsbücher genügt, um zu sehen: Alle möglichen sozialen Rechte, die wir heute kennen, schienen zunächst unerreichbar. Und doch wurden sie von breiten Bewegungen erkämpft. Die Welt wird sich wieder ändern.

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10 Kommentare

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  • Alles richtig, außer dass man alleine nicht dagegen ankommt. Ich habe meine Meta-Konten gelöscht und es ist jetzt recht einfach Facebook nicht zu nutzen. Bei tiktok habe ich erst keins gemacht, X ist so überladen mit Dummheit, dass ich gar kein Verlangen danach spüre es zu öffnen, Google-Dienste nutze ich auch nicht. Wer mir eine Mail von einer suspekten Mail-Domain schreibt (z.B. Gmail oder so) wird abgelehnt und bekommt einen Hinweis, dass ich nur Mails von seriösen Anbietern durchlasse. Trotzdem arbeite ich als Freelancer und habe ausreichend Aufträge über andere Kanäle. Man muss nicht auf irgendwelche anderen warten, um das richtige zu tun.



    Einfach anfangen klappt immer noch am besten.

  • Wir brauchen eine neue Kultur? Ich habe den Schlüssel zu einer neuen Kultur. Der wurde schon vor 100 Jahren gefunden, jetzt ist er - angepasst an unsere Zeit - wieder verfügbar: Es scheint völlig abwegig: Ein Bewegungskonzept, das nebenbei hoch gesund ist, ist vor allem so angenehm, so umfassend befriedigend, dass es nicht nur zum dringenden täglichen Bedürfnis wird, sondern uns von materiellen und informellen Konsum, ja Sucht, abbringt. Es ist ein Lebenskonzept, weit mehr als nur eine freie Körperkultur: Das Paradieslaufen.



    Das scheint auf den ersten Blick viel zu banal zu sein, um eine derartige Wirkung entfalten zu können, befördert den Menschen jedoch in eine fundamental andere Lebenswelt, in Harmonie mit sich selbst und im Einklang mit der Natur - und doch kein Aussteigen, sondern im Gegenteil, ein Einsteigen in die Realität, allen Süchten entfliehen, gesunden, um Kraft zu entwickeln, sich und die Gesellschaft zu verändern.

  • Als Gehörgeschädigter hatte ich bereits für ganz einfache Taschentelefone mit Tastatur keinerlei Verwendung.



    Dadurch bin ich in den "Genuss" gekommen über die letzten 30 Jahre die schleichende Verwandlung vieler meiner Mitmenschen aller Altersklassen ganz von der passiven Seite her zu beobachten...

    Was da zu erleben war hat mir vollauf gereicht weiterhin auf solche Technik zu verzichten. Beängstigend, wie heute junge (und alte!) Paare nebeneinader hocken, die Finger auf ihrem Schirmchen. Und keinen Blick füreinander.



    Ich habe unterwegs Mitreisende erlebt, die in den Wüsten des Oman allabendlich stundenlang auf dem Bauch lagen, den Blick nur auf dem bunten Geflacker, statt auf der Himmelsweite, die in Namibia jedes Fußballergebnis einer Drittligamannschaft mehr interessiert hat, als die Landschaft ringsum.

    Ich möchte nicht auch so ein Ferngesteuerter werden. Kommen als Erstes die Taschengehirne auf den Frühstückstisch, wechsele ich persönlich den Platz.



    In meiner Abwesenheit mag das dann jeder/jede gerne halten, wie er/sie es mag...

  • Menschen sind meiner Meinung nach nicht so dumm wie oft vermutet. Mich persönlich stößt "Infinite Scroll" zum Beispiel total ab. Natürlich verbringt man anfangs Zeit damit, bis man das System durchschaut hat, aber dann nervt es total und ich habe keine Lust mehr, die entsprechenden Dienste zu nutzen. Geht bestimmt nicht nur mir so. Auch die Gen Z wird einen erwachsenen Umgang mit Social Media lernen. Wahrscheinlich sogar eher als manche Boomer, die spät im Leben Facebook entdeckt haben und heute noch darauf rumhängen.



    Mein zweiter Punkt ist, dass nicht nur Social Media dazu beiträgt, den Menschen Zeit zu stehlen, sondern es auch in den klassischen Medien anscheinend nur noch darum geht, was gut klickt. Sieht man zum Beispiel daran, wenn bestimmte Kriminalfälle zum x-ten mal Titelthema sind, obwohl es für die Opfer sicher besser wäre, nicht in der Öffentlichkeit zu stehen. Natürlich waren Katastrophenmeldungen, Kriegsberichte und politische Aufregerthemen schon immer Titelthemen der Zeitungen. Aber auch bei diesem Thema denke ich: Die Menschen sind nicht dumm. Warum für etwas zahlen, was permanent schlechte Laune fördert? Darin stimme ich zu: Lieber im echten Leben Menschen treffen.

  • Sehr wichtiges Thema!

    Doch leider wird Natur nicht erwähnt. Die beste Regulation und Schulung aller Sinne kann gelingen, wenn man z.B. gärtnert oder in der Wildnis Natur wahrnimmt.



    Die Digitalisierung ist nur ein weiterer Schritt bei der Entfremdung von der Natur, von der wir zuvor schon getrennt waren.



    Einen Samen zu säen, geht nur mit entsprechender Feinmotorik, die durch die Nutzung von Smartphones bei Grundschülern bereits deutliche Rückschritte in der Feinmotorik zu beobachten sind.



    Unsere Nahrung schmeckt bereits nicht mehr so wie sie mal geschmeckt hat, sodass auch Vergleichswerte fehlen.



    Und jetzt ist noch unsere Aufmerksamkeit flöten gegangen. Keine schönen Aussichten.

    Ich baue seit 6 Jahren Gemüse an und versuche seitdem eine Gemeinschaft aufzubauen. Viele haben es versucht. Doch am Ende stellte sich bei den meisten heraus, dass sie eigentlich keine Zeit dafür haben.



    Viele Menschen machen total viel in ihrem Leben - und wollen oft noch mehr.

    Das beste, was ich mache, um aufmerksam sein zu können, ist: nichts!



    Nichts machen, die Gedanken treiben und die Seele baumeln lassen.



    So gesehen das Gegenteil von Reizüberflutung.

    • @Marc Seeger:

      Dankeschön Marc! Genau so ist es.

      Zen/Meditation könnte dabei hilfreich sein wirklich nichts zu tun.

      Im Wald (ohne Handy/Smartphone) spazieren zu gehen natürlich auch.

      Ängstliche Anfänger können natürlich ersma mit ausgeschaltetem Handy/Smartphone anfangen mit dem Waldbaden.

      Beim zweiten oder dritten Waldbaden dann einfach das Handy/Smartphone zu Hause lassen und sich wundern wie wunderschön und entspannend der Wald ist. :-))

    • @Marc Seeger:

      Ich kann diesen „Notausgang“ gut nachvollziehen – und doch erinnert er stark an alte romantische Muster: die Flucht aus der Moderne, wenn sie zu komplex, zu laut, zu widersprüchlich wird.

      Natürlich kann man dem Gemüse beim Wachsen zusehen. Aber man kann genauso in ein gutes Buch versinken, in Musik, in Kunst. Aufmerksamkeit ist kein exklusives Privileg der Natur.

      Was dabei mitschwingt, ist weniger Heilung als Rückzug – und damit auch die Frage nach Isolation und Einsamkeit. Nicht jeder kann oder will sich dorthin zurückziehen, und nicht jeder findet darin etwas Tröstliches.

      Die eigentliche Herausforderung bleibt doch: Wie gehen wir mit einer Realität um, die sich nicht ausblenden lässt? Mit einer Entwicklung, die fast dystopisch wirkt – wenn Kinder Wischgesten beherrschen, bevor sie Buchstaben kennen.

      Der Rückzug mag für den Einzelnen funktionieren. Die Lösung ist er nicht.

  • So wichtig, dass dieses Thema aufgegriffen wird. Aufmerksamkeit ist die wertvollste Ressource, die wir haben und vergeben können. Alles, was wir tun, wird besser oder schlechter je nach unserer Aufmerksamkeit. Der höchste Grad von Aufmerksamkeit ist Liebe.

    Normalerweise haben Menschen die Fähigkeit, ihre Aufmerksamkeit zu lenken und zu regulieren - wie eine Taschenlampe, die wir auf etwas richten, mal hell, mal schwach, mal fokussiert, mal breitgestreut - und natürlich auch geteilt. Aufmerksamkeit ist außerdem eine Form von Energie, wir senden sie und wir empfangen sie. Wer schon mal etwas vor Publikum gemacht hat, kennt den Effekt deutlich, aber selbst im persönlichen Gespräch ist er wahrnehmbar.

    Deswegen ist es fatal, dass unsere Aufmerksamkeit kommerzialisiert, ferngesteuert und wie im Bergbau abgebaut wird, optimiert auf maximalen Ertrag und im industriellen Maßstab. Bei diesem "Deal" - Aufmerksamkeit und Daten gegen Nutzungsrecht von Software zahlen wir täglich einen viel zu hohen Preis. Kein Wunder, dass die Konzerne der Aufmerksamkeitsökonomie zu den reichsten der Welt gehören. Die Verwüstungen, die sie verursacht, sind dieser Branche gleichgültig.

  • Die aktuelle Entwicklung hat wohl auch mit der Wiederentdeckung der Langeweile zu tun – und mit den Kräften, die sie freisetzt, wenn man sie zulässt. In dieser Leere entstehen Prozesse, die tragen und erfüllen.



    Allerdings braucht es dafür ein stabiles Fundament: Bildung und Sozialisation entscheiden darüber, ob daraus etwas Produktives wächst – oder eben nicht.



    Insofern ist eine altersbezogene Regulierung ebenso sinnvoll wie eine stärkere Verankerung im Bildungssystem. Auch Moderation spielt hier eine zentrale Rolle.



    Der letzte Schritt wäre dann konsequent: diesen Plattformen den Status einer vierten Gewalt zuzuschreiben – etwas, das es in dieser Form bislang nicht gab.



    Das wiederum würde allerdings einen starken demokratischen Willen voraussetzen, den ich bei den Stakeholdern im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ derzeit nicht erkenne.

  • Wir starren auf leuchtende Kacheln, während die Welt um uns herum verblasst. Die psychische Abhängigkeit vom Smartphone hat uns in eine digitale Isolation getrieben, die wir fälschlicherweise „Vernetzung“ nennen. Während wir im Sekundentakt Dopamin-Schübe durch belanglose Likes ernten, stirbt die echte, zwischenmenschliche Resonanz. Wir sind physisch anwesend, aber geistig in den Echokammern von Algorithmen gefangen, die darauf programmiert sind, unsere Aufmerksamkeit zu stehlen und unsere Wut zu bewirtschaften.



    ​Diese Dauerberieselung führt zu einer schleichenden Entsolidarisierung. Wer nur noch den eigenen Feed füttert, verliert den Blick für das Gegenüber, für die Nuancen des Gesprächs und die Not des Nachbarn. Wir verlernen das Zuhören und die Geduld. Das Handy ist zum Schild geworden, hinter dem wir uns vor echter Begegnung verstecken. Es ist Zeit, den Blick zu heben! Wahre Solidarität braucht Augenkontakt, kein Emoji. Wir müssen uns die Hoheit über unsere Aufmerksamkeit zurückerobern, bevor wir in einer Gesellschaft aufwachen, die zwar perfekt vernetzt, aber menschlich völlig erkaltet ist. Legt das Gerät weg und fangt an zu leben!