Aufklärung über DDR-Jugendhilfe: „Über repressive Heimerziehung ist wenig bekannt“
Die Gedenkstätte Jugendwerkhof Torgau gastiert mit einer Ausstellung in Hamburg. Sie möchte auch Betroffene erreichen, sagt Sprecherin Manuela Rummel.
Foto: Hendrik Schmidt/dpa
taz: Frau Rummel, die Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau ist in Hamburg mit der Ausstellung Blackbox Heimerziehung zu Gast. Was zeigen Sie dort?
Manuela Rummel: Die Box ist ein umgebauter Seecontainer mit einer Ausstellung zur Geschichte der repressiven DDR-Heimerziehung. Wir stellen darin Heime vor, die es in der DDR zur sogenannten Umerziehung zur sozialistischen Persönlichkeit gab. Dabei geben wir vor allen den Betroffenen, die das damals erleben mussten, mit Bild- und Videosequenzen viel Raum. Und wir stellen auch aktuelle Themen dar, die heutige Erziehung betreffend. Es gibt Kontinuitäten, auf die wir achten müssen.
taz: Warum nennen Sie es Blackbox?
Rummel: Über repressive Heimerziehung ist wenig bekannt, selbst auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. Torgau ist bundesweit die einzige Gedenkstätte zur Heimerziehung. Wir leisten Aufklärungsarbeit, beraten Betroffene, recherchieren ihre Akten. Wir führen auch eine Zeitzeugen-Datenbank mit Interviews. Es ist vieles noch nicht aufgearbeitet.
taz: Was war am Jugendwerkhof Torgau besonders?
Rummel: Torgau war geschlossen und bildete zu DDR-Zeiten die Endstation im Erziehungssystem. In der DDR konnte man Kinder und Jugendliche ab dem Alter von sechs bis 18 Jahren als schwererziehbar einstufen. Jegliche Abweichung konnte dazu führen. In den Akten finden sich Begriffe wie „Schulbummelei“, „renitentes Verhalten“ oder „westlich orientiert“.
taz: Wann kamen Jugendliche nach Torgau?
Rummel: Also es gab für die Umerziehung von Kindern ab 6 Jahren Spezialkinderheime und für über 14-Jährige die Jugendwerkhöfe. Wer sich dort nicht konform verhielt, konnte nach Torgau eingewiesen werden. Hier wollte man „Erziehungsbereitschaft“ herstellen und den Willen der jungen Menschen brechen. Da reden wir von vielen Dingen: Die Ankunftsprozedur, das Entkleiden, Untersuchung in allen Körperöffnungen, Haare abschneiden, desinfizieren am ganzen Körper. Dann für mehrere Tage Arrest in der Zuführungs-Arrestzelle. So sah die Begrüßung aus.
Blackbox Heimerziehung, bis 13. 8., Platz der Deutschen Einheit, Hamburg, Mo-Fr 10 bis 18, Sa und So 11 bis 19 Uhr. Am 13. 8., 16 Uhr, Rundgang mit Zeitzeugen im Beisein der Bundesbeauftragten für Opfer der SED-Dikatatur, Evelyn Zupke
taz: Und dann?
Rummel: Dann ging es weiter mit einem durchgetakteten Tagesablauf, mit Zwangssport und Arbeitserziehung. Es gab auf allen Etagen Arrestzellen und als verschärfte Form den Dunkelarrest und den „Fuchsbau“. Das war ein Verschlag unter der Treppe, ca. 1,2 Meter hoch. Auch dort sperrte man Jugendliche bei absoluter Dunkelheit ein.
taz: Ist all das heute als Unrecht anerkannt?
Rummel: Ja. Wer in Torgau war, kann sich auch offiziell rehabilitieren lassen. Für alle anderen Betroffenen sind es Einzelfallentscheidungen, aber die Möglichkeit besteht. Nach wie vor ist das Thema Heimkind mit Stigma behaftet. In sozialen Medien hört man heute noch Sätze wie: „Das hatte alles seine Berechtigung“. Und von Seiten des ehemaligen Personals gibt es kaum Bereitschaft, der Wissenschaft Interviews zu geben. Die meisten Anzeigen gegen das Personal ließ man damals aus Mangel an Beweisen fallen. Es ist schwer zu beweisen, zu welcher Uhrzeit durch welchen Mitarbeiter exakt was stattfand. Deshalb konnten manche in dem Bereich weiterarbeiten. In der frühen Bundesrepublik gab es auch repressive Heime. Aber dort kam es durch die 68er-Bewegung zur Heimreform. In der DDR blieb Torgau in dieser Form bis 1989 erhalten.
taz: Wo zeigen Sie diese Ausstellung noch?
Rummel: Wir haben sie zunächst an Orten gezeigt, wo es diese Heime gab, aber nichts mehr daran erinnert. Das sind heute teils schön restaurierte Gebäude. 2026 zeigen wir sie in ganz Deutschland, weil insgesamt wenig darüber bekannt ist. Und wir möchten Betroffene erreichen, die heute vielleicht in Hamburg leben. Wir können sie unterstützen, ihre Schicksale zu klären.
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