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Artenschutz in KriegszeitenGibt es in Syrien noch Hyänen?

Der Fortbestand bedrohter Tierarten ist mehr als eine Frage der Artenvielfalt. Es geht um nicht weniger als um die Zukunft Syriens.

Das Tal der Hyänen in den Bergen nahe Aleppo war einmal ein verwunschener Ort. Nur selten trauten sich die Menschen dorthin. Wenn, dann waren es furchtlose Jäger. Oder Frauen aus den umliegenden Dörfern, die in dem Tal wilde Kichererbsen oder Heilkräutern sammelten. Leichtfertig wagte sich niemand dorthin. Die Angst vor der Hyäne im Norden von Syrien war schon immer sehr groß.

Dann kam der Krieg, und mit ihm gerieten auch die Menschen und Hyänen in Syrien in einen Konflikt. Die Menschen flohen in die Berge, suchten Zuflucht in Höhlen, errichteten Siedlungen, die Zelte der Vertriebenen bedeckten das Tal. Die Furcht vor den Bomben Assads war größer als die Angst vor den Hyänen. Wie die Menschen vor Assad, flohen die Hyänen vor den Menschen und zogen sich in noch abgelegenere Regionen zurück. Auf der Suche nach Nahrung kamen sie immer wieder zurück.

Erst durchwühlten sie nur den Müll, dann rissen sie das Vieh der Vertriebenen, wagten sich bis an die Frontlinie, die Leichen der Kämpfer waren eine einfache Beute. Mensch und Tier waren beide Opfer des Krieges. Vereint in ihrem Kampf ums tägliche Überleben bekriegten sie sich. „Wir mussten vorsichtig sein“, sagt Abu Ismail, ein Bewohner des Lagers Khair al-Sham im Tal der Hyänen, „damit niemand aus dem Lager, vor allem die Kinder, den Hyänen zum Opfer fällt, bei Einbruch der Dunkelheit streifen sie bei uns umher.“

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Und während vom Himmel die Bomben fielen, wurde unten die Jagd auf die Hyänen eröffnet und WhatsApp-Gruppen wurden gegründet: Wer hat wo eine Hyäne gesehen? Wo sind ihre Spuren? Hat jemand ihr Heulen gehört?

Wie die Menschen vor Assad, 
flohen die Hyänen vor den Menschen

Auch früher schon, vor dem Krieg, wagten sich vereinzelt Jäger ins Tal. Sie stellten Fallen auf, trieben die Hyänen bis zur Erschöpfung mit Hunden oder legten Feuer vor ihren Höhlen und räucherten die Tiere so aus. Die Jagd, die mit der Ankunft der Menschen im Tal der Hyänen einsetzte, hatte eine andere Dimension. Wie bei jedem Konflikt ging es auch hierbei um Ressourcen. Die Hyänen witterten Nahrung, die Menschen erhofften sich von der Jagd auf die Tiere viel Geld.

Bereits die alten Griechen und Römer glaubten, dass das Fleisch und die Knochen der gestreiften Hyäne magische Kräfte hätten. Man könnte damit das Böse abwehren und Fruchtbarkeit schenkte es auch. Der Mythos hält sich bis heute, Hyänenfleisch verkauft sich sehr gut. Das Fell wiederum ist bei Drogenschmugglern begehrt. Sie glauben, wenn sie ihre Ware in das Fell einer Hyäne einwickeln, könnten die Drogen von Spürhunden nicht erschnüffelt werden. Offensichtlich glaubt die Polizei das auch. Es gibt eine Verordnung, wonach fotografisch dokumentiert werden muss, dass das Fell einer erlegten Hyäne vergraben wurde.

Aber in Kriegszeiten sind Verordnungen selten das Papier wert, auf dem sie geschrieben stehen. Gewinn verspricht auch eine lebend gefangene Hyäne. Eingesperrt in einen Käfig tingelt der erfolgreiche Jäger mit ihr von Dorf zu Dorf und stellt sie für ein paar Dinar auf dem Dorfplatz für die Schaulustigen aus.

Auch wenn es aufgrund der Folgen des mehr als ein Jahrzehnt dauernden Krieges kaum Studien gibt, kann man getrost sagen, dass die Hyänen in Syrien vom Aussterben bedroht sind. Schätzungen gehen von gerade einmal einigen Dutzend verbliebenen Hyänen aus.

Das ökologische Gleichgewicht wiederherstellen?

Die Weiterexistenz der Hyänen in Syrien ist dabei mehr als nur eine Frage des Artenbestandes. Es geht um nicht weniger als um die Zukunft Syriens. Auch wenn der Wiederaufbau der Infrastruktur und der maroden Gesundheitsversorgung momentan das Wichtigste ist, ist für ein lebenswertes Syrien im Jahr 2050 folgende Frage von entscheidender Bedeutung: Wie kann das ökologische Gleichgewicht wiederhergestellt werden?

Hyänen als Paradebeispiel für die Artenvielfalt

Seit Beginn des Jahrtausends hat Syrien 30 Prozent seiner Waldfläche eingebüßt, ein Großteil durch unkontrollierte Abholzung während des Krieges. Munition und Kampfmittelreste haben vielerorts den Boden verseucht, in einigen Schlachten wurde Munition eingesetzt, die mit Schwermetallen und gefährlichen Chemikalien belastet war. Ölraffinerien und Verarbeitungsanlagen wurden durch Luftangriffe und Artilleriebeschuss getroffen, was zu massivem Ölaustritt führte und Oberflächen- und Grundwasser sowie landwirtschaftlichen Boden kontaminierte.

Kläranlagen wurden zerstört, Abfälle werden noch immer unkontrolliert verbrannt, da es kaum Müllentsorgung gibt. Die Liste der heutigen Umweltprobleme von Syrien ließe sich endlos fortsetzten. Klar ist: Die Folgen der genannten Beispiele werden nicht nur das Ökosystem, sondern auch Menschen und Tiere noch jahrzehntelang belasten.

Hyänen, so wenige nach dem Krieg übriggeblieben sein mögen, sind ein gutes Beispiel dafür, wie wichtig Artenvielfalt für das ökologische Gleichgewicht ist. Dadurch, dass die etwa ein Meter langen und bis zu 45 Kilo schweren Hyänen schwache und kranke Tiere jagen, verhindern sie die Ausbreitung von Krankheiten und sichern damit das Überleben der gesunden Beutetiere. Zudem säubern sie die Natur von Kadavern und Aas.

Nicht nur für die Hyänen wäre es eine gute Nachricht, wenn sie im Jahr 2050 ihr Tal in den Bergen nahe Aleppo wieder für sich allein hätten. Es würde auch bedeuten, dass die Menschen, die bis heute dort in ihren provisorischen Behausungen leben, endlich ein neues Zuhause hätten. Der Krieg ist zwar vorbei, der Kampf für ein lebenswertes Syrien hat gerade erst begonnen. Er wird noch sehr lange dauern.

Sawsan al-Hussein, syrische Journalistin aus Idlib, Redakteurin bei Focus Aleppo und Journalistin bei Khatt 30.

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