Syrien im Jahr 2050: Beginnt in Syrien der Tag am Abend?
Wenn es immer heißer wird, wenn tagsüber an Arbeit nicht mehr zu denken ist – dann bleibt nur die Nacht. Eine Utopie der Dunkelheit.
Wenn die Sonne hinter den Bergen von Latakia über der Al-Ghab-Ebene westlich der Provinz Hama untergeht, bedeutet das für die Schäferin Fatima Um Ahmad nicht, dass der Tag vorbei ist. Vielmehr bedeutet es, dass er endlich beginnt. Sie öffnet die Tür ihres Hauses und geht mit ihrer Herde auf die Straßen, die noch die Hitze des Tages speichern, und macht sich auf den Weg zur Weide.
Fatima erinnert sich, wie ihre Mutter vor 25 Jahren um diese Tageszeit zurückkehrte, um sich auszuruhen. Aber heute, im Jahr 2050, messen die Menschen die Zeit nicht mehr anhand von Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, sondern anhand der Temperatur im Sommer, die bestimmt, wann sie rauskönnen und wann sie sich verstecken müssen.
Fatima zeigt auf ihre aneinandergedrängten Schafe und sagt: „Das Leben beginnt jetzt im Sommer nach Sonnenuntergang, denn tagsüber kann man nicht mehr weiden, und die Sonne ist nicht mehr wie die Sonne, die wir vor Jahren kannten.“ Fatima hat keine andere Wahl, als nachts zu arbeiten, wenn die Temperatur etwas sinkt und sie und ihre Tiere sich fortbewegen können. Sie erklärt, dass die Schafe in der Hitze schnell ermüden, ihre Schritte verlangsamen, manchmal nicht trinken wollen und einige von ihnen allmählich an Gewicht verlieren.
Wie die arabische Welt der Zukunft begegnet
Im Jahr 2050 droht der Region der Klimakollaps. Gibt es nur noch Hitze? Oder auch Hoffnung? 25 Journalistinnen aus 16 arabischsprachigen Ländern haben im Rahmen des zweijährigen Projekts MENA Green Panter (2024–2026) der taz panterstiftung erfrischende Antworten erarbeitet. Am 17. Juni 2026 findet der taz panter talk in Berlin dazu. Eine Podcastfolge dazu gibt es im Format Freie Rede. Alle Texte, die im Rahmen dieses Projektes erschienen sind, können Sie hier lesen.
Auf dem Weg zur Weide führt sie ihre Herde an Betonbewässerungskanälen vorbei, die früher mit Wasser gefüllt waren. Diese Kanäle wurden vom Orontes gespeist, und die Schafe tranken früher daraus. Heute, da der Wasserstand des Flusses sinkt, sind auch die Kanäle ausgetrocknet, und die einst wichtigste Wasserquelle für die Bewässerung von Feldern und das Tränken der Tiere ist verschwunden.
Um 3.30 Uhr morgens kommt der Milchmann
Das Weiden in der Nacht ist nicht einfach. In der Dunkelheit kann sich die Herde leichter verirren, und wilde Tiere haben sich nach dem Rückgang ihres natürlichen Lebensraums näher an landwirtschaftliche Gebiete herangewagt. Fatima geht langsam und zählt ihre Schafe immer wieder, als fürchte sie, die Nacht könnte eines von ihnen verschlucken. Aber sie wird getröstet durch die meisten Menschen in der Gegend, die ihre Aktivitäten in die Nacht verlegt haben, um der Hitze des Tages zu entkommen.
Vor Sonnenaufgang beginnt eine weitere Arbeitsphase. Sie sitzt in der Nähe der Herde und melkt die Schafe schnell und gekonnt, während sie nervös auf die Uhr schaut. Um 3.30 Uhr morgens kommt der Milchmann in seinem kleinen Auto, das mit speziellen Tanks ausgestattet ist, um die Milch einzusammeln, bevor die Sonne aufgeht und die Hitze zunimmt. „Wenn wir zu spät kommen, verdirbt die Milch, bevor sie die Molkerei und die Käserei erreicht“, sagt Fatima.
Die Arbeit in der Nacht hat Fatimas Leben völlig verändert, da das Klima die Beziehung zwischen Menschen, Land, Tieren und Familie verändert hat. „Wir sind mit dem Wissen aufgewachsen, dass der Tag zum Arbeiten und die Nacht zum Ausruhen da ist“, sagt sie und blickt kurz vor Sonnenaufgang zum Horizont. „Jetzt haben wir das Gegenteil gelernt und wissen nicht, ob unsere Kinder sich jemals daran erinnern werden, dass die Sonne einmal unser Freund war.“
Sawsan al-Hussein, syrische Journalistin aus Idlib, Redakteurin bei Focus Aleppo und Journalistin bei Khatt 30.
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen
meistkommentiert