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Architekt Antoni GaudíBarcelonas Architekturschreck

Er war erzkatholisch, antimodern und baute gern fürs Großbürgertum: Barcelonas gefeierter Architekt Antoni Gaudí starb am 10. Juni vor 100 Jahren.

Als Antoni Gaudí im Frühsommer 1926 von einer Straßenbahn schwer verletzt wurde, brachte man ihn ins Hospital de la Santa Creu i San Pau, einem Meisterwerk des Modernisme-Kollegen Lluís Domènech Montaner. 1926 sollte sich in Barcelona als ein Jahr des Umbruchs erweisen: Im Todesjahr Gaudís zeigte auch der katalanische Jugendstil bereits Ermüdungserscheinungen. Im selben Jahr errichtete sein Schüler Josep Maria Jujol die Casa Planells, die bereits die Schwelle zur Moderne einnimmt und an die Bauten von Erich Mendelsohn erinnert.

1926 formierte sich zudem die junge katalanische Architektur-Avantgarde: Josep Lluís Sert reiste nach Paris, weit weg von der traditionellen Ausbildung an der heimischen Architekturfakultät. Weit weg von der muffigen Atmosphäre unter Diktator Primo de Rivera. In Paris kontaktierte er Le Corbusier, der für den Katalanen zum Übervater der modernen Architektur-Avantgarde werden sollte. Als dieser auf Einladung Serts zu einem Vortragszyklus nach Barcelona kam, machte man auch noch einen Abstecher zur Sagrada Família. Le Corbusier zeigte sich nicht sonderlich angetan von Gaudís exzentrischem Stil. Der Anblick der Sagrada Família kam ihm vor wie ein „Drama“. An Gaudís heute als Unesco-Weltkulturerbe gelisteten Casa Milà – ihrer wuchtigen Werkstein-Fassade wegen auch als „La Pedrera“ bezeichnet, „Der Steinbruch“ – ging er achtlos vorbei.

Die Anekdote offenbart, wie schnell die Zeit an Antoni Gaudí vorbeigezogen war. Parallel zur Weltausstellung 1929 in Barcelona – mit dem berühmten Länderpavillon von Ludwig Mies van der Rohe – zeigten die Avantgardisten, die sich wenig später GATCPAC (Grup d'Arquitectes i Tècnics Catalans per al Progrés de l'Arquitectura Contemporània) nannten, die Ausstellung „Arquitectura Nova“. Eines war sicher: Für Sert und Torres Clavé gehörte Gaudí bereits zur vergangenen Epoche. Einer Epoche, deren zentrale Repräsentanten, Diktator Primo de Rivera und König Alfonso XIII., kurz nach der Weltausstellung von der politischen Bühne abtraten.

Gaudí wollte mit einer religiös inspirierten Baukunst die zerrissene Gegenwart heilen

Wie grundverschieden war die Zeit um 1888, als Antoni Gaudí im Auftrag von Kirche, Klöstern und kirchentreuen Mäzenen nicht nur den Colegio de las Teresianas, die Krypta in Santa Coloma de Cervelló und die Sühnekirche Sagrada Família errichtete, sondern auch die niemals vollendete Iglesia de la Colonia Güell entwarf. Seinerzeit herrschte noch eine monarchistisch-klerikale Allianz, während man die Pfründe aus den Kolonien verwaltete, von denen der einflussreiche Gaudí-Bauherr Eusebi Güell aufgrund des väterlichen Erbes bestens lebte.

Seine Bauwerke tragen naturreligiöse Züge

Gaudís Mission war strikt antimodern: Mit einer religiös inspirierten Baukunst, historisch in der Gotik verankert, die zerrissene Gegenwart heilen! Die Mittelaltersehnsucht gilt als geistige Klammer seiner frühen Jahre. Anders als bei Gaudís modernistischen Mitstreitern tragen seine Bauwerke immer auch naturreligiöse Züge: Die Säulen in der Krypta von Santa Coloma de Cervelló erinnern an sprießende Bäume; die das auskragende Plateau im Parc Güell abstützenden Säulen an „Elefantenbeine“. Selbst die Gebäudegrundrisse sind ondulierende, der Natur nachempfundene Linien.

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Gaudí entfloh der Klassengesellschaft, deren Modernitätsfuror ihn ebenso befremdete wie die sozialen Spannungen. Demgegenüber fand er im Bild der Gotik einen sinnbeladenen Überschuss, religiös, sozial und moralisch. Die Kathedrale war für Gaudí weit mehr als ein „Sühnetempel“: Als sozialreligiöse Projektionsfläche sollte sie, ausgehend vom Reinheitsideal der „Heiligen Familie“, ein Aufruf zur moralischen Erneuerung der Gesellschaft sein. Dabei war der Bau immer auch von massiven Protesten begleitet. So publizierte die Tageszeitung La Vanguardia am 9. Januar 1965 einen Protestbrief, der sich für den sofortigen Baustopp einsetzte; unterschrieben hatte ihn, neben Le Corbusier, fast die gesamte spanische Architektenprominenz, sogar einflussreiche Theologen beteiligten sich.

Jetzt im Juni und im 100. Todesjahr Gaudís gibt sich die private Stiftung der Sagrada Família alle Mühe, die völlig unzeitgemäße Kathedrale endlich fertigzustellen. Wenngleich sich der Bauabschluss faktisch nur auf den zentralen, 172 Meter hohen Jesusturm bezieht. Dass vor einigen Jahren die Baugesellschaft 4,6 Millionen Euro an die Stadtverwaltung bezahlen musste, da die Errichtung der Sagrada Família 137 Jahre lang illegal erfolgte, wird geflissentlich verschwiegen.

Geplant ist offenbar eine katalanische Jubelfeier, die überhaupt so manches unter den Tisch kehrt: beispielsweise, dass sich zwischen Baubeginn im Jahre 1882 und Gaudís Tod 1926 zahlreiche blutige Unruhen ereigneten, die er kaum ignorieren konnte. Immer wieder entluden sich die Spannungen in der übervölkerten Unterstadt der Wanderarbeiter, nicht in der heilen Oberstadt, in der Gaudí seine fantastischen Gebäude für Klerus und reiche Mäzene errichtete. Als Architekt hat sich Gaudí niemals mit den Problemen von Barcelonas Städtebau beschäftigt.

Barcelona, „Stadt der Bomben“

Das Jahr 1888, als Gaudí bereits seit sechs Jahren an der Sagrada Família arbeitete, war einschneidend. Teile der Arbeiterschaft radikalisierten sich, bald kam es im Liceu zu einem Attentat, das sich in eine ganze Anschlagsserie entlud. Sie sollte Barcelona und das gesamte Land durch die Ermordung von Ministerpräsident Antonio Cánovas del Castillo (1897) bis hin zum Bürgerkrieg (1936–1939) erschüttern. Plötzlich sprach man von der „Stadt der Bomben“.

Die Architekten Antoni Gaudí und Enric Sagnier wählten derweil den Weg in mystische Gefilde, sie schlossen sich dem Künstlerkreis des Heiligen Lukas an. Sagnier baute die Herz-Jesu-Sühnekirche auf dem Gipfel des Tibidabo, weit entrückt vom lasterhaften Altstadtgewühl. Gaudí errichtete den Parc Güell auf den Anhöhen Barcelonas. Die Künstler des Lukas-Kreises pflegten eine eng mit der religiösen Ikonografie verbundene Kunst. Gaudís Sühnekirche passte bestens in dieses Denkschema: In ihr sollten die Bewohner Barcelonas Buße tun für die Sünden der Großstadt.

Demgegenüber blieb die religiöse Orientierung einiger Architekten und Künstler nicht allein großen Teilen der Arbeiterklasse fremd. Als sich um die Jahrhundertwende die Industriebarone in ihre abgeschirmten Dekorwelten auf dem Passeig de Gràcia zurückgezogen hatten und Gaudí ihre Wünsche mit der Casa Batlló (1906) und der Casa Milà („La Pedrera“, 1910) bediente, explodierten die Spannungen in der Unterstadt. Im Juli 1909 kam es erstmals zu syndikalistischen Aufständen, die in Barrikadenkämpfen mündeten. Die Aufständischen brannten zahlreiche Kirchen und Klöster nieder, sahen sie als Teil des korrupten bourgeoisen Machtsystems. In der semana trágica kamen weit über hundert Menschen ums Leben.

Die urbanen Topografien enthüllen die Stadt als Ort sozialer Konflikte und Klassenkämpfe. Deutlich wird das bereits an Eusebi Güells Bauprojekten, mit denen er Gaudí betraute: Die zwischen 1888 und 1889 errichtete Colònia Güell in Santa Coloma de Cervelló entsprang zwar dem Wunsch, den Arbeitern der Textilfabrik Vapor Vell gesündere Arbeits- und Lebensbedingungen außerhalb der Großstadt zu ermöglichen. Aber der eigentliche Beweggrund für die Kolonie war Güells Angst vor den schweren sozialen Spannungen in der Metropole.

Verspekuliert: Gartenstadt fürs Bürgertum

Das andere außerstädtische Projekt, der Park Güell (1900–1914), orientiert an der englischen Gartenstadt-Bewegung, geriet derweil zum finanziellen Desaster. Graf Eusebi Güell schwebte eine Siedlung vor, die in Parzellen aufgeteilt und an reiche Bürger weiterverkauft werden sollte. Allerdings konnten nur zwei Häuser realisiert werden. Da die Spekulation gründlich missriet und Gaudí bis 1914 allenfalls eine rudimentäre Anlage aus einzelnen Pavillons, Wegen und einer Aussichtsplattform vorweisen konnte, wurde der Entwurf aufgegeben. Den Park übergab man wenige Jahre später der Öffentlichkeit.

Zum Autor

Klaus Englert ist Verfasser von „Architekturführer Barcelona“, DOM Publishers, Berlin 2018

1929, das Jahr der neuen Weltausstellung in Barcelona, wurde schließlich für Josep Lluís Sert und die Avantgardisten zum Wendepunkt. Zusammen mit Le Corbusier arbeitete er an den Grundzügen des Erweiterungsplans „Barcelona Futura“. Im September nahmen Sert und Torres Clavé als offizielle spanische Delegierte teil am bedeutenden Congres international d'architecture moderne (CIAM) in Frankfurt über „Die Wohnung für das Existenzminimum“. Der Kunstkritiker Sebastià Gasch war damals davon überzeugt, dem Beginn einer neuen Epoche beizuwohnen: „Die katastrophale Bauweise, die unsere Stadt mit grauenvollen Gebäuden verunstaltete, ist endgültig vorbei. Jetzt erleben wir den Beginn einer neuen Architektur (…). Die jungen Architekten sind die wahren Vertreter dieser großen Epoche (…), sie sind unübersehbar in der Stadt.“

Von einem gewissen Antoni Gaudí, der am 10. Juni 1926 im Alter von 74 Jahren in Folge des erwähnten Straßenbahnunfalls starb, war nicht mehr die Rede.

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