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Anton Hofreiter„Trump, Putin und die AfD haben zusammen eine Wahl verloren“

Anton Hofreiter ist grüner Vorsitzender des Europaausschusses. Nach Orbáns Wahlniederlage fordert er, diese Gelegenheit für EU-Reformen zu ergreifen.

Sieht nun ein Zeitfenster, um die EU zu stärken und zu reformieren – vor den schwierigen Wahlen in Frankreich und Polen: Hofreiter Foto: Christoph Hardt/imago
Sabine am Orde

Interview von

Sabine am Orde

taz: Herr Hofreiter, wie erleichtert waren Sie am Sonntagabend, als die Ergebnisse der Wahl in Ungarn klar waren?

Anton Hofreiter: Ich war extrem erleichtert und habe mich sehr, sehr gefreut. Man kann die Bedeutung dieser Wahl kaum überschätzen. Es macht einen Riesenunterschied für die Menschen in Ungarn und für die Europäische Union. Da haben Trump, Putin, Xi, die vereinigten Rechtspopulisten Europas von AfD über Le Pen bis zur FPÖ zusammen eine Wahl verloren. Großartig!

Im Interview: Anton Hofreiter

Hofreiter, 56, ist für die Grünen Vorsitzender des Europa-Ausschusses im Bundestag.

taz: Was bedeutet das Wahlergebnis für die EU?

Hofreiter: Die EU hat jetzt die Chance, ihre Sicherheitsinteressen ernsthaft zu verteidigen, was de facto ja derzeit die Ukraine macht. Diese braucht dafür neben militärischer Unterstützung auch finanzielle. Das wird jetzt deutlich einfacher. Und zweitens gibt es nun die Chance, Reformen einzuleiten und die EU weiterzuentwickeln. Das Zeitfenster dafür vor den nächsten schwierigen Wahlen in Polen und Frankreich sollten wir nutzen. Und drittens bedeutet es insgesamt für ganz viele europäische Länder, für die Orbán nicht nur ein Vorbild war, sondern über seine Stiftungen ja auch die rechtsradikalen Netzwerke unterstützt hat, eine deutliche Verbesserung. Es bedeutet eine Chance für die Demokratie.

taz: Wir sehen in Polen, wie schwer es ist, den Abbau der Demokratie wieder zurückzudrehen. Was erwarten Sie jetzt von Péter Magyar?

Hofreiter: Es stimmt, dass die demokratische Regierung in Polen vor sehr großen Herausforderungen steht. Und der Abbau der demokratischen Rechte ist nach 16 Jahren Orbán in Ungarn noch deutlich weiter fortgeschritten. Aber die Voraussetzungen in Ungarn sind jetzt in vielerlei Hinsicht besser: Es gibt eine Zweidrittelmehrheit. Und keinen Präsidenten oder keine Präsidentin, die direkt mit Vetos blockieren kann. Magyar hat sofort klargemacht, dass die Freunde von Orbán, die ja überall Ämter besetzen, diese zurückgeben müssen – und mithilfe der Zweidrittelmehrheit hat er auch die Möglichkeit, das zu erreichen.

taz: Wie sollte Europa Ungarn jetzt unterstützen?

Hofreiter: Wir brauchen einen klugen, stufenweise Plan, um die Gelder für Ungarn, die die EU wegen der Rechtsstaatsverfahren eingefroren hat, zur Verfügung zu stellen. Man darf da nicht naiv sein, es braucht dafür klare Bedingungen: Wenn in diesem Bereich die Rechtsstaatlichkeit wieder hergestellt wird, in dem Bereich die Korruptionsbekämpfung einsetzt, dann bekommt Ungarn die Mittel. Es geht ja um viele Milliarden.

taz: Was kann die Bundesregierung tun und was erwarten Sie von Bundeskanzler Merz?

Hofreiter: Von Merz erwarte ich, dass er erstens nicht so tut, als wenn jetzt alles gut dadurch wäre, dass diese Wahl gewonnen ist – wir haben ja immer noch Robert Fico in der Slowakei und Andrej Babiš in Tschechien. Die Rechtsstaatsinstrumente in der EU müssen jetzt weiter gestärkt werden. Zweitens, dass er die EU-Kommission bei einem Stufenplan unterstützt für die Freigabe von Mitteln gegen echte Reformen – und dass es keinen pauschalen Vertrauensvorschuss gibt nach dem Motto: Magyar und Tisza sind ja EVP-Mitglied und dann wird das schon alles gut gehen. Und ich erwarte von Merz, dass er das Zeitfenster jetzt nutzt, um Reformen innerhalb der EU aktiv voranzutreiben und die EU zu stärken.

taz: Péter Magyar ist kein grüner Traumkandidat. Er ist konservativ und will den Kurs Orbáns zum Beispiel in der Flüchtlingspolitik fortsetzen. Ist die schmerzliche Erkenntnis, dass nur ein solcher Kandidat Orbán schlagen konnte?

Hofreiter: Man muss sich im Klaren sein, dass es in Ungarn eine ganz starke Zivilgesellschaft gibt, die jahrelang auf das Ende des Orbán-Systems hingearbeitet hat, dass es investigative Journalisten gibt und viele Menschen jetzt nicht mehr kandidieren, also auf die eigene Karriere verzichtet haben. Dieser Sieg war nur möglich, weil es ein so breites Bündnis gab, um die Demokratie zu retten. Viele Menschen dachten, dass es so nicht weitergeht und die Situation in Ungarn war ja auch eine Katastrophe. Aber es können unterschiedliche Menschen Wahlen gewinnen – denken Sie an Zohran Mamdani in New York. Man gewinnt Wahlen, wenn man Menschen glaubhaft deutlich machen kann, deine Stimmabgabe bedeutet etwas, wir können etwas zum Positiven ändern.

taz: Aber ein progressiver Kandidat hätte in Ungarn vermutlich keine Zweidrittelmehrheit geholt, dafür sind ja auch die guten Ergebnisse für Tisza auf dem Land entscheidend gewesen. Ist das nicht auch eine schmerzhafte Erkenntnis für einen Progressiven?

Hofreiter: Auf dem Land stimmt das wahrscheinlich. Aber entscheidend war eben dieses breite Bündnis von progressiv bis konservativ. Und der Mann kommt halt aus dem System und wusste ganz genau, wie er agieren muss. Diesen Sieg kann man nicht hoch genug einschätzen. Orbán hat den russischen Auslandsgeheimdienst GRU eingeladen, Desinformationskampagnen zu fahren, und das hat nicht verfangen. Und die Unterstützung von Trump und Vance auch nicht. Das ist auch eine ganz schwere Niederlage für die russische und amerikanische Propagandamaschinerie.

taz: Im ungarischen Parlament sitzt jetzt überhaupt keine progressive Kraft mehr. Ist das der Preis, den man für die Abwahl Orbáns zahlen musste?

Hofreiter: Das war der Preis, den sich die progressiven Kräfte in Ungarn entschieden haben zu zahlen, um die Demokratie wiederherzustellen. Es gibt dort ein autoritäres System ohne Rechtsstaatlichkeit und ohne Medienfreiheit. Und für vier Jahre ist jetzt neben wirtschaftlichen Verbesserungen eine der Hauptaufgaben dieser Regierung, die Demokratie wiederherzustellen. Und da haben sich viele Kräfte entschieden, das zu unterstützen.

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3 Kommentare

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  • Wo ist das breite Bündnis von progressiv bis konservativ in der Bundesrepublik?



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    Orbán war in der MAGA-Weltsicht keine Randfigur. Er wurde von Trumps Anhängern als Modell und Partner beschrieben ––, dessen politische Erfolge überall in Europa wiederholt werden könnten. Wenn dieses Modell an der Wahlurne zusammenbricht, schwächt das die von Trump befeuerten Behauptungen eines nationalistischen Momentums in ganz Europa.



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    Orban galt als Galionsfigur der Neuen Rechten in Europa. Agd Häuptling Weidel lobte Orban als "großes Vorbild", unterstützte offensiv seinen Wahlkampf wobei sich paralell die politischen Verhältnisse in der agd radikalisieren.



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    Orban war für Weidel eine Galionsfigur. "Wir werden dem Pfad von Ungarn, unserem großen Vorbild, folgen" - das sagte die agd - Parteichefin noch bei ihrem Besuch in Ungarn 2025.



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    Weidels Griffe ins Klo mehren sich - siehe Schmusepartie Weidel -- mit -- Musk und nun ist ihr Vorbild für den sie Wahlkampf machte vom Hocker gefallen.



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    Die inneren ind äusseren Verwüstungen der Weidelschen Rechtsradikalpopulisten haben längst begonnen.

  • „Trump, Putin und die AfD haben zusammen eine Wahl verloren.“



    Da übertreibt der Gute aber ein bisschen. Noch ist der Durchmarsch der illiberalen und autoritären Rechten nicht gestoppt, aufs Globale betrachtet und auch auf Deutschland bezogen.



    Und auf Ungarn bezogen: es blieb den Liberalen und Linken dort nach 16 Jahren Orban-Autokratie doch nichts anderes übrig, als sich unter die Fittiche des Nationalkonservativen Magyar zu begeben, um überhaupt die Option auf einen Machtwechsel zu wahren. Man teilt mit Magyar immerhin die pro-europäische Ausrichtung. Was dort jetzt innenpolitisch geschieht bleibt abzuwarten. Tisza kann diesbezüglich mit Ihrer Zweidrittelmehrheit im Parlament durchmarschieren.



    Hofreiters Toni indes sollte als (ehemals?) dem linken Flügel der Grünen Zugerechneter sozial-ökologische Reformperspektiven hochhalten und den Durchmarsch der Rechten hierzulande aufzuhalten helfen. Das ist es, was ich von ihm und seiner Partei erwarte.



    Vorerst freue ich mich aber natürlich auch, dass wir den Orban losgewunden sind.

    • @Abdurchdiemitte:

      Wer rechtsradikal stoppen möchte sollte erkennen was passiert ist



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      Das pol. Rollenmodel Orbán hat in den vergangenen 16 Jahren eine funktionsfähige Blaupause für illiberale und autortäre Kräfte weltweit abgegeben, Orban hat Trump und Meloni gezeigt, wie man eine funktionierende, eingebettete liberale Demokratie zerstören kann und gleichzeitig eine autoritäre illiberale Machtausübung stabilisiert, indem der demokratische Wettbewerb und vor allem unabhängige Institutionen bis zum Zusammenbrechen ausgehöhlt wurden.



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      Die Konsequenzen von Orbáns Abwahl reichen weit über eine innenpolitische Abfuhr für den Autokraten Orban nach 16 Jahren hinaus. Einer dieser Effekte ist ein direkter Schlag gegen Trumps strategische Vision für Europa, in der ein orbánistisches Ungarn eine zentrale Rolle spielte.



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      Orbán war für Trump mehr als nur der nette Onkel als Ultra-Nationalist verkleidet. Er war der Schlusssel im Bemühen Trumps, ein lockeres Bündnis von Nationalisten aufzubauen, das Brüssel als Machtzentrum der EU schwächen, den Widerstand gegen Russland abmildern und bilaterale Diplomatie von starker Führungsfigur zu starker Führungsfigur legitimieren sollte.