Antisemitismusbeauftragter über Corona-Leugner: „Kuschelpädagogik bringt nichts“

Tausende wollen am Bodensee gegen die Corona-Maßnahmen demonstrieren. Der Südwest-Antisemitismusbeauftragte erklärt, wie sie denken.

Gegen Corona-Maßnahmen Demonstrierender hält Deutschland-Flagge hoch

Demonstration gegen die Anti-Corona-Maßnahmen auf dem Cannstatter Wasen, Stuttgart im Mai Foto: Florian Gerlach/7aktuell/imago

taz am wochenende: Herr Blume, am Wochenende soll es in Konstanz zur großen Demonstration der Coronaleugner kommen. Warum ballt sich gerade im Südwesten der Protest der sogenannten Quer­denker?

Michael Blume: Knapp gesagt trifft hier süddeutscher Platonismus auf norddeutschen Zentralismus. Wir haben in Süddeutschland eine lange Tradition von Obrigkeitsskepsis und Wissenschaftskritik. Das liegt zum einen an der evangelischen Strömung des Pietismus, der sagt, man muss die Wahrheit selbst überprüfen. Die meisten heute schauen dafür dann aber nicht mehr in die Bibel, sondern ins Internet. Und wir haben die Anthroposophie, die sagt, wir haben ein überzeitliches Wissen. Da soll man sich von den Wissenschaften nicht unbedingt reinreden lassen.

Dazu kommt eine traditionelle Skepsis gegenüber Berlin. So war schon der König von Württemberg 1871 bei der Reichsgründung eigentlich dagegen, dass nun Württemberg unter einem preußischen Kaiser Teil des Deutschen Reichs wird. Dieses Gefühl der Fremdbestimmung, dass man in Berlin eh macht, was man will, das ist im Südwesten sehr stark.

Deshalb hat sich die Bewegung nun nach Süden an den Bodensee orientiert?

Ja, es ist so, dass wir hier kulturell und medial stärker an Österreich und die Schweiz gebunden sind. Es gibt die Vorwürfe an die Medien aus Berlin und Hamburg, dass sie nur auf die Menschen herunterschauen. Dagegen verklärt man die direkte Demokratie in der Schweiz oder einen Kanzler wie Sebastian Kurz. Dazu passt auch, dass Baden-Württemberg im Moment in der Bundesregierung keinen Minister stellt. Das verstärkt das Gefühl, man werde in Berlin nicht mehr gehört.

Im Ernst? Danach dürfte es kein Pegida geben, denn die Ostdeutschen können sich mit einer Kanzlerin aus Mecklenburg-Vorpommern bestens repräsentiert fühlen.

Ich sehe auch bei Pegida, dass wir es weniger mit einem Ressentiment Ost – West zu tun haben, sondern längst mit Nord – Süd. Auch Sachsen hat in seiner Geschichte immer eher nach Süden tendiert und sich gegen Preußen abgegrenzt. Wir erleben da eine Glokalisierung. Die Menschen reagieren auf die Globalisierung, indem sie sich auf ihre eigenen Bezugspunkte zurückziehen. Geografisch, aber auch indem sie ihre eigenen Medien nutzen.

Das ist kein rein deutsches Phänomen.

Michael Blume ist Religionswissenschaftler und Antisemitismusbeauftragter in Baden-Württemberg. Er ist Autor des Buches: „Verschwörungsmythen. Woher sie kommen, was sie anrichten, wie wir ihnen begegnen können“. Für die Konrad-Adenauer-Stiftung hat er eine Analyse der Corona­leugner-Bewegung vorgelegt.

Nein, wir sehen das gerade in allen großen Demokratien. Ador­no sprach davon, dass der Faschismus sich da organisiert, wo die Menschen das Gefühl haben, sie leben in der Provinz. In Deutschland haben wir da ja noch Glück, denn es ist bei uns bisher keine Mehrheitsbewegung.

Wie gefährlich ist es denn nun, wenn Zehntausende in Berlin Putin und Trump huldigen und man den Reichstag stürmen will?

Ich sage immer wieder, dass es die Antisemiten diesmal nicht schaffen werden, unsere Demokratie zu vernichten. Aber Populisten waren immer stark darin, die Gefühle von Menschen auszubeuten. Ich sehe keine Gefahr für den Bestand der Republik, aber ich sehe es als eine Pro­blem­anzeige.

Sind denn die selbsternannten Querdenker automatisch Antisemiten?

Der Antisemitismus bildet beim Verschwörungsglauben immer die Spitze, weil alles darauf hinausläuft, dass Juden die Weltverschwörer sind. Bei Querdenkern war das von Anfang an sehr stark. Michael Ballweg hat zu seiner ersten großen Demonstration den Antisemiten Ken Jebsen eingeladen. Sein Pressesprecher ist in der Reichsbürgerszene aktiv. Dazu kommt das Bekenntnis zur QAnon-Bewegung, die die Erzählung verbreitet, eine Elite, zu der natürlich auch Juden gehören, halte sich durch die Körperzellen von Kindern jung. Das ist nur die etwas modernisierte Fassung von antisemitischen Mythen aus dem Mittelalter.

Warum haben diese Mythen gerade jetzt so eine große Konjunktur?

Michael Ballweg, Gründer der Initiative Querdenken711, mit Ken Jebsen Foto: Arnulf Hettrich/imago

Auch durch die Digitalisierung. Immer wenn neue Medien in die Welt kommen, erleben wir solche Umbrüche. Mit der Verbreitung des Buchdrucks hatten wir die Ausbreitung des Hexenglaubens. Radio und Film wurden von Nazis und Ku-Klux-Klan genutzt. Der andere Faktor sind die Krisen, die wir derzeit erleben. Wirtschaftskrise, Flüchtlingskrise und jetzt die Pandemie. Wenn man sieht, dass da bei uns beides zusammenkommt, können wir eigentlich sehr froh sein, dass über 90 Prozent der Menschen sehr vernünftig sind und nur eine kleine, aber laute Minderheit wettert.

Wo waren diese Verschwörungsgläubigen denn früher? Oder sind das alles ehemals vernünftige Menschen, die sich unter dem Eindruck dieser Krisen aus dem normalen Diskurs verabschiedet haben?

Es gab diese Mythen immer, gerade der Antisemitismus war nie weg. Autoritäre Persönlichkeiten, die glauben, dass die Welt ein böser Ort ist, in dem man sich nur mit Gewalt schützen kann, sind anfällig für Verschwörungsglauben. Man darf übrigens nicht vergessen, dass die Initiatoren damit auch Geld verdienen. Die Menschen werden um Spenden angehauen, sie sollen Abos abschließen, sie sollen Produkte kaufen. Selbst wenn diese Bewegung nicht so erfolgreich ist wie früher, so ist es zumindest noch ein Geschäftsmodell. Die Anbieter sind nicht dumm, sondern sie setzen darauf, dass ihre Anhängerschaft leicht zu täuschen ist.

Wie geht man mit Menschen um, die an diese Verschwörungsmythen glauben?

Man muss sich klarmachen, dass das ein Glaubenssystem ist. Es hat eher Charaktereigenschaften einer Sekte. Verschwörungsgläubige ziehen sich in eine parallele Realität zurück, sie glauben anders als in Religio­nen an die Weltherrschaft böser Mächte. Da kann man am Anfang noch etwas tun. Aber wenn jemand so tief drinsteckt, dass man nicht mehr mit ihm reden kann, dann muss man auch den Mut haben zu sagen, ich höre mir das nicht länger an. Es war ja schon ein großer Fehler, dass man Pegida nachgelaufen ist. Gegen erwachsene Menschen, die sich in Hass verrannt haben, darf man sich auch abgrenzen.

30 Jahre neues Deutschland: Was ist das heute für ein Land? Lokalredakteur*innen aus dem Norden, Süden, Osten und Westen erzählen ihre wichtigsten Geschichten – in der taz am Wochenende vom 02. Oktober. Aus Brandenburg berichtet Judith Melzer-Voigt über den Wandel einer ostdeutschen Kleinstadt vom grauen Einerlei zu Bunt. Aus Baden-Württemberg berichtet Peter Schwarz über den Amoklauf von Winnenden und Corona-Leugner. Aus Niedersachsen berichtet Kathi Flau über ein gutes Rezept gegen Identitätsprobleme. Aus Sachsen berichtet Josa Mania-Schlegel über bürgerliche Sympathien für die Hausbesetzer von Connewitz – und, und, und... Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo. Und rund um die Uhr bei Facebook und Twitter.

Also eher ein Fall für die Therapie.

Ja genau. Wer längere Zeit in so einem Verschwörungsglauben drin war, kommt nur noch ganz schwer heraus. Auch da haben wir in Baden-Württemberg mit dem Philosophen Martin Heidegger ein leider berühmtes Beispiel. Ein weltweit verehrter Philosoph, hoch gebildet, hatte jüdische Lehrer und mit Hannah Arendt eine jüdische Geliebte. Trotzdem war er glühender Antisemit und hat es nach dem Krieg nicht mehr geschafft, aus diesem Verschwörungsglauben herauszufinden. Man darf heute auch nicht glauben, dass das alles „Covidioten“ seien. In einen Verschwörungsglauben können auch hochintelligente Menschen abdriften.

Wenn man Xavier Naidoo oder Attila Hildmann sieht, könnte man annehmen, da hat jemand zu viele Drogen genommen.

Man darf nicht den Fehler machen, alle als geisteskrank abzustempeln. Aber ja, bestehende psychische Probleme können durch Verschwörungsmythen noch verstärkt werden.

Und was sollte die Politik tun?

Der Staat sollte auf alle Fälle wehrhaft sein. In Stuttgart wurde gerade jemand, der in der ganzen Stadt „Merkel ist Jüdin“-Schmierereien angefertigt hat, sehr schnell ermittelt und festgenommen. Ich würde mir wünschen, dass man auch gegen Leute wie Attila Hildmann, der andere beleidigt und bedroht, klarer vorgeht. Einfach deshalb, weil diese Menschen autoritär denken. Die empfinden Freundlichkeit und Zuwendung als Bestätigung. Kuschelpädagogik bringt an dieser Stelle nichts.

Und warum landen Menschen aus einem offenkundig grünen und anscheinend progressiven Milieu in dieser Bewegung?

Antisemitismus bildet da eine Querfront für eine Bewegung, die nur durch ein gemeinsames Feindbild verbunden sind, nicht durch eine positive Vision. Da gibt es einen frühen Vorläufer, den Anarchisten Michail Bakunin im 19. Jahrhundert. Er gehörte zu den Ersten, die Marxisten und die Bankiersfamilie Rothschild gemeinsam für eine jüdische Weltverschwörung verantwortlich gemacht haben. Dieser Glaube an die eine große Verschwörung aller Demokratien, an der heute noch Gates und Soros beteiligt seien, ist bei Rechtsextremen, aber auch im linken und libertären Milieu attraktiv. Dann stehen diese Menschen plötzlich beieinander und bilden eine Querfront, die nur durch das gemeinsame Feindbild zusammengehalten wird.

Für Deutschland ist diese Querfront aber schon ein neues Phänomen.

Es gelingt, diese Mischung digital zu mobilisieren, weil die Menschen über soziale Medien dauerhaft in einen Erregungszustand versetzt werden. Über Telegram und Twitter werden sie täglich mit neuen Nachrichten versorgt. Es gibt auch immer neue Endzeittermine. Am 1. September hätte ja mal wieder die Demokratie untergehen sollen. Die Menschen werden in einen solchen Erregungszustand versetzt, dass sie nicht merken, was da nicht stimmt, und es völlig normal finden, auch unter einer Reichsbürgerflagge mitzulaufen.

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