piwik no script img

Streit um Israel in der Linkspartei„Großes Problem mit Einseitigkeit“

Der Konflikt in der Linken über Israel eskaliert. Jetzt geht der Bundesgeschäftsführer der Partei auf Distanz zu den „Antizionist:innen“.

„Murks“: Janis Ehling, Bundesgeschäftsführer der Linken Foto: Marijan Murat/dpa

Der Bundesgeschäftsführer der Linkspartei, Janis Ehling, hat den „Antizionismus“-Beschluss seiner niedersächsischen Ge­nos­s:in­nen scharf kritisiert. „Der Beschluss ist Murks. Der ist auch inhaltlich falsch“, sagte Ehling am Donnerstag im „Berlin Playbook Podcast“ des Nachrichtenportals „Politico“. Zwar sei es richtig, sich von einem „rechten Zionismus“ abzugrenzen, etwa mit Blick auf die aktuelle israelische Regierung. Eine pauschale Ablehnung des Zionismus gehe jedoch zu weit.

Zugleich wies er den Vorwurf zurück, die Linke habe ein grundsätzliches Antisemitismus-Problem. Er räumte aber eine „Einseitigkeit“ in Teilen der Partei ein. „An dem Beispiel sieht man sehr gut, dass wir ein großes Problem gerade mit einer Einseitigkeit haben“, sagte Ehling dem zum Springer-Verlag gehörenden Portal. Viele neue, vor allem junge Mitglieder hätten sich über den Gazakrieg politisiert und nähmen diesen vor allem über soziale Medien wahr.

Der Landesverband der Linken in Niedersachsen hatte am Wochenende bei einem Parteitag in Hannover einen Beschluss gefasst, der den „heute real existierenden Zionismus“ ablehnt. Gleich fünfmal wird Israel darin des „Genozids“ in Palästina und zweimal der „Apartheid“ sowohl in den besetzten Gebieten als auch innerhalb des israelischen Staates bezichtigt. Über den Terrorangriff vom 7. Oktober 2023 findet sich kein Wort.

Der israelfeindliche Beschluss war – jenseits der in der Hinsicht ganz offen so gestrickten Teile der Linkspartei – auf heftige Kritik gestoßen. So erklärte unter anderem der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, die „demonstrative Ablehnung“ des jüdischen Staates durch die Linke sei „ein Angriff auf das Selbstbestimmungsrecht des jüdischen Volkes“.

Scharfe Kritik von etlichen Seiten

Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) sagte, die Landes-Linkspartei habe nicht nur beschlossen, den Zionismus abzulehnen, sondern habe „den jüdischen Staat und seine Regierung mit der Hamas gleichgesetzt“. Dieser Vorwurf bezieht sich auf eine Passage in dem beschlossenen Antrag, in dem es heißt: „Sowohl die israelische Regierung als auch die Hamas hegen offen Vernichtungsfantasien gegen die jeweils vom anderen vertretenen Volksgruppen.“ Das ist das einzige Mal, dass die Hamas in dem Antrag Erwähnung findet.

Der Beschluss und die Kommunikation der Linken dazu empöre sie, erklärte Prien in einem vorab verbreiteten Redetext zu einer Preisverleihung. „Denn es geht nicht um die israelische Politik im Heute, es geht um die Existenz des Volkes Israel, es geht um die Zukunft jüdischen Lebens weltweit.“ Unter Hinweis auf Äußerungen einiger Linker aus Niedersachsen sprach Prien von „wohlstandsverwahrlosten Kommentaren voller Ignoranz und Antisemitismus“.

Jene Teile der niedersächsischen Linken, auf die der am Wochenende mit Mehrheit angenommene Beschluss zurückgeht, hatten Niedersachsen im Anschluss als ersten offiziellen „antizionistischen Landesverband“ abgefeiert.

Das sorgt auch innerhalb des Landesverbandes für heftige Kritik. „Wer den Zionismus als verbrecherisch denunziert, stellt das Existenzrecht Israels infrage“, sagte die niedersächsische Linken-Bundestagsabgeordnete Maren Kaminski der taz. Das sei „nicht unsere Beschlusslage und das darf sie niemals sein“. Die Existenz Israels sei „historisch begründet und für eine antifaschistische Partei nicht verhandelbar“. Sie fände den Beschluss „falsch“ und werde sich „dafür einsetzen, dass er korrigiert wird“.

Reichinnek eiert herum, Eifler wittert Kampagne

Am Mittwoch war auch Heidi Reichinnek, die wie Kaminski auf dem niedersächsischen Landesparteitag anwesend war, auf Distanz gegangen – wenngleich auf herumeiernde Weise. „Aus meiner Sicht wird der Beschluss der komplexen Lage in Israel und Palästina nicht gerecht“, erklärte die Linksfraktionschefin im Bundestag, früher selbst Landesvorsitzende der niedersächsischen Linken. Der Beschluss hätte anders formuliert und ergänzt werden müssen, sagte sie.

Reichinnek betonte, die Darstellung sei falsch, dass die Niedersachsen-Linke nun ein „antizionistischer Landesverband“ sei: „Denn es geht im Beschluss um die aktuelle Politik der rechten israelischen Regierung und nicht den Zionismus mit seinen zahlreichen historischen Implikationen und seiner Bedeutung als Schutzraum für Jüdinnen und Juden vor Antisemitismus.“ Das Existenzrecht Israels stehe außer Frage. Ähnlich hatte sich bereits Parteichef Jan van Aken am Montag geäußert.

Unterdessen wiesen die niedersächsischen Linken-Landesvorsitzenden Thorben Peters und Hilke Hochheiden den Vorwurf des Antisemitismus zurück. „Für uns ist klar: Antisemitismus hat in unserer Partei keinen Platz“, erklärten sie auf Anfrage. „Jüdisches Leben muss geschützt werden – überall und jederzeit.“ Die beiden Lan­des­che­f:in­nen verteidigten den Kern des Beschlusses. „Gleichzeitig sehen wir auch, dass einzelne Formulierungen missverständlich sein können“, so Peters und Hochheiden. „Es ist unglücklich, wenn ein Beschluss den Eindruck erweckt, eine Schlagseite zu haben.“

Das Linken-Bundesvorstandsmitglied Ulrike Eifler sprach hingegen von einer „Kampagne“ gegen die Linkspartei. „Die Linke hat KEIN Antisemitismusproblem!“, schrieb Eifler auf „X“. Der niedersächsische Landesverband habe „sich hier klar und auf dem Boden des Parteiprogramms positioniert“. Sie könne „den Schaden nicht erkennen“.

Gysi unter Beschuss

Dass die Linke eine entsprechende Schlagseite hat – und das nicht erst seit diesem Wochenende –, wird von anderen in der Partei gleichwohl gar nicht mehr in Abrede gestellt. Insbesondere altgedienten Par­tei­funk­tio­nä­r:in­nen geht der Ton der Palästinabewegten deutlich zu weit.

Linken-Urgestein Gregor Gysi sagte jüngst in einem Focus-Podcast mit Blick auf den Antisemitismus in den eigenen Reihen: „Also das ist jetzt deshalb gefährlicher geworden, weil viel mehr Menschen mit Migrationshintergrund, auch mit spezifischem Migrationshintergrund in unsere Partei gekommen sind, was ich eigentlich sehr begrüße. Aber sie bringen eben Sichten auf Israel mit, die falsch sind.“

Die Empörung der Angesprochenen ist groß. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Migrantische Linke wirft dem 78-Jährigen wegen des Interviews „rassistische Narrative“ vor. Außerdem diffamiere er öffentlichkeitswirksam „eine legitime politische Positionierung“. In einem Brandbrief fordert die Arbeitsgemeinschaft von Gysi eine „öffentliche Entschuldigung bei den migrantischen und jungen Mitgliedern unserer Partei“, die zeitnahe Teilnahme an einer antirassistischen Weiterbildung und „ein klares Bekenntnis zur Beschlusslage der Partei“.

Kritische Töne zu dem niedersächsischen Beschluss, der im Widerspruch zum Grundsatzprogramm der Linken steht, fehlen in dem Brandbrief der Bundesarbeitsgemeinschaft. Dabei heißt es im 2011 beschlossenen Erfurter Programm unzweideutig: Insbesondere die aus den beispiellosen Verbrechen an den Jüdinnen und Juden während des Nationalsozialismus resultierende besondere Verantwortung Deutschlands „verpflichtet auch uns, für das Existenzrecht Israels einzutreten“. Zugleich stehe die Partei „für eine friedliche Beilegung des Nahost-Konflikts im Rahmen einer Zwei-Staaten-Lösung“. Genau das bestreiten die „Antizionist:innen“ in der Partei.

„Mischung aus Fassungslosigkeit und Wut“

Der frühere Parlamentarische Geschäftsführer der Linksfraktion im Bundestag, Jan Korte, verteidigte denn auch Gysi, der „absoluten Rückhalt verdient“ habe. „Es werden in atemberaubendem Tempo Standards abgeräumt, die für eine undogmatische Linke essenziell sind, ohne dass die Parteiführung dagegen etwas tut“, sagte Korte dem Spiegel. Es gehe innerparteilich nur noch „um Geländegewinne sektiererischer Gruppen, wie jetzt bei den selbst ernannten Antizionisten in Niedersachsen“. Ähnlich hatte sich zuvor Bundestagsvizepräsident Bodo Ramelow geäußert.

Auch der frühere Thüringer Linken-Minister Benjamin Hoff reagierte empört auf die gegenwärtige Debatte in seiner Partei. Sie hinterließe bei ihm eine „Mischung aus Fassungslosigkeit und Wut“, schreibt Hoff in einer ausführlichen Stellungnahme. „Wer im Sinne einer Glaubensgemeinschaft eine fetischhafte Fixierung auf die Verurteilung Israels richtet, braucht keine Mühe darauf zu verwenden, einen realistischen Blick auf das zu richten, was tatsächlich ist“, kritisiert Hoff, der inzwischen Ressortleiter der Abteilung Grundsatzfragen und Gesellschaftspolitik der IG Metall ist.

Solche Beschlüsse wie in Niedersachsen seien objektiv falsch und gefährlich. „Niemand braucht über einen Gehaltsdeckel für Abgeordnete der Linken zu debattieren, wenn politische Verantwortung nicht mal für 5 Cent zu haben ist“, konstatiert Hoff.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema
Fotomontage eines wochentaz-Titels und dem Buchcover „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit

10 Wochen taz + Sachbuch „Autoritäre Rebellion“

Zeiten wie diese brauchen Seiten wie diese: unabhängig, konzernfrei und mit klarer Kante gegen Faschismus, Rassismus und Rechtsruck. Teste jetzt die taz und erhalte das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Rechtsextremismus-Experten Andreas Speit als Prämie.

  • Das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit als Prämie
  • Die wochentaz jeden Samstag frei Haus + digital in der App
  • Die tägliche taz von Mo-Fr digital in der App
  • Zusammen für nur 28 Euro

10 Wochen taz + Buch „Autoritäre Rebellion“

Jetzt bestellen

5 Kommentare

 / 
  • „Zionismus bedeutet das Streben nach einem unabhängigen jüdischen Staat. Das Wort leitet sich von Zion ab, dem Namen eines Hügels bei der Stadt Jerusalem. Viele Juden fühlen sich religiös oder kulturell mit diesem Gebiet verbunden.“

    Dies ist die Definition von Zionismus vom Anne Frank Haus.

    Aus meiner Sicht ist jemand, welcher sich für Antizionismus einsetzt, auch ein Antisemit. Wieso, weil man sich gegen einen unabhängigen jüdischen Staat ausspricht. Dabei spielt es keine Rolle ob dieser Staat von einer rechten oder linken Regierung geführt wird. Somit ist dieser Beschluss von der Linken antisemitisch.

    Hätte man einen Beschluss gegen die aktuelle rechte Regierung in Israel aufgesetzt, wäre dies nicht der Fall. Aber das Konzept eines jüdischen Staates wird abgelehnt. Und das Gerede von Kolonialismus ist einfach nur Ablenkung. Von welchem Land soll Israel die Kolonie sein? Vor der Gründung Israel gab es keinen einzigen jüdischen Staat auf der Welt. Die jüdischen Menschen worden 2000 Jahre nur verfolgt und vertrieben. Die Shoah war dabei der traurige und schreckliche Höhepunkt.

  • Wer links ist, wird häufig eher universal und übernational denken, statt national und ethnisch. Das führt zu einem Konflikt mit Nationalismus und Nationalstaaten.



    In Israel wird u.a. gar nach Religion(!) eingebürgert oder nicht. Rausschikaniert oder nicht. Das ist wie genau universal nachvollziehbar?

    Genauso ist es eigentlich unlinks, Antisemitismus zu betreiben (wie jeden anderen Rassismus auch), auch das wäre nicht universal oder gerecht.

    Dieselben Maßstäbe anlegen. Israel und Juden eben nicht als identisch ansehen. Sich immer wieder kurz selbstkritisch betrachten, ob mensch sich z.B. über Marokkos ähnliche Besatzung und Unterdrückung genauso aufregt, nicht weniger, nicht mehr. Und danach eben auch die Problematik von Nationalismus thematisieren. Bei uns hier und in anderen Ländern. Auch hier gilt: Israel ist vielleicht gar nicht der einzige Staat, der Nationalismus und Kriegstreiberei hat.



    Fazit: links geht am einfachsten mit universalen, weltweit solidarischen Ansätzen. Antinationalistisch und antikolonialistisch wäre wohl das bessere Konzept. Von dem sich das jetzige Netanyahu-Vorgehen ja auch zerlegen lässt.

  • Ich kann mich an meine Schulzeit in den 90iger erinnern als Punks und Linke Pali Tuch in Solidarität mit den unterdrückten des Apartheitsstaats Israel trugen. Dabei war niemand gegen Juden. Es wurde nur gesagt der Apartheitsstaat muss enden. So wie in Südafrika. Man sollte ruhig mal versuchen Dinge nicht nur von einer Seite aus zu sehen.

    Beide Seiten leiden. Und beide Seiten müssen den weg in eine Freiheit miteinander finden. Das Ziel darf nie durch Genozid egal welcher Seite erreicht werden.

  • Da sollten alle mal einen Schritt zurücktreten und verbal abrüsten. Wer als Ethno-Deutscher noch im späten 20. Jahrhundert politisch sozialisiert wurde, der wird den Nahost-Konflikt immer mit der Shoah zusammendenken und sollte vor antiisraelischer Rhetorik zurückscheuen. In der Linken muss man aber damit leben, dass nun eine jüngere, stark migrantisch geprägte Generation nach vorn tritt, die den Nahost-Konflikt weniger vor dem Hintergrund der Shoah, sondern des europäischen Kolonialismus sieht. Und die Auferstehung der Linken wäre ja nicht möglich gewesen ohne die zornigen jungen Frauen und Männer aus migrantischen Milieus. Die Reden von Lederer & Co. haben doch zuletzt keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervorgelockt. Die Protagonisten sollten sich nicht gegenseitig falsches Bewusstsein, Verantwortungslosigkeit oder gar Rassismus und Antisemitismus vorwerfen, und auch die Aufforderung zur Weiterbildung ist in dem Zusammenhang nicht hilfreich. Not täte Respekt vor der jeweils anderen Sichtweise, vor allem aber ein gemeinsames Verständnis, dass der Nahostkonflikt nicht das Kernthema der deutschen Linken ist. Die dafür aufgebrachten Energien würden anderswo benötigt.

    • @Kohlrabi:

      Allein der Blick auf die Shoah hängt davon ab, ob man sich mit den europäischen Kolonisierern oder mit den Kolonisierten identifiziert. Auch unter den letzteren zweifelt kein redlicher Mensch die furchtbare Dimension des Verbrechens an, aber die aus europäischer Sicht empfundene EINZIGARTIGKEIT der Shoah erklären sich "Kolonisierten" damit, daß es AUSNAHMSWEISE mal "gegen Weiße durch Weiße" (Brudermord) ging und nicht gegen "Eingeborene".

      Natürlich gibt es tatsächlich einzigartige Aspekte der Shoah, die einem die Haare zu Berge stehen lassen (insbesondere der industrielle, organisierte Charakter dieses Verbrechens), dem aber steht eine nicht entschuldbare Gleichgültigkeit der europäischen Öffentlichkeit gegenüber, welche Verbrechen gegen die Menschlichkeit europäischer Gesellschaften im kolonialen und postkolonialen (Völkermord in Rwanda in den 1990ern) Kontext mit Achselzucken begegnet.