Anne Carson in Berlin: Umweg über die Entstehung der Welt
Die Lyrikerin und Essayistin Anne Carson hielt beim Poesiefestival Berlin einen Vortrag. Thema war die Geschichte des „Skywritings“.
Anne Carson ist ein Literaturstar, ein auf ihre Art klassischer intellectual, an dem das public nicht haften bleiben würde, obwohl die Autorin sich literarisch durchaus zu aktuellen Themen wie Gewalt und dem Mediengeschäft verhält. Unter anderem ist die bereits mehrfach für den Literaturnobelpreis gehandelte Carson jedoch auch Altphilologin. Das geht mit Lyrik erstaunlich gut zusammen. In ihrem delphischen, genretechnisch schwer einzuordnenden Buch „Autobiography of Red“ hütet so etwa eine beflügelte Figur namens Geryon auf einer roten Insel eine Herde roter Rinder und verliebt sich in den Halbgott Herkules, den er später, heute, in Buenos Aires wieder trifft.
Carson interessiert sich für Anfänge und somit auch für den Anfang. Beim Poesiefestival Berlin bringt die Kanadierin am Sonntagabend ihre „Lecture on the History of Skywriting“, eine abgewandelte Schöpfungsgeschichte, auf die Bühne. Am Anfang steht die Kopulation (viel davon) und dann ziemlich schnell das Wort.
Der Himmel, der hier spricht, führt Gespräche mit Kieselsteinen, macht sich Gedanken über das Kriegswesen und interviewt immer wieder jenen Mann, auf den in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts alle zu warten schienen. Godot wird dabei von Carsons Mann, dem britischen Künstler Robert Currie gemimt.
Anne Carson ist selbst nicht gerade leicht zu interviewen. Auch hier hält sie es mit den Griechen und gibt stoisch Antwort nur auf Fragen, die als Fragen daherkommen, in der ihr gebotenen Länge, was mitunter auf Einsilbigkeit hinausläuft. Nun ist das Genre des Roten-Teppich-Interviews an und für sich schon eine Unart, in erbitterter Feindschaft zum vollständigen Gedanken.
Anne Carson über ihren produktiven Umgang mit Literatur
Das zuletzt im Internet kursierende Kurzinterview mit Anne Carson bei den National Book Awards 2025 führte das Ganze aber vollends ad absurdum. Auf die Frage, welches Buch, das in diesem Jahr veröffentlicht wurde, ihrer Meinung nach das beste sei, gibt Carson zurück, sie könne das schwerlich beantworten, denn eigentlich lese sie bloß alte Bücher, genauer: „Bücher, die 500 Jahre vor Christus veröffentlicht wurden“.
Auch auf der Bühne in der Berliner Akademie der Künste lässt sie sich von Marie-Luise Knott, die in der Vergangenheit bereits Texte von Carson übersetzt hat, nur schwer in ein Gespräch verwickeln. Knott will tief einsteigen in den Intertext, doch die Dichterin Carson gibt sich intuitiv, sagt, schreibend verfahre sie nach einem simplen Prinzip: „Ich nehme mir, was ich brauche, und renne“.
Der Himmel bin ich
Dabei ist Carson natürlich ihrem ganzen Wesen nach academic, unterrichtete jahrelang an verschiedenen Universitäten und verfasste Essays zu Fragen der Kunst, aber auch Persönlichem wie über ihren tauben Großonkel Harry oder den Umgang mit ihrer Parkinson-Erkrankung.
Sie sei als Autorin nicht in der Lage, sich Geschichten auszudenken, sondern könne nur über das schreiben, was sie selbst erlebt habe, so sagte Carson einmal in einem früheren Interview. „Skywriting“, den Himmel schreiben, ist so letztlich eine Variante, das Selbst zu schreiben, heißt es doch zu Anfang: „Ich bin der Himmel“ und was folgt, sei „eine kurze Geschichte meines Lebens als Autorin“.
Wenn Susan Sontag einmal erklärte, über sich selbst zu schreiben, scheine ihr, „ein ziemlich umständlicher Weg zu den Themen zu sein, über die ich schreiben möchte“, dann nimmt Anne Carson vielleicht genau diese Umständlichkeit in ihren Texten in Kauf. Denn wie lässt es sich direkter von Macht und Ohnmacht des Schriftstellers sprechen als über den Umweg zur Entstehung der Welt?
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Als Altphilologin übersetzt Carson viel, muss den alten Griechen ein Englisch in den Mund legen, das später Bekanntschaft machte mit Konzepten wie Elektrizität oder Quantenmechanik, während Altgriechisch auf ewig im Damals verhaftet bleibt. Irgendwo ist Carson stets Übersetzerin geblieben, ist es doch das, was sie auch in ihren lyrischen Texten in Angriff nimmt: Gedanken in Fragen zu übersetzen, in Analogien, in Farben, um schließlich bei Materialien anzukommen, deren Festigkeit und Dichte sich weiter wandelt. Die Sprache Anne Carsons jedenfalls ist zweifellos aus einem anderen Holz geschnitzt, als man es normalerweise in der zeitgenössischen Literatur vorgelegt bekommt.
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