Neues Werk von Lyrikerin Anne Carson: Fragen in die Mona Lisa gießen

Rätselhaft schillernde Gedichte von Anne Carson in ihrem neuen Werk: „Irdischer Durst“. Darin reiht sie Bilder und Worte assoziativ aneinander.

die kanadische Dichterin Anne Carson auf einem Bild von 1999.

Die kanadische Dichterin Anne Carson, die im Juni 70 Jahre alt wurde. Hier auf einem Foto von 1999 Foto: Stephen Chernin/ap

Was ist das: „Irdischer Durst“? Der Leser des Bandes mit Gedichten, Essays und Aphorismen der kanadischen Dichterin und Altphilologin Anne Carson muss einige Seiten lang warten, bis er eine für die Autorin bezeichnende Antwort erhält: „Jeden Tag goss er seine Fragen in sie“, heißt es in „Über die Mona Lisa“ und mit „er“ ist offenbar der Maler des Bildes, Leonardo da Vinci, gemeint.

„So wie man Wasser aus einem Behälter in einen anderen gießt, und es goss zurück. Erzähl mir nicht, dass er seine Mutter malte, oder Lust oder so. Es gibt einen Moment, da ist das Wasser nicht in dem einen und nicht in dem anderen Behälter – ein Durst war das, und er nahm an, dass er fortfahren würde, bis die Leinwand völlig leer wäre. Aber Frauen sind stark. Sie verstand etwas von Behältern, von Wasser und vom irdischen Durst.“

Eine rätselhafte, poetische Antwort, die offenbar den schöpferischen Prozess beschreibt. Die an Roland Barthes erinnert, der einmal gesagt haben soll, dass ein gutes Gedicht einen besser versteht als man sich selbst. Nur dass an die Stelle des Gedichts hier das Bild tritt. Und eine Antwort, die auf das elementare Bedürfnis nach dem schöpferischen Prozess hindeutet.

Gedichtfragmente und Pastiches

Anne Carson: „Irdischer Durst“. Aus dem Englischen von Marie Luise Knott. Matthes & Seitz, Berlin 2020, 120 Seiten, 20 Euro

Bereits im ersten Teil von „Irdischer Durst“ hatte Carson Hinweise auf ihr poetisches Verfahren gegeben. Es sind Gedichtfragmente, die an die Fragmente des um 600 vor unserer Zeitrechnung lebenden griechischen Dichters Mimnermos angelehnt sind. Pastiches, die Inhalte des Vorbilds übernehmen und Leerstellen mit eigenem Text füllen.

Mimnermos, erklärt Carson in dem nachfolgenden Essay, „Mimnermos und die Wandlungen des Hedonismus“, hatte kein Interesse an historischen Bezügen. So kann sie auch nur über die Identität des Helden mutmaßen, von dem er in einem der Fragmente sagt, dass er in der Nähe der Heimatstadt Mimnermos’, Kolophon, gekämpft hat.

„Doch wer ist dieser unvergleichliche Mann …? Sein Vater? Sein Großvater? Vielleicht frei erfunden? … Er lässt diese glänzende Erscheinung durch die Zeit wandeln wie eine Nadel, welche jene zwei Momente zusammennäht, aus denen Nostalgie gemacht ist. Das Damals und das Jetzt. Sein Thema ist die Tatsache, dass wir nicht mehr im Licht stehen (wenn wir nach ihm suchen).“

Erinnerung an Kafka

Das erinnert an Kafka, auf den es mehrere Hinweise in „Irdischer Durst“ gibt. Wie Carson nimmt Kafka eine historische Gegebenheit nur zum Anlass, um eine eigene Geschichte zu erzählen, die eigenen Gedanken, eigenen Absichten folgt. In seinen kurzen, aphoristischen Texten stellt Kafka wie Carson Gegensätze schroff gegeneinander, weist auf deren dialektische Bezüge hin.

Die Gedichte in „Irdischer Durst“ sind nicht leicht zugänglich, reihen sich in die Lyrik der Moderne ein, die durch letztlich nicht ganz entschlüsselbare assoziative Aneinanderreihung vor allem von Bildern und Worten geprägt ist. Aber der Leser wird durch die Beschäftigung mit ihnen belohnt. Denn Carsons Gedichte und Aphorismen stärken seine intellektuelle Souveränität. Sie ermöglichen neue Perspektiven auf die Dinge des Lebens.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de