Angsttheater nach Kafka: Man belauert sich unter Honigwolken
Ästhetisch bezaubernde sozialpsychologische Lehrstunde mit Humor: Rebecca David inszeniert „Zeit für Monster“ am Theater Braunschweig.
Angst ist ein prima Gefühl. Nähert sich ein fleischfressendes Raubtier mit mörderischem Hunger oder ein bewaffneter Dschihadist mit mörderischem Hass, mobilisiert die Angst durch Stresshormonausschüttung die Kräfte zu Abwehr oder Flucht. Sie schärft die Sinne, sorgt für besorgte Erregtheit, auf dass wir keine unverantwortlichen Risiken eingehen. Ohne Angst wäre der Mensch längst ausgestorben.
Bleibt die Angst aber, obwohl sich reale Gefahr oder akute Bedrohung verflüchtigt haben, wird es ungemütlich fürs werte Befinden – und gefährlich für die Gesellschaft. Darauf verweist Franz Kafka in seiner Parabel „Der Bau“ (1923/24). Und das verdeutlicht nun auch Regisseurin Rebekka David mit der Inszenierung des Stoffes am Staatstheater Braunschweig: „Zeit für Monster“.
In der Vorlage hat sich ein Tier im Ausnahmezustand unablässiger Was-wäre-wenn-Erwägungen verfangen: Ständig und überall sieht es Gefahren lauern und reagiert mit dem Rückzug in ein unterirdisches Labyrinth. Isolation vor der unsicheren Außenwelt ist die bestmögliche Illusion von Sicherheit – auf Kosten der Freiheit.
Eingebunkert im Luxus
In der Braunschweiger Fassung ist es eine sektiererische Wohngemeinschaft, die sich derart eingebunkert hat. Ihr selbst gewähltes Luxusgefängnis wirkt unter triefenden Honigwolken wie ein Mix aus Wabe und Goldsafe (Bühne: Jana Wassong).
In diesem Glanz von Reichtum werkelt das sechsköpfige Ensemble in Imkerkostümen an der Perfektionierung der Festung, um jedwede Wohlstandsminderung zu verhindern, den „täglichen Vernichtungskampf“ auf Erden zu vergessen sowie die Bedrohungen einer unbestimmten Zukunft zu antizipieren. In der Überlebens-Logistik ihrer Preppermentalität hat das Sextett ausreichend Nahrung für ein halbes Jahr eingelagert, nascht allerdings auch gern mal vorüberhuschende Mäuse.
Kafka-Zitate und Beiträge des Ensembles werden garniert mit Alltagsweisheiten wie: „Wer Furcht hat, hat auch was zu verlieren“, und: „Wer keine Angst hat, hat auch keine Fantasie“. Frieden und Stille seien trügerisch, heißt es. Was die Gruppe zusammenhält, ist eben die wachsende Angst vor allem, was kreucht und fleucht oder auch einfach nur herumsteht.
Jeder Luftzug beunruhigt
Reichlich Situationen, Objekte, Lebewesen dienen zu undramatischem Gedankenaustausch. Geht es ums Telefonieren, steigt der Angstpegel nur bei einem Bewohner, beim Stichwort Schlange dagegen zucken alle zusammen. Jedes Geräusch, jeder Luftzug beunruhigt. Ein erlauschtes Zischen wird schnell als das nahende Fremde interpretiert und löst geradezu Panik aus. Sofort ist eine Widerstandsfront aufgebaut, bewaffnet mit Insektenspray, Fleischklopfer und Mausefalle. Ja, eingebildete Angst kann sehr komisch sein.
Zudem erscheint vieles aufs Verflixteste ambivalent. Der Angst, doch mal rauszugehen in die Welt, steht jene gegenüber, allein zu bleiben im Bau. Jede seiner Öffnungen wird als Fluchtweg wahrgenommen. Das entspannt. Bloß ist jede halt auch als Möglichkeit kenntlich, einzudringen, und das sorgt für die zittrige Anspannung einer gnadenlosen Vorsicht.
„Zeit für Monster“ im Staatstheater Braunschweig:
17.4., 1.5., 9.5., 13.5., 24.5., 30.5., 7.6., 10.6., 19.30 Uhr
Konkret haben alle Angst vor „Eindringlingen“, die einen „verderben“ könnten, was geradezu Mordlust weckt. Zu den wirklichen und fantasierten äußeren Feinden kommen Vermutungen über weitere im Bauinneren. Ein Daseinsgefühl des Ausgeliefertseins an allgegenwärtige Kräfte und Mächte breitet sich aus.
Aus gegenseitigem Vertrauen wird ein permanentes Belauern. Wobei einerseits die Furcht wächst, nicht akzeptiert und selbst ausgeschlossen zu werden. Andererseits wird der Ruf nach totaler Kontrolle laut und lauter. Anpassungszwang trifft auf Ausgrenzungswahn, wird zu Paranoia. Die Bereitschaft wächst, sich strengeren Gesetzen und autoritären Anführern unterzuordnen, und schon hitlert jemand los.
Ängste sind der Humus des Totalitarismus. Es entwickelt sich eine sozialpsychologische Lehrstunde, aber eben nicht akademisch, sondern ästhetisch bezaubernd, textlich vielschichtig und schauspielerisch mit satirisch keckem Humor. Ein schlaues Vergnügen.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
Starten Sie jetzt eine spannende Diskussion!