Angst vor neuer Schuldenkrise: „Trump tritt die Goldene Regel mit Füßen“
Investoren verlangten für langfristige US-Anleihen zuletzt so viel wie seit fast 20 Jahren nicht mehr. Dies liegt auch an gestiegenen Militärausgaben.
Donald Trump droht der von ihm selbst angehäufte Schuldenberg über den Kopf zu wachsen. „Die USA stecken in einer handfesten Schuldenkrise“, warnt der Ökonom Rudolf Hickel im Gespräch mit der taz. Der US-Präsident habe weltweit das Vertrauen der Finanzmärkte in die USA erschüttert.
Der Bremer Finanzmarktexperte und Gründungsmitglied der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik steht mit seiner Warnung vor den wachsenden US-Staatsschulden nicht alleine da. „Man muss sich um die Stabilität der globalen Anleihemärkte Sorgen machen“, sagte der neue Wirtschaftsweise Gabriel Felbermayr der Nachrichtenagentur Reuters. Das Schuldenmachen sei nun überall deutlich teurer. „Aber nicht nur das: Die Gefahr einer größeren globalen Staatsschuldenkrise ist aktuell sehr hoch.“
Der Grund für die lagerübergreifende Sorge der Ökonom*innen: Weltweit sind die Renditen, die Finanzinvestoren für Staatsanleihen verlangen, zuletzt massiv in die Höhe geschossen. Besonders deutlich zeigte sich das gesunkene Vertrauen der Finanzmärkte bei langfristigen US-Staatsanleihen. Knapp 5,3 Prozent verlangen Investoren dieser Tage für US-Anleihen mit einer Laufzeit von 30 Jahren. Das ist so viel wie seit dem Beginn der Weltfinanzkrise 2007 nicht mehr.
„Trump treibt die Kosten mit seiner Politik nach oben“, warnt Hickel. Zunächst hat er mit seiner Zollpolitik den globalen Handel gestresst, jetzt sind die Öllieferketten durch den Krieg gestört, den der US-Präsident seit Anfang März zusammen mit Israel gegen Iran führt. Die Folge ist, dass die Inflation sowohl jenseits als auch diesseits des Atlantiks wieder steigt. In der Eurozone lag sie im Juli bei 2,9 Prozent, wie das EU-Statistikamt am Mittwoch mitteilte. Die Gefahr steigender Leitzinsen durch die Zentralbanken dämpfen Erwartungen auf Wirtschaftswachstum.
US-Notenbank in der Falle
Denn eine zu hohe Inflation bekämpfen Zentralbanken gerne mit Zinserhöhungen, was wiederum auch die Renditen der Staatsanleihen in die Höhe treibt. US-Ökonomen warnen deshalb, dass die Fed sich in einer Fiscal Trap, fiskalischen Falle, befände. Eigentlich müsste die US-Notenbank wegen der Inflation die Zinsen erhöhen. Doch dies würde die US-Zinsausgaben noch weiter steigen lassen, was Trump zu verhindern versucht und deswegen Druck auf die Fed ausübt. Denn bereits im vergangenen Jahr musste die US-Regierung 970 Milliarden Dollar für den Schuldendienst berappen. Dieses Jahr könnte es sogar mehr als 1 Billion Dollar sein.
„Das ganze Wirrwarr, das Trump erzeugt, lassen sich die Finanzmärkte gut bezahlen“, sagt auch Thomas Theobald vom Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung der taz. „Es ist aber noch keine akute Staatsschuldenkrise.“ Was den Finanzmarktexperten optimistischer stimmt als Ökonom Hickel: Der US-Schuldenstand ist derzeit nicht auf Rekordniveau. Ende 2025 belief sich der Schuldenberg gemessen an der US-Wirtschaftsleistung auf knapp 124 Prozent. Zum Vergleich: Ende 2020 waren es rund 130 Prozent.
Nichtsdestotrotz haben die USA ein strukturelles Problem. Ihre Schulden sind nicht tragfähig. „Trump tritt die Goldene Regel mit Füßen“, sagt Hickel. Damit verweist der Ökonom auf eine Einsicht, wonach es durchaus sinnvoll sein kann, wenn der Staat Schulden macht. Wenn er nämlich damit Investitionen in die öffentliche Infrastruktur finanziert, die sich wiederum in Wirtschaftswachstum niederschlagen. So kann der Staat seine Schulden über steigende Steuereinnahmen refinanzieren.
Doch Trump bläht derzeit vor allem seinen Militärapparat auf. Ende Juli genehmigte das US-Repräsentantenhaus dem Pentagon ein Rekordbudget. Dies sieht für nächstes Jahr Haushaltsmittel in Höhe von 1,15 Billionen Dollar vor – fast ein Drittel mehr als das diesjährige Budget. Doch schafft mehr Geld für Waffen nicht sonderlich viel Wachstum. „Dadurch können die steigenden Staatsschulden nicht mit mehr Wachstum refinanziert werden“, sagt Hickel.
Ökonom Theobald weist zudem auf die Steuergeschenke hin, die Trump Reichen und Megareichen bereits im vergangenen Jahr mit seiner „Big Beautiful Bill“ machte. Der US-Präsident nannte sie „die größte Steuersenkung in der Geschichte“. „Auch da wurden die Staatsschulden nicht effizient verwendet, um Wachstum zu schaffen“, so Theobald.
All das lässt eben offenbar das Vertrauen in die USA auf den Finanzmärkten schwinden und die Renditeerwartungen steigen. Doch die US-Regierung hat noch ein weiteres Problem, das die Ökonomen mit Interesse beobachten: Auf der Suche nach frischem Kapital gerät die US-Regierung immer mehr in Konkurrenz mit den großen IT-Konzernen. Die wiederum brauchen das Geld, um in riesige Rechenzentren zu investieren, damit sie bei der KI-Wette nicht den Anschluss verlieren.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
Starten Sie jetzt eine spannende Diskussion!