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Angriffe der ADF-Miliz in der DR KongoNachts kehren die Killer zurück

Im Regierungsgebiet im Osten der DR Kongo ist die Bevölkerung schutzlos gegen die ugandische Miliz ADF. Nach neuen Massakern steigt die Wut.

Am Tag nach dem Überfall herrschen Fassungslosigkeit und Empörung. „Wie kann das sein?“, fragt Clovis Mutsuva. „Weniger als 100 Meter von einer Militärstellung entfernt? Nur ein paar Kilometer vom Sitz des Militärgouverneurs?“

Sieben Menschen wurden in der Nacht zum 31. Mai brutal massakriert, als mutmaßliche Kämpfer der islamistischen ugandischen ADF (Allied Democratic Forces) den Stadtteil Ngadi der ostkongolesischen Stadt Beni überfielen. Mit Macheten wurden sie zerhackt, alles Angehörige derselben Familie aus der Volksgruppe der Pygmäen, darunter der bekannte Komödiant Nzanzu Mangese.

Beni ist der Sitz der Provinzregierung der ostkongolesischen Provinz Nord-Kivu, seit deren Hauptstadt Goma Anfang 2025 an die Rebellenbewegung M23 (Bewegung des 23. März) gefallen ist. Die Residenzen des Militärgouverneurs, der hohen Kommandanten sowie die Basis der UN-Blauhelme in Beni liegen nicht weit vom Angriffsort entfernt.

Es ist ein Alptraum, den die Menschen gehofft hatten hinter sich zu lassen. Clovis Mutsuva, Aktivist der Bürgerrechtsbewegung „Lucha“, gehört zu den vielen Anwohnern, die seit den frühen Morgenstunden des 31. Mai zum Anschlagsort geeilt sind. Der Ort des Massakers schockiert ebenso wie das Massaker selbst. In Ngadi hatten im Oktober 2014 die ersten großen ADF-Massaker im städtischen Raum Ostkongos begonnen. 2021 verhängte Kongos Regierung das Kriegsrecht über Nord-Kivu und die angrenzende Provinz Ituri und holte Ugandas Armee in die Region, um die ADF zurückzudrängen. Doch seit einiger Zeit kehren die Killer zurück und treffen auf eine traumatisierte Bevölkerung, die im Teufelskreis von Krieg, Vertreibung und Trauerfeiern lebt.

Es bleibt nicht bei den sieben Toten

Auf den Straßen von Beni gibt es am Morgen nach dem Massaker nur eine Frage: Wie war das möglich, so nahe an den militärischen Entscheidungszentren? Während die Behörden untereinander über den Umgang mit dem Volkszorn beratschlagen, sammeln Jugendliche die Leichen ein. Es bleibt nicht bei den sieben Toten. Einige Kilometer weiter werden weitere Massakeropfer gefunden, auf der Straße nach Vemba. 14 Tote werden am Ende insgesamt gezählt.

Von den Behörden lässt sich niemand blicken. Ein spontaner Protestmarsch sammelt sich. Es werden Parolen gegen die Regierung und gegen das Kriegsrecht gerufen, die in Tücher gehüllten Leichen werden öffentlich zur Aufbahrung in die Leichenhalle gebracht.

Und es geht weiter. In der Nacht zum 4. Juni gibt es einen schweren ADF-Angriff bei Mbau auf der Hauptstraße aus Beni nach Norden Richtung Ituri. Mindestens 15 Tote werden gemeldet. Am Morgen des 6. Juni werden fünf verstümmelte Leichen auf einem Feld bei Matiba gefunden, ein Dorf fünf Kilometer außerhalb von Mbau. Und am Nachmittag gerät ein Motorradfahrer in einen Hinterhalt am Kilometerpunkt 11 auf der Straße von Beni nach Kamango, er wird ebenso wie sein Beifahrer getötet.

Inmitten des Dramas gibt es auch Geschichten, die Mut machen. Sergeant Ngassia Byatino von der Regierungsarmee verlor sein Leben, als er in einem Gesundheitszentrum von Ngadi versuchte, Patienten und Mediziner zu schützen. „Die ADF hatte unsere Medikamentenausgabestelle umzingelt, wo wir mit 17 Patienten ausharrten“, erzählt der Nachtpfleger. „Der Sergeant hat allein gegen sie gekämpft. Er wurde überwältigt. Wenn die anderen ihm beigestanden hätten, hätten sie die Angreifer vielleicht zurückschlagen können. Aber er hat uns zumindest gerettet.“ Der Mut eines Einzelnen kontrastiert mit dem allgemeinen Gefühl der Bevölkerung, schutzlos zu sein.

Die Suche nach einer Gegenstrategie

Die ADF-Angriffe im Ostkongo hatten sich zuletzt nach Norden verlagert, jenseits der Provinzgrenze nach Ituri hinein in den Distrikt Mambasa. Es gab Überfälle mit Dutzenden Toten und massive Fluchtbewegungen. Überlebende beschreiben ein immergleiches Muster: Die Bewaffneten kommen in der Nacht, überraschend, sie überfallen wehrlose Menschen und verschwinden, bevor jemand eingreifen kann.

In Beni hatten die Menschen gehofft, die Verlagerung des Krieges bringe ihnen eine relative Stabilität. Aber die neuen Angriffe haben diese Hoffnung zunichtegemacht. Die Angriffe mögen sich mal in diese und mal in jene Richtung verlagern, eines bleibt immer gleich: sie treffen die Zivilbevölkerung in Regionen, über die Kongos Regierung die Sicherheitskontrolle beansprucht, und sie gehen immer weiter.

Wie nach jedem Massaker erheben auch jetzt Politiker ihre Stimme und verlangen Rechenschaft. „Aus unserer Sicht ist die Tatenlosigkeit der Ordnungskräfte eine Form der Komplizenschaft“, ärgert sich der lokale Abgeordnete Jean Paul Nbahangondi, Angehöriger der Oppositionspartei Ensemble von Oppositionsführer Moise Katumbi.

Shafi Musitu von der Partei BUREC, die zum Regierungsbündnis von Präsident Felix Tshisekedi gehört, kritisiert das seit fünf Jahren geltende Kriegsrecht, das keine Sicherheit hergestellt habe. „Man muss diese Maßnahme aufheben, sie bringt nichts“, sagte er. „Das Kriegsrecht ist gescheitert. Menschen werden getötet und die Militärbehörden sind machtlos.“

Zunehmend fordern lokale Politiker, dass die lokalen Bevölkerungen die Mittel zur Selbstverteidigung erhalten müssten. Lokale Selbstverteidigungsmilizen sollten gebildet werden können, sagte vergangene Woche in Kongos Parlament Carly Nzanzu Kasivita, der letzte zivile Provinzgouverneur von Nord-Kivu bis zur Verhängung des Kriegsrechts 2021 und heute Abgeordneter in Kinshasa.

Dabei sind in der Region bereits Tausende Regierungssoldaten sowie eine Eingreiftruppe aus Uganda gegen die ADF stationiert, außerdem gibt es mehrere hundert UN-Blauhelme und eine Vielzahl lokaler bewaffneter Gruppen, die sich alle als Wazalendo (Patrioten) begreifen, also lokale Selbstverteidigungsmilizen mit dem Segen des Staates. Sie alle konnten die Massaker offensichtlich auch nicht verhindern.

„Die Idee, noch weitere bewaffnete Kräfte zu schaffen oder gar Zivilisten zu bewaffneten, ist sehr gefährlich“, findet der ehemalige Provinzabgeordnete Jaribu Muliwavyo. „Das setzt die Bauern Racheangriffen aus und legt den Boden für den nächsten Bürgerkrieg.“

Schlafen können, ohne um sein Leben zu fürchten

Viele Menschen in Beni sind müde angesichts der endlosen Strategiedebatten. Was für sie zählt, sind konkrete Ergebnisse: dass man sicher aufs Feld kann, dass man reisen und handeln und schlafen kann, ohne um sein Leben zu fürchten. „Wir wollen Frieden“, sagt Pépé Kavota, Präsident des städtischen Zivilgesellschaftsverbandes von Beni. „Seit über zehn Jahren sind wir unserem Schicksal überlassen. Wer wird kommen und diesen mörderischen Wahnsinn stoppen?“

Die ADF gehört zu den mörderischsten bewaffneten Gruppen der Demokratischen Republik Kongo. Ursprünglich in Uganda entstanden, aber seit Jahrzehnten in den Wäldern Ostkongos ansässig, haben sie trotz mehrfacher Militäroperationen eine außergewöhnliche Schlagkraft entwickelt – nach UN-Recherchen gefördert durch afrikanische Netzwerke des „Islamischen Staates“, als deren Arm die ADF sich zuweilen ausgibt.

In Beni kursieren nun unvorteilhafte Vergleiche: Die ADF tötet mehr Menschen als die Ebola-Seuche, gegen die die internationale Weltgemeinschaft erhebliche Mittel in Bewegung setzt. Oder die von Ruanda unterstützten M23-Rebellen weiter südlich, gegen die Kongos Regierung immense militärische Anstrengungen auf die Beine stellt und weltweit diplomatisch mobil macht.

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Von einem „Patriotismus mit zweierlei Maß“ spricht Jeannette Kasimba, eine Schullehrerin in Beni. „Wir sehen, dass Drohnen gegen die M23 fliegen, es gibt Panzer, alles Kampfmaterial ist da unten konzentriert. Und wir hier, sind wir Tiere? Warum wird nicht ebenso engagiert gegen die ADF vorgegangen?“

Die Behörden weisen das zurück. Sie verweisen auf laufende Militäroperationen, die Opfer in den Reihen der Armee und die Schwierigkeit, gegen eine sehr mobile bewaffnete Gruppe in einem komplizierten Bergwaldgebiet mit einer durchlässigen Staatsgrenze vorzugehen. „Die Bevölkerung muss uns vertrauen“, erklärt Marc Elongo, Sprecher der Armeeoperation „Sukola 1“ gegen die ADF. „Die Armee tut ihr Bestes, um alle zu schützen. Aber die ADF-Terroristen führen einen asymmetrischen Krieg.“

So versucht man in Beni, den Alltag zu bewältigen. Die Märkte sind offen, die Schulen auch. Die Straßen sind voll mit Motorrädern, dem wichtigsten Transportmittel. Und hinter dieser scheinbaren Normalität fragen sich die Menschen: Wer ist das Nächster dran? Und wie lange geht das noch?

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