Angriff bei Pegida-Demo in Dresden

Radikale Rentner

Pegida-Demonstranten in Dresden greifen am Montag einen Mann aufgrund seiner Hautfarbe an.

Eine Menschenmenge, über der ein paar Deutschlandflaggen und rote Flaggen mit rotem Kreuz wehen

Pegida-Kundgebung am 29. Juli auf dem Altmarkt in Dresden Foto: Jean-Philipp Baeck

Teilnehmer und Ordner der rechten Pegida-Demo in Dresden haben am Montag einen Mann mit schwarzer Hautfarbe angegriffen. So berichten es mehrere Augenzeugen vor Ort unabhängig voneinander der taz. Auch ein Video auf Twitter dokumentiert, wie der Mann an einer Kreuzung an der St. Petersburger Straße in der Dresdner Altstadt mit einer Gruppe aus der Pegida-Demo spricht. Dann schlägt ihm ein älterer Mann unvermittelt in Richtung Kopf. Er trägt die Binde eines Pegida-Ordners. Zuvor sind Rufe aus dem Zug der Demonstranten zu hören: „Ein Paar auf die Fresse hauen“, ruft einer. Und dass der Mann „ein Provozierer“ sei. Mehrere Personen skandieren: „Hau ab, hau ab“.

Fünf Jahre nach den großen Pegida-Aufmärschen mit bis zu 25.000 TeilnehmerInnen treibt es mittlerweile nur ein Stammpublikum auf die Straße: 1.500 Menschen waren es nach Zählung der taz am Montag – ein wütender Rest aus RentnerInnen und wenigen jungen Rechtsextremisten. Obwohl geschrumpft, bleiben die Pegida-Demonstrationen Bezugspunkt für eine populistische und neue Rechte.

Ein Team aus tazost-ReporterInnen ist an diesem Montag mit dabei: bei den GegendemonstrantInnen, am Rand und auch auf der Pegida-Demo. Wir laufen mit. Nicht allen Rechten geben wir uns sofort als JournalistInnen zu erkennen – aus Sicherheitsgründen. Immer wieder wurden KollegInnen angegriffen. Uns interessiert vor allem, welches Verhältnis die DemonstrantInnen fünf Wochen vor der Landtagswahl zur AfD haben.

Der Tumult um den Angriff wird auch weiter vorne in der Demo bemerkt. Ein Mann beruhigt die Umstehenden. „Nee, keine Angst“, sagt er. Die Linken seien „Schisser“, die würden sich nicht trauen, die Demonstration anzugreifen. „Wahrscheinlich ein paar Braune“, erklärt er und meint damit People of Color.

Polizei ermittelt wegen Körperverletzung

Der Angriff auf den Mann, laut Polizei ist das Opfer ein 30-jähriger Inder, geschah gegen 19.30 Uhr im hinteren Teil des Aufzugs. Zwei Pakistani, an denen die Polizisten später, als sie Zeugen suchen, vorbeigehen, erklären der taz, dass der Inder wohl über die Straße gehen wollte und dann ein Wortgefecht begann. Von mehreren Demo-Teilnehmern sei er dann mit Fäusten geschlagen worden. Sie wollen einen weiteren Ordner im gelben Pegida-Polohemd unter den Tätern ausgemacht haben. Den hat auch die Polizei später befragt.

Auch Anna und Oskar, die vollen Namen sind der taz bekannt, beschreiben den Vorfall. Sie seien als FotografInnen bei einer Sommerakademie in Dresden und zufällig vor Ort gewesen. Auch sie erklären: Die Demo-Teilnehmer hätten angefangen. Sie hätten den Inder angebrüllt, er sei allein gewesen und habe sich aufgeregt. Dann, so sagen es Anna und Oskar, hätten Demonstranten auf ihn eingeschlagen – auch ein Pegida-Ordner mit grauen Haaren und blauem Polo-Shirt sei unter den Angreifern gewesen. Das ist der dritte beteiligte Ordner.

Sechs Wochen im Osten: Vor der Landtagswahl in Sachsen am 1. September 2019 war die taz in Dresden. Seit dem 22. Juli waren wir mit einer eigenen Redaktion vor Ort. Auch in Brandenburg und Thüringen sind bzw. waren wir vor den Landtagswahlen mit unserem #tazost-Schwerpunkt ganz nah dran – auf taz.de, bei Instagram, Facebook und Periscope. Über ihre neuesten Erlebnisse schreiben und sprechen unsere Journalist*innen im Ostblog und im Ostcast. Begleitend zur Berichterstattung gibt es taz Gespräche in Frankfurt (Oder), Dresden, Wurzen und Grimma. Alle Infos zur taz Ost finden Sie auf taz.de/ost.

Jener Ordner stellt den Vorfall im Gespräch mit der taz anders da. Wer angefangen habe? „Die einen sagen so, die anderen sagen so.“ Der Mann habe die DemonstrantInnen mit „Fick deine Mutter“ beleidigt. Dann sei es zu einer Rangelei gekommen. „Da müssen wir dazwischengehen“, sagt er.

Vor Ort erklärt ein Polizist, der Vorfall werde von beiden Seiten unterschiedlich dargestellt. „Tatsache ist aber, dass es nur einen Verletzten gab.“ Die Polizei ermittelt wegen Körperverletzung.

Etwa 150 GegendemonstrantInnen vor Ort

Auch zwei weitere Ermittlungsverfahren wurde eingeleitet: Gegen 19 Uhr soll ein Teilnehmer der Pegida-Demonstration den Hitlergruß gezeigt haben. Später habe ein 70-jähriger Pegida-Teilnehmer einen Gegendemonstranten bespuckt.

Tatsächlich sind die Rechten auf dem Altmarkt nicht alleine: Initiativen wie „Nationalismus raus den Köpfen“ und „Hope – fight racism“ haben sich zu Beginn der Pegida-Demo an unterschiedlichen Punkten positioniert: Eine kleine Gruppe steht mit Transparenten an der Westseite des Altmarktes – ein paar Meter neben einem Solidaritätsstand für Ursula Haverbeck, die wegen Holocaust-Leugnung inhaftiert ist.

Andere GegendemonstrantInnen ziehen zu Beginn der Pegida-Kundgebung einmal um den Altmarkt herum. An einzelnen Stellen der Kundgebung wird laut gepfiffen, um extreme Positionen zu übertönen. Als der rechte Aufzug startet, kommen die insgesamt etwa 150 GegendemonstrantInnen auf dem Altmarkt zusammen.

Das Verhältnis zur Polizei basiere mittlerweile auf gegenseitigem Respekt, erzählt eine Gegendemonstrantin, die seit mehreren Jahren nur wenige Montage verpasst hat. Aus der Pegida-Abschlusskundgebung kommen immer wieder einzelne Menschen zu der Gegendemo, machen Fotos, wollen Diskussionen anfangen und schimpfen. Die GegendemonstrantInnen sind das gewohnt, reagieren abwehrend aber ruhig.

Rechtsextreme Symbole

Der Altersdurchschnitt der Pegida-TeilnehmerInnen auf dem Altmarkt ist deutlich höher als bei den GegendemonstratInnen. Karohemden, Socken in Sandalen, Schildkappen, knielange Sommerkleider mit Blumenmustern: Sie sehen größtenteils aus wie durchschnittliche Rentner. Über der Menge wehen Deutschlandflaggen, Angela Merkels Gesicht ist auf einem Plakat mit einem fetten, roten Balken durchgestrichen. Auch Anhänger der Abspaltung AdP von André Poggeburg sind vor Ort.

Von den wenigen jüngeren Leuten, die dabei sind, geben sich viele durch T-Shirts, Aufkleber oder andere Symbole als Rechtsextremisten oder Neonazis zu erkennen. Eine Fahne der „Identitären Bewegung“ ist zu sehen, ein Mann hat deren „Lambda“-Symbol auf seine Fahnenstange geklebt.

Mehrere Männer tragen den Thorshammer als Anhänger um den Hals, ein heidnisches Symbol, das zum rechten Erkennungszeichen wurde. Ein Mann trägt ein T-Shirt der Cottbusser Neonazi-Band „Frontalkraft“, neben ihm läuft ein Mann mit einem olivfarben Shirt, darauf der Aufdruck „Wolfschanze 2014, Heidenauer Schützenbund e.V.“

Viele Gespräche in der Versammlung drehen sich um die AfD. Eine Fahne der AfD ist zu sehen, ein offizielles Wahlplakat und ein selbstgemaltes Schild, das dazu aufruft, sie zu wählen. Flyer werden verteilt, „Trau dich Sachsen“, steht darauf. Auch der AfD-Bundestagsabgeordnete Jens Maier soll da sein, sagt Pegida-Anführer Lutz Bachmann. Er gibt eine indirekte Wahlempfehlung ab, indem er rät, keine „Altparteien“ zu wählen.

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