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Aktivist über Friedhofs-Artenvielfalt„Es darf auch etwas unordentlich aussehen“

Friedhöfe sind gut für Artenvielfalt und Klimaschutz. Dafür müssen sie aber richtig bewirtschaftet werden, sagt Claus-Peter Troch vom Hamburger Nabu.

Alexander Diehl

Interview von

Alexander Diehl

taz: Herr Troch, gibt es ein Tier, das so richtig typisch ist für den Friedhof?

Claus-Peter Troch: Nein, kein spezielles Tier.

taz: Aber seltene Arten leben dort schon?

Troch: Ja, der Große Fuchs, zum Beispiel. Das ist ein nicht so häufiger Tagfalter. Und sonst: Wir haben über 33.000 Insektenarten in Deutschland, von denen auch seltene Arten hier ihren Lebensraum finden. Um das herauszufinden, wäre aber ein besseres Monitoring hilfreich. Gerade im urbanen Raum profitieren Insekten, Vögel, Amphibien und kleine Säugetiere von strukturreichen Friedhöfen mit vielen Wegrändern, Grabsteinen, alten Bäumen, Hecken und Kleingewässern. Das ist es, was den Friedhof als Lebensraum so interessant macht: Das ist nicht nur Wiese, das ist auch nicht nur Wald. Die Strukturvielfalt ist das eigentlich Wichtige.

taz: Da gibt es vermutlich bessere und schlechtere Beispiele.

Troch: Hamburg-Ohlsdorf ist der größte Parkfriedhof der Welt. Da stecken schon im Namen die beiden Bestandteile Friedhof und Park. Er ist ein wichtiges Kultur- und Gartendenkmal, aber auch eine sehr große grüne Oase und hat ein riesiges Potenzial als Lebensraum für viele Pflanzen und Tiere. Leider wird vieles davon verschenkt.

Im Interview: Claus-Peter Troch

Amateurentomologe, Naturfotograf und Artenschützer. Das aktive Mitglied der Fachgruppe Entomologie beim Nabu Hamburg leitet regelmäßig naturkundliche Führungen etwa im Hamburger Stadtpark.

taz: Welche Rolle spielt es, dass die Bestattungskultur sich verändert: weniger Erdbestattung, dafür mehr alternative, auch ökologischere Angebote?

Troch: Da die Nachfrage nach Grabflächen rückläufig ist, muss sich der Friedhof Gedanken machen, was mit frei werdenden Flächen geschieht und wie der Parkfriedhof als Ganzes weiterbestehen kann – und er muss aufpassen, dass nicht von außen lauter Begehrlichkeiten an ihn herangetragen werden.

taz: Allen voran der Wohnungsbau. Was müsste passieren?

Troch: Der Friedhof muss freie Flächen naturnäher pflegen. Da darf es auch manchmal etwas „unordentlich“ aussehen. Es müssen nicht alle Rasenbereiche alle zwei Wochen gemäht werden. Bei jeder Mahd muss ein Teil der Wiese ungemäht bleiben. Hier müssen neue, naturnahe Pflegepläne gemacht werden und der Gerätepark muss um naturschonendere Maschinen wie Balkenmäher ergänzt werden.

Das Gras wächst nach. Aber die Insekten sind weg

taz: Läuft denn auch etwas gut?

Troch: Teilweise werden schon naturnahe Flächen angelegt, auf denen das Gras und die Wildblumen stehen bleiben. Dann wird aber oft, weil das preisgünstiger ist, alles gemäht. Damit wird fast die gesamte Insektenpopulation dieser Fläche vernichtet, denn an den Pflanzen wurden Eier abgelegt und für den geschlüpften Nachwuchs ist diese Wiese der einzige Lebensraum. Da haben Sie Pflanzenstängel, da sind mehr als 1.000 Insekteneier dran, das bedeutet dann, dass zum Beispiel 1.000 Schmetterlinge beziehungsweise ihre Raupen nicht mehr schlüpfen werden!

taz: Unwiederbringlich?

Troch: Natürlich, die Pflanzen wachsen wieder, aber der Lebensraum für die Tiere ist zerstört. Die Tiere selbst sind es auch. So ein Insekt kommt an und denkt: Hier, eine Wiese, die ist schön, hier finde ich Nektar, da lege ich auch meine Eier ab. Dann kommen die Larven – und dann kommt der Mäher. Das Gras wächst nach. Aber die Insekten sind weg. Und die werden auch als Nahrung von den Vögeln, den Amphibien, den Reptilien, den Fledermäusen und vielen Kleinsäugern benötigt. Sie sind eine absolut notwendige Grundlage!

Der Aktionstag

Aktionstag „Lebendiger Friedhof“: Sa, 6. 6., Hamburg, Friedhöfe Ohlsdorf und Öjendorf.

Programm auf dem Ohlsdorfer Friedhof:

11 bis 17 Uhr: Infos und Bilderausstellung „Wunderwelt der Insekten und anderer Parkbewohner“ (Kapelle 3)11 und 18.30 Uhr: Vogelführung „Was singt denn da? 14 Uhr: Insektenführung am „Wildbienenboulevard“ 16 Uhr: Führung zu Weinberg- und anderen Schnecken21.20 Uhr: Fledermausführung am Nordteich

Veranstaltungen auf dem Öjendorfer Friedhof:

10 Uhr: Vogelführung „Was singt denn da?“

Infos und Anmeldung: www.NABU-Hamburg.de/lebendigerfriedhof

taz: Wir hatten den Wandel der Bestattungskultur angesprochen. Eine Chance und ein Risiko?

Troch: Ich sehe mehr Chancen – aber die müssen auch genutzt werden. Ich suche als Nabu-Vertreter immer wieder das Gespräch mit dem Friedhof, um die Pflegethemen anzusprechen, aber es geht zu langsam voran. Der Friedhof Ohlsdorf hat mit den Grünflächen ein riesiges Faustpfand, das er in Zeiten starken Artenverlusts und Klimaerwärmung sinnvoll einsetzen kann. Da muss der Friedhof mehr machen. Und da muss sich auch die Stadt überlegen: Wenn ich Natur erhalten will, dann kostet das was.

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