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Aktivismus ist TeamsportDie Macht des Wortes

In der sonst männlich geprägten Szene nimmt das Hamburger Kollektiv Feminis.muss eine besondere Rolle ein. Über eine Nacht mit Farbrolle auf dem Dach.

Aus Hamburg

Luca Heinze

E ine Gruppe Jugendlicher reicht sich im Licht der einzigen funktionierenden Laterne einen Joint herum, ansonsten ist der Schanzenpark menschenleer. Der Park im Hamburger Schanzenviertel ist als Treffpunkt ausgemacht. Es ist die erste Medienanfrage, auf die das Hamburger Graffitikollektiv Feminis.muss je eingegangen ist.

Eine Person taucht in der Dunkelheit auf. Sie ist vermummt, trägt schwarze Klamotten und läuft geradewegs zum ausgemachten Treffpunkt. „Bist du Luca?“, fragt die helle Stimme. Sie wartet ein zögerndes Nicken ab und sagt: „Wir treffen uns in 30 Minuten in der Bar vorne an der Kreuzung. Dort besprechen wir alles Weitere.“ Und verschwindet wieder.

Feminis.muss, ein Kollektiv aus Freund:innen, das eher malt als sprayt, ist inzwischen in ganz Hamburg bekannt. In der männlich geprägten Spraye­r:in­nen­sze­ne nimmt das Feminis.muss-Kollektiv eine besondere Rolle ein: Werke mit politischer, mit feministischer Botschaft. Wo sonst Spraye­r:in­nen die Wände mit ihren Künst­le­r:in­nen­na­men versehen, schmücken seit drei Jahren meterlange, mit einer Farbrolle aufgetragene „Feminis.muss“-Schriftzüge Gebäude.

In der Eckkneipe angekommen, erklären zwei Mitglieder des Kollektivs den spontanen Ortswechsel. Sie vermuten, dass die Polizei ihren Instagramaccount mit fast 8.000 Fol­lo­wer:­in­nen im Blick haben könnte. Ob bereits Ermittlungen laufen, wissen sie nicht. Die Kosten für die Beseitigung ihrer Werke dürften inzwischen aber im mittleren sechsstelligen Bereich liegen, schätzen sie. Außerdem hätte die Medienanfrage eine Falle sein können.

Aus einem Running Gag entstanden

Bei einem Bier und unvermummt erzählen die beiden, wie alles aus einem Running Gag mit einer Freundin entstand. Die Gruppe taggte der Freundin zuliebe den Feminis.muss-Slogan auf Wände und schickte ihr Beweisfotos. Daraus entstand die Idee, das größer aufzuziehen. Im August 2023 organisierte sich die Gruppe, einigte sich auf einen einheitlichen Stil und malt nun regelmäßig den Schriftzug „Feminis.muss“ auf Hauswände.

„Wir haben viel darüber geredet, wie der Stil sein soll, ob wir auch andere Sachen wie ‚Anarchis.muss‘ machen“, erzählt eine der beiden Personen. „Uns war es aber wichtig, genau diesen Kampf zu führen.“ Es gehe ihnen um die Macht der Sprache. „Je mehr das in der Stadt verteilt ist, desto mehr bleibt es in den Köpfen hängen, dass die Gesellschaft mehr Feminismus braucht.“

Gerade, da es nicht auf dem Boden der Konformität und des Legalen läuft, ist es so ein ausdrucksstarkes Medium

Person aus dem Hamburger Graffitikollektiv Feminis.muss

Dass es die einen bestärke und andere verärgere, sei gleich wertvoll. „Es soll genauso Kraft geben wie wehtun – wir wollen inspirieren und konfrontieren. Gerade, da es nicht auf dem Boden der Konformität und des Legalen läuft, ist es so ein ausdrucksstarkes Medium.“ Ihr nächstes Stück soll besonders imposant werden: das aufwändigste, das sie je gemacht haben.

Ein Dach mit Potenzial

Treffpunkt ist ein Uhr morgens, am Berliner Bogen, etwa auf halber Strecke zwischen Alster und Elbbrücken. Gegenüber ist das Objekt der Begierde, das seit 2022 stillgelegte Ambassador Hotel. Ei­ne:r der beiden war vor ein paar Wochen hier und sah in dem Dach Potenzial.

Die Person kletterte kurzerhand tagsüber das daneben stehende Gerüst hoch und überprüfte, ob man an der Dachkante des ehemaligen Hotels gut malen könnte. Dass das Nachbargebäude eingerüstet ist, ist essenziell für den Plan, da man so auf dem leichtesten Weg aufs Dach gelangt. Eine Alternative wäre gewesen, ins Gebäude einzubrechen. Das birgt allerdings mehr Risiken.

Lagebesprechung bei einer Zigarette. Die beiden haben mit bunter Farbe überzogene Blaumänner angezogen. Nicht gerade unauffällig, aber an einem Montag sind um diese Uhrzeit nicht so viele Menschen unterwegs. Einige – vermutlich waren sie bei einer Party im nicht weit entfernten Club Südpol – torkeln vorbei und schenken den beiden Ma­le­r:in­nen keine Beachtung. Auf der mehrspurigen Straße ist deutlich mehr los als geplant, auch Polizeiwagen fahren vorbei.

Ich bin vor jedem einzelnen Bild wieder furchtbar aufgeregt und hab Angst davor, erwischt zu werden

Person aus dem Hamburger Graffitikollektiv Feminis.muss

Die beiden Ma­le­r:in­nen warten die nächste Ampelphase ab und sind binnen Sekunden im abgedeckten Bereich des Gerüsts verschwunden. Über die Treppen und Leitern geht es die sechs Stockwerke hoch. Immer wieder klirrt die Leiter, die Farbrolle stößt gegen das Gerüst. Beide schrecken bei jedem lauten Geräusch zusammen.

Über den obersten Gang des Gerüsts geht es auf das Nebendach. „Ich hab eigentlich gar keinen Bock auf Adrenalin“, erzählt ei­ne:r der beiden. „Ich bin vor jedem einzelnen Bild wieder furchtbar aufgeregt und hab Angst davor, erwischt zu werden. Für den Kick mache ich es also gar nicht.“

„Es wird irgendwann passieren, dass wir erwischt werden“, ergänzt die andere Person. „Wir sind ja auf Dächern, da sind wir schutzlos ausgeliefert. Wir laufen denen ja auf dem Weg nach unten direkt in die Arme. Ich hasse das.“ Sollte jemand der Gruppe mal erwischt und eine Geldstrafe verhängt werden, wird sie von allen gemeinsam getragen. Darauf haben sie sich geeinigt.

Auf dem Dach noch eine schnelle Kippe, die letzte Lagebesprechung. Auf einem kleinen Zettel sind die Buchstaben maßstabsgetreu vorskizziert. Ihr aufwändigstes Werk soll 40 Meter breit werden, jeder Buchstabe ein Meter hoch und drei Meter breit.

Die Farbe wird angemischt: ein knalliges Rot für die weißgraue Hauswand. Es hat immer wieder leicht genieselt in der Nacht, auch beim Raufklettern. Bei zu viel Regen hält die Farbe nicht, dann müsste man abbrechen.

Die malende Person legt sich bäuchlings auf das nasse Dach, lehnt sich über die Dachkante und bewegt die schwere Farbrolle an der Wand auf und ab. Durchgehende Anspannung in Bauch, Armen und Schultern. Bloß den drei Meter langen Ma­le­r:in­nen­stab nicht fallen lassen, das würde ebenfalls ein sofortiges Ende bedeuten. Den beiden ist das bereits passiert.

Die zweite Person hält fest. Würde die Malende allerdings wirklich über die Kante rutschen, könnte das Festhalten sie auch nicht mehr sichern. „Da geht’s um das Gefühl“, erklärt die haltende Person. „Man fühlt sich einfach sicherer, wenn man Kontakt zum anderen hat. Außerdem schaue ich, ob uns irgendwer sehen könnte, reiche die Rolle an und nehme sie entgegen.“ Ihre Form des Aktivismus ist ein Teamsport.

Das vielleicht beste Werk

2.30 Uhr. „Feminis“ steht schon, „muss“ fehlt noch. Die Kraft schwindet, die malende Person friert. Beim Malen abwechseln ist nicht. Der Stil unterscheidet sich in Nuancen. Wer anfängt zu malen, bringt es auch zu Ende. Eine Zigarette und weiter. „Das wird vielleicht unser bestes Stück bisher, ich freu mich so darauf, es von unten zu sehen“, sagt die haltende Person. Eine weitere halbe Stunde später sind sie fertig. Eine Kippe, dann wird alles zusammengepackt. Nach unten geht es deutlich schneller.

Wieder auf der anderen Straßenseite angekommen, sehen die beiden ihr bislang größtes Werk zum ersten Mal. „Das war wirklich mit großem Abstand das Anstrengendste, was ich bisher gemalt hab“, stellt ei­ne:r der beiden fest. „Die Nässe, die Kälte, dazu die Größe des Werks – ich spür meine Arme nicht mehr.“ Aber wenn man es jetzt so sehe, habe sich der Aufwand wirklich gelohnt. Auch wenn es von unten immer deutlich kleiner aussieht, als es ist.

Die meisten Bilder werden nach kürzester Zeit wieder entfernt. Eine sehr kurzlebige Kunst, gerade bei dem Aufwand. Doch das Kollektiv macht weiter.

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