Afghanischer Journalist über Flucht: „Habe über Extremisten berichtet“

Jawid Sadeqi wohnt seit fünf Jahren in Nienburg. Heute sorgt er sich um die Menschen, die sich für Demokratie in Afghanistan eingesetzt haben.

Ein Mann mit kurzen, braunen Haaren und einem sportlichen Shirt: Jawed Sadeqi

Sorgt sich um Menschen, die sich für die Demokratie engagiert haben: Jawed Sadeqi Foto: Michael Trammer

taz: Herr Sadeqi, wie weit weg fühlt sich hier in Nienburg gerade Ihr Herkunftsland Afghanistan für Sie an?

Jawid Sadeqi: Es ist nicht einfach, wenn man 25 Jahre in einem Land gelebt hat, zehn Jahre aktiv war und dort so ein großes Chaos ist. Ich weine normalerweise nicht viel und versuche, irgendwie eine Lösung zu finden, aber in den letzten drei Wochen war das anders. Nicht nur wegen meiner Familie, sondern wegen der Frauen, mit denen wir zusammengearbeitet haben. Sie sind perfekte Menschen, aber nur weil sie Frauen sind, werden sie nun diskriminiert. Ich habe auch geweint, weil ich hier in Sicherheit bin, aber meine Kolleginnen und Kollegen, die vor drei Wochen noch das Land aufbauten, auf einmal bei Null stehen.

Wie sind Sie nach Nienburg gekommen?

Zusammen mit meiner Frau bin ich vor ungefähr fünfeinhalb Jahren aus Afghanistan nach Deutschland geflüchtet. Ich hatte in meiner alten Heimat Lehramt studiert, aber als Journalist gearbeitet. Jetzt studiere ich Englisch, Sozialwissenschaften und Politik auf Lehramt an der Uni Oldenburg. Neben dem Studium mache ich Filmprojekte über Demokratie, Freiheit und Migration. Ich unterstütze als Sprachmittler einige Familien. Auf meinen Youtube-Kanal erzähle ich über meine Erfahrungen in Deutschland und über die Politik in Afghanistan. Außerdem schreibe ich Artikel über Kultur und Politik.

Und das alles im beschaulichen Nienburg.

Am Anfang, als ich nach Deutschland kam, war Nienburg richtig klein für mich. Ich hatte davor in einer großen Stadt gewohnt. Wir hatten dort Medienanstalten. Mehrmals pro Woche hatte ich Live-Sendungen. Auf einmal war ich in Nienburg. Ich hatte keine Kontakte, keine Freunde. Heute ist das anders, das Heimweh ist sehr viel kleiner als früher. Hier ist jetzt mein Zuhause.

Wo haben sie davor in Afghanistan gewohnt?

In Herat. Das ist die zweitgrößte Stadt nach der Hauptstadt Kabul. Dort bin ich geboren und aufgewachsen. Vor meiner Flucht war ich dort politisch aktiv.

Warum mussten Sie dort weg?

Ich habe Sendungen produziert, die politisch und kritisch waren. Besonders über Frauenrechte und über Extremisten. Ich habe über Korruption berichtet. Dann bekam ich Probleme und hatte deswegen Ende 2015 entschieden, mein Land leider zu verlassen.

Ein paar Tage, nachdem ich in Deutschland angekommen war, wurde mein Chef ermordet

Wie war die Reaktion auf Ihre Sendungen?

Normale Menschen fanden meine Sendungen richtig gut. Ich habe immer Lob bekommen. Aber abgesehen davon gab es fast jede Woche auch andere Telefonanrufe. Drohungen, Beleidigungen und sie haben immer gesagt: Wir werden dich bald töten. Manchmal wurde auch mein Chef angerufen und bedroht. Als ich einmal unterwegs war, wurde auf mich geschossen.

Wurden Sie verletzt?

Die Kugel hat mich nicht getroffen. Ich war auf der Straße, auf dem Weg nach Hause. Lustig fand ich daran, dass das vielleicht in 300 Meter Entfernung von einer Polizeistation war. Die haben mir danach gesagt: Wir passen auf, aber du musst deine Routine ändern. Ein paar Tage, nachdem ich in Deutschland angekommen war, ist mein Chef in Kabul dann ermordet worden.

Mit welcher Hoffnung sind Sie geflüchtet?

Als ich am Anfang nach Deutschland kam, dachte ich: In Afghanistan wird es in ein paar Jahren besser sein. Ich dachte, ich würde vielleicht etwas bleiben, studieren und dann wieder nach Hause. Ich kann in Afghanistan aktiver sein als hier, weil ich Erfahrung und Kontakte habe. Dann hat es sich nicht verbessert und ich habe angefangen, hier mit Medien zu arbeiten. Mein Plan ist nun, über Afghanistan zu berichten, damit die Europäer, besonders die Politiker, ein klareres Bild von Afghanistan haben.

Was ist falsch an dem Bild von Afghanistan?

Man bekommt hier nicht genug und nicht die wichtigsten Aspekte mit. Viele Medien und auch meine deutschen Freunde konzentrieren sich gerade auf den Flughafen in Kabul. Dort ist die Situation ja auch sehr schwierig, aber keiner spricht über andere Aspekte.

Welche?

Etwa die Lage von Journalistinnen und Aktivistinnen. Sie sind jetzt in Gefahr, haben sich versteckt. Und was wird mit Frauen, die Professorinnen sind? Denen wurde gesagt: Ihr könnt erst mal abwarten, bis wir entscheiden, was für ein System wir für Frauen planen. Oder: Was wird mit dieser Generation passieren, die gar nicht mit der Taliban-Ideologie leben kann? Die hat Angst. Letzte Woche wollten etwa die Taliban die Hände zweier Männer abhacken, weil sie etwas geklaut hatten. Ein Journalist, ein Freund von mir, war mit der Kamera dabei und wollte fotografieren. Die haben ihn geschlagen und ihm gesagt: Wir machen das nicht in der Öffentlichkeit.

Wie halten Sie Kontakt zu Menschen in Afghanistan?

Wir haben Kontakt über soziale Medien: Facebook, Youtube, Whatsapp und E-Mail. Einige schreiben mir Nachrichten und erklären die Lage. Dann löschen sie einfach die Nachricht. Sie sagen, es ist gefährlich zu schreiben.

Haben Sie Kontakt zu Ihrer Familie?

Ja, meine Eltern und mein Bruder sind dort. Es geht ihnen nicht so gut. Mehr als zehn Jahre lang habe ich mehrmals pro Woche Live-Sendungen gehabt, das ist eine Gefahr für sie. Deswegen ist es nicht einfach und es geht ihnen nicht so gut, wie es sollte. Ich schreibe jetzt auch, bin aktiv, aber muss auch ihretwegen richtig aufpassen.

Wie viele Leute sind auf Seiten der Taliban?

Es ist schwierig, über Zahlen zu sprechen, denn es gibt keine Studien. Du findest Orte, da sind 80 Prozent für die Taliban. Andernorts sind 80 Prozent gegen sie. In großen Städten wie Kabul, Herat oder Masar-e Sharif ist klar: Dort sind sie großteils gegen die Taliban. Es gibt eine Spaltung zwischen Stadt und Land. Ich bin ehrlich gesagt nicht optimistisch, dass die in Zukunft besser wird.

Wie denken Sie über das Konzept, Demokratie zu „exportieren“?

Wir brauchen Demokratie in unserem Land, aber alles ging zu schnell. Das war das Problem. Dabei ist Demokratie perfekt für unser Land, aber nicht genau die gleiche Demokratie wie in Europa. Wir hatten bereits echte Demokratie in Afghanistan, im Jahr 1960.

Wie kommt man an so einen Punkt?

Es muss viel Geld in die Ausbildung der Menschen investiert werden. Schulen sind das Wichtigste für unser Land, damit sich die Gedanken der Menschen ändern. Wenn wir das machen, dann könnten wir eine einfache Revolution haben. Wir dürfen keine großen Erwartungen haben, dass das schnell geht. Aber es wird sich ändern.

29, lebt in Nienburg und musste, weil er wegen seiner Arbeit als Journalist mit dem Tod bedroht wurde, 2015 aus Afghanistan flüchten. Seit der Machtübernahme durch die Taliban spricht er bei Protesten in Niedersachsen, gibt Interviews und versucht auf Social Media auf die Lage vor Ort hinzuweisen.

Und was kann man tun – jetzt, unmittelbar, hier?

Wir sollten demonstrieren und unsere Meinung äußern. Die Taliban wollen das nicht. Man muss daran arbeiten, dass die Politik ihren Blick auf Afghanistan und die Menschen richtet, die in Gefahr sind. Demonstrationen und Aktivitäten, die die Politik aufwecken, das ist nötig.

Wie erleben Sie die Reaktion auf die Lage hier bei Demonstrationen und im Alltag?

Viele wissen nicht, was sie machen können. Wer unterstützen will, sollte bei Protesten von Menschen mit Fluchthintergrund dabei sein. Wir sollten nicht alleine auf der Straße sein. Es ist nicht so sinnvoll, wenn nur ich – auf Persisch – auf der Straße schreie.

Wie denken Sie über eine Luftbrücke und die viel diskutierten Ortskräfte?

Ich frage mich, warum es hier nur eine Diskussion über Ortskräfte gibt. Was wird mit meinen Freunden passieren, die 20 Jahre für die Demokratie gearbeitet haben? Wie wird es Frauen ergehen? Es geht nicht nur um ein Land, es geht um die Welt. Wenn Afghanistan nicht sicher ist, dann ist Europa nicht sicher. Weil Terrorismus und Extremismus auch exportiert werden. Es sollte nicht einfach wieder viel Geld in die Hände von Politikern gegeben werden. Man muss sich mehr auf die Bildung konzentrieren. Das ist das Wichtigste.

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