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AfD und wehrhafte DemokratieWas tun, wenn es brennt?

Schützt Zivilgesellschaft vor Rechtsextremismus? Oder gar die deutsche Exportindustrie? Bei einer Tagung in Hofgeismar gibt es darauf sehr viele Antworten.

Stefan Reinecke

Aus Hofgeismar

Stefan Reinecke

In Deutschland wird die Frage, wie die AfD von der Macht ferngehalten werden kann, oft mit moralischem Hochdruck bearbeitet. Der Aspekt der Interessen und wie offen die Wirtschaftsbosse und der Mittelstand für rechte Regierungen sind, gerät dabei etwas in den Hintergrund.

Glaubt man Knut Bergmann, der für das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) arbeitet, dann ist die deutsche Wirtschaft weitgehend immun gegen die Sirenengesänge der AfD. Der Dexit, den Weidel & Co wollen, wäre für die Exportindustrie verheerend und würde 2,5 Millionen Jobs kosten. Die Steuerpolitik der AfD würde den Staat ruinieren, die unbezahlbaren AfD-Rentenversprechen kämen noch dazu.

Insofern ist es erst mal nicht verwunderlich, dass laut einer von Bergmann mitverfassten Studie vom August 2024 nur 5 Prozent der Arbeitgeber hierzulande mit der AfD sympathisieren. Die AfD an der Macht hätte schließlich nicht nur unschöne Auswirkungen auf die Profite deutscher Unternehmen. Rechtsextremismus schadet der Wirtschaft insgesamt, die eben global verflochten ist und zu Hause Fachkräfte braucht.

An diesem Bild malte bei der Tagung „Strategien gegen rechts – Widersprüche wehrhafter Demokratie“ im hessischen Hofgeismar auch der Wirtschaftswissenschaftler Tommy Krieger. Laut Studien seien nach den rechten Pegida-Demos deutlich weniger Studierende aus dem Ausland nach Dresden gekommen und ausländische Fachkräfte hätten lieber einen Bogen um Sachsen gemacht.

Diese Mikrostudien haben den gleichen Spin wie eine großformatige Untersuchung des ifo Instituts, das nahelegt, dass populistische Regime in den vergangenen hundert Jahren weit weniger Wachstum produzierten als rechtsstaatliche Demokratien.

Zeit für Abregung? Eher nicht

Ist also angesichts des Gesetzes vom allgemeinen Fall der Wachstumsrate unter populistischen Regierungen Abregung angesagt? Weil die Demokratie ja mit der Wirtschaft über einen schlagkräftigen Verbündeten verfügt?

Das war bei der Tagung, veranstaltet von der Uni Kassel und dem Wissenschaftszentrum Berlin, dann doch umstritten. Wolfgang Schroeder, Politikwissenschaftler und Organisator der Tagung, verwies darauf, dass deutsche Unternehmen, ohne mit der Wimper zu zucken, Deals mit Diktaturen machen. Der radikale Abbau von Regulierungen, den die AfD will, sei nicht nur für libertäre Staatsfeinde à la Peter Thiel hochattraktiv, sondern auch für die verbändeorientierte deutsche Wirtschaft. Zudem habe das Handwerk in der Provinz Affinitäten zur AfD.

Auch die geschäftsschädliche EU-Feindschaft der AfD – die faktische Brandmauer zwischen Rechten und Bossen – ist womöglich nicht aus Stein, sondern eher aus Pappe. Nicht nur in Italien haben Rechtsextreme, kaum war die Macht greifbar, als Erstes die Gegnerschaft zur EU abgeräumt. Ähnliches ist bei der AfD zumindest denkbar.

Außerdem kann man für Europa in den letzten Jahren bezweifeln, dass rechte Regierungen zielsicher in die Flaute gesteuert haben. Polen florierte auch unter der PiS. Auch die Schweiz, wo Rechtspopulisten seit Langem mitregieren, leidet nicht unter übermäßiger Wirtschaftsschwäche. Zudem: Nicht zu unterschätzen ist die Sogkraft des Opportunismus, wenn Rechte erst mal das Sagen haben. Die Tech-Bros, die in den USA in Lichtgeschwindigkeit vom Anti- in das Pro-Trump Lager wechselten, sind nur ein spektakuläres Beispiel.

Kurzum: Ob die deutsche Wirtschaft bei ihrer offiziellen Distanz zur AfD bleiben wird, ist offen. Dass der britische Unternehmerverband Nigel Farage eingeladen hat, französische Wirtschaftsführer Kontakte zu Marine Le Pen knüpfen, spricht gegen ein allzu selbstgewisses „Nicht bei uns“.

Misstrauen zwischen Zivilgesellschaft und Wirtschaft

Konsens war Knut Bergmanns Beobachtung, dass zwischen zivilgesellschaftlichen Pro-Demokratie-Akteuren und Wirtschaftsvertretern zu oft wechselseitiges Misstrauen herrscht. Die antifaschistische Wirtschaftspolitik, die die Ökonomin Isabella Weber skizziert hat, spielte in Hofgeismar leider keine Rolle.

Dafür schritt man in der hübschen Evangelischen Akademie ambitioniert eine Tour d'Horizon ab und debattierte neben Wirtschaft auch Zivilgesellschaft und Staat. Die Zivilgesellschaft sei, so Matthias Quent, Soziologe aus Jena, „vielleicht die wichtigste Säule wehrhafter Demokratie“. Denn dort könne sich ein „demokratischer Emotions- und Selbstwirksamkeitsraum“ entfalten, den die schwarz-rote Regierung allerdings gerade zusammenkürzt. Quent – „Ich bin hier der Quoten-Ostdeutsche“ – hält das gerade für den Osten, wo es weniger stabile zivilgesellschaftliche Strukturen gibt, für fatal. Also: Last Exit Zivilgesellschaft?

Der Begriff schillert. Mal meint er normativ aufgeladene Demokratieertüchtigung, mal die kühle Bezeichnung des Raums jenseits von Staat und Wirtschaft. Ob Zivilgesellschaft ein Akteur ist oder eine neutrale Arena, in der sich auch Rechte bewegen dürfen, blieb umstritten. Der Politikwissenschaftler Edgar Grande plädierte dafür, Zivilgesellschaft als Arena zu verstehen, die offen für Streit und Debatten mit Rechtspopulisten sein muss.

Der Begriff „wehrhafte Demokratie“ hat einen Beigeschmack von autoritärem und staatlichem Eingriff. Ein AfD-Verbot, so der Politikwissenschaftler Wolfgang Merkel auf den Spuren des 1973 gestorbenen Staatsrechtlers Hans Kelsen, sei „Raubbau am Prinzip der Volkssouveränität“. Parteiverbote, sagte Merkel, seien ein undemokratisches Mittel, um demokratische Ziele zu erreichen. Merkels Schadensbilanz der Parteiverbote fiel so imposant aus, dass sich kaum Widerspruch regte. Will sagen: Die Verbotsdebatte ist tot. Ein Verbot ist demokratietheoretisch zu kostspielig und steht faktisch nicht mehr auf der Tagesordnung.

Gefährliche Illusionen

Was tun? Man streitet über die Brandmauer, also die in Deutschland von Linkspartei bis CSU weitgehend praktizierte Isolierung der AfD. Soll man die AfD notgedrungen als politischen Mitspieler akzeptieren, in einer Minderheitsregierung fallweise mit ihr zusammenarbeiten und sie in Bundesländern womöglich an Regierungen beteiligen?

Diese Strategie beruht auf der Hoffnung, dass sich die Rechtsextremen, wie Giorgia Meloni in Italien, an der Macht eher mäßigen und überhaupt die zivilisierenden Effekte des Parlamentarismus früher oder später ihre segensreiche Wirkung entfalten. Ein weiteres Argument für die Integration der Rechtsextremen ist die Hoffnung, dass sie in den weichen Sesseln der Macht an Attraktion verlieren und sich selbst entzaubern, weil sie die selbst hochgeschraubten Erwartung, dass nun alles ganz anders würde, enttäuschen.

Das sind naive, gefährliche Illusionen auf sandigem Grund – so das Ergebnis einer Studie von Annina Hermes und Heike Klüver, die äußerst großformatig mehr als 1.200 Kabinette in 57 Demokratien im Zeitraum von 1976 bis 2023 untersucht haben.

Es gibt, wenn Rechtsextreme mitregieren, grosso modo weder Entzauberung noch Mäßigung

Ergebnis einer Studie von Annina Hermes und Heike Klüver

Das Ergebnis: Es gibt, wenn Rechtsextreme mitregieren, grosso modo weder Entzauberung noch Mäßigung. Im Gegenteil, rechtsradikale Parteien hätten nach Regierungsbeteiligungen bei Wahlen besser abgeschnitten und rund 6 Prozent mehr bekommen. Auch von einer politischen Bewegung in die Mitte könne keine Rede sein, jedenfalls wenn man die Parteiprogramme anschaut. Deutlicher formuliert: Wenn Rechtsextreme regieren, nutzt ihnen das.

Also Brandmauer für immer?

Ernst Hillebrand, der lange für die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung in Polen und Ungarn gearbeitet hat, glaubt dann auch, dass die Beschwörung der Brandmauer nichts nutzt. „Die Brandmauerlogik hat nie funktioniert und wird auch in Deutschland ihr Ziel verfehlen.“ Ab einer gewissen Größe funktioniere Isolation nicht mehr. Der Rechtspopulismus werde in Europa langfristig bleiben, weil er ein authentischer Ausdruck einer globalisierungsskeptischen Klientel sei.

Die Linke müsse das akzeptieren, sich von Verbots- und Brandmauerträumen verabschieden, nur dann könne sie die Rechtspopulisten politisch bekämpfen, so Hillebrand. Von Warschau und Budapest aus betrachtet sieht man die Möglichkeitsräume politischer Isolierung von Rechten etwas anders als in Berlin-Mitte.

Die Frage ist, wer recht hat. Im schlimmsten Fall liegen sowohl jene richtig, die vor den Normalisierungseffekten von Rechtsradikalen auf der Regierungsbank warnen, als auch jene, die die nachhaltige Wirkung der Brandmauer bezweifeln. Es kann sein, dass weder machtpolitische Quarantäne noch Integration ins System die AfD grundlegend schwächen.

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Für den Fall, dass die AfD irgendwann (mit)regiert, wäre es nötig, eine Strategie in der Schublade zu haben. Das gilt nicht nur, aber vor allem für die CDU, die eine Annäherung an die AfD zerreißen könnte. Händeringen und moralische Verdammungen werden nicht reichen.

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16 Kommentare

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  • Dass Konservative und Liberale (und neuerdings auch wieder die Sozialdemokraten?) zu Steigbügelhaltern der Faschisten werden, muss kein Naturgesetz sein.



    Dass es auch anders gehen kann, beweisen Tusk in Polen und Magyar in Ungarn. Mit Parteikapitänen wie Merz und Kubicki (falls die FDP überhaupt noch einmal zum Zuge kommt) fürchte ich für Deutschland allerdings Schlimmes.



    Dass zumindest die Union ein wenig aus 1933 gelernt zu haben scheint, zeigen die Spekulationen, dass es die Partei vermutlich zerreißen würde, sollte sie (auf Bundesebene) ein Bündnis mit der AfD eingehen.



    Müssen Linke Mitleid haben, dass sich Merz und seine CDU dermaßen in der Bredouille befinden, muss man deshalb sogar die Brandmauer zur AfD einreißen, um den Konservativen den ‚Sündenfall‘ zu ermöglichen?



    Ich finde nicht. Die CDU soll sich selbst den Kopf darüber zerbrechen, wie sie (im Osten) aus dem selbst eingebrockten Schlamassel herauskommt, sich mit Unvereinbarkeitsbeschlüssen sowohl von der AfD wie auch von der Linken abzugrenzen. Mitleid ist hier fehl am Platze.

  • Brandmauer und Verbotsantrag gegen die AfD hängen direkt miteinander zusammen.



    Bei 25% Stimmenanteil der AfD wird sich die Brandmauer (insbesondere argumentativ) nur aufrechterhalten lassen, wenn parallel ein Verbotsverfahren gegen die AfD beim Bundesverfassungsgericht eingeleitet wird.

    Eine "Brandmauer" kann man kann in einem demokratischen Rechtsstaat nicht durch (gebetsmühlenhaftes) Wiederholen von (vermutl. zutreffenden) Behauptungen aufrechterhalten. Hier muss der Nachweis erbracht werden, dass die ausgegrenzte Partei verfassungswidrige Ziele verfolgt. Andernfalls wäre "die Brandmauer" eine undemokratische Ausgrenzung.

    Von der Logik her müsste also gerade die CDU/CSU dafür sorgen, dass mind. eines der drei dazu berechtigten Bundesorgane schleunigst den Verbotsantrag in Karlsruhe einreicht.



    Verbietet das BVerfG die AfD, hat sich die Diskussion um die Brandmauer erledigt, genauso falls ein Verbot abgelehnt wird. Denn damit würde dann die AfD zum demokratischen Parteienspektrum gehören. Für die Union wäre sie ab dann ein möglicher Koalitionspartner. (Auch wenn es mir persönlich vor dieser Aussicht graut.)

    • @DHM:

      Haben sie wirklich ernsthafte Zweifel daran, dass die AfD verfassungsfeindliche Ziele verfolgt? Als nur eine von inzwischen viel zu vielen möglichen Erinnerungen nur mal der Hinweis darauf, dass diese Partei im letzten Bundestagswahlkampf flächendeckend mit einem Slogan antrat der an eine verbotene SA-Parole angelehnt war für deren Verwendung Höcke kurz zuvor gerade zum zweiten Mal verurteilt worden war. Dazu hatte es auch reichlich Presse gegeben, so dass wirklich jeder einordnen konnte was da plakatiert wurde.



      Was braucht es denn eigentlich noch alles um Verfassungsfeinde auch als solche erkennen zu können?

  • Wenn ich mir die wirtschaftliche Entwicklung in den letzten 10 Jahren in Polen und Ungarn anschaue, die beide von rechten Populisten regiert wurden, glaube ich nicht mehr das die Wirtschaft einen Bogen um solche Regierungen macht. Und in Italien ist die Wirtschaft auch nicht zusammengebrochen trotz Meloni.

  • Die Hoffung von manchen, dass sich die AFD bei einer etwaigen Regierungsbeteiligung früher od später selbst entzaubert, lässt mich an folgendes Szenario denken:



    Um die Funktion eines Rauchmelders zu testen, entfachen sie bei sich zu Hause ein Feuer. Im besten Fall funktionierts, er piepst, man hörts und das Feuer kann gelöscht werden. Im ungünstigen Fall funktioniert es nicht, und die Bude brennt ab.



    Kein normal denkende Mensch würde sich auf solch ein Experiment einlassen, die Gefahr wäre viel zu gross.



    Und solch ein ähnliches Szenario soll dazu dienen, die Unfähigkeit der AFD zum Regieren aufzuzeigen? Was ist, wenn es dann schon zu spät ist.



    Die Beführworter eines solchen 'Experiments' wollen die gravierenden Folgen nicht sehen, die sich daraus ergeben könnten. Nicht unbedingt im normalen Alltag eines unpolitischen deutschen Zeitgenossen. Aber für Geflüchtete, Menschen mit Migrationsgeschichte, demokratische Projekte, Erinnerungskultur, Bildung, die gesamte demokratischen Errungenschaften der letzten 80 Jahre. Deshalb gilt es, sich nicht auf so ein Experiment einzulassen, sondern sich verbünden, über Parteigrenzen demokratischer Parteien und Organisationen hinweg.

  • "Für den Fall, dass die AfD irgendwann (mit)regiert, wäre es nötig, eine Strategie in der Schublade zu haben."



    Dann wäre es doch langsam wirklich mal an der Zeit darüber zu sprechen die wie genau so eine Strategie aussehen sollte.



    Einfach abwarten, dass sich die Rechtsextremen schon wieder abwählen lassen? Das kann eben auch Jahrzehnte dauern und welche Entwicklungen bis dahin möglich sind will man sich auf Basis historischer Erfahrungen lieber nicht allzu genau ausmalen.



    Welche Strategie also sonst? Exil? Bürgerkrieg?

  • Ich weiß nicht ob ich mich mit dieser These zu weit aus dem Fenster lehne.



    Aber mal angenommen ( und ich unterstelle hier niemanden, das er das deutsche Volk belog, sondern nur für das deutsche Volk strategisch handelte.)



    Die Union hatte bewusst diese "Afd Route" eingeschlagen. Angefangen mit den Stimmen der AfD bei den ersten Verschärfungen des Migrations Gesetzes: "Im Januar 2025 verhalf die AfD im Deutschen Bundestag einem Fünf-Punkte-Plan der CDU/CSU-Fraktion zur Mehrheit bei den ersten Änderungen im Migrationsgesetz."



    Seitdem brach es nicht ab mit Botschaften, die man eher von der AfD erwartet hätte.



    Die Liste ist lang.



    Eine Liste, die nicht wie vorgab, die AfD zu halbieren, sondern eine Liste, die den Weg geebnet hat, um mit ihr zusammenzuarbeiten.



    In den Startlöchern sollen jetzt laut Gesprächen Söder oder Spahn sitzen, die den neuen Kanzler stellen sollen.



    Der blinde Kurs des "Merz-Neoliberalismus", der die soziale Situation ins komplette Chaos stürzt, wird also fortgeführt. Wie man mit den offiziell gewählten Faschisten im Reisegepäck jetzt umgehen will, bleibt völlig offen. Zynisch sei noch zu bemerken: Gute Fahrt.

    • @Andreas Flaig:

      Ich halte diese These nicht wirklich für plausibel. Es gibt in der Union insgesamt doch noch zu Viele die einen seriösen und gemäßigten Konservatismus vertreten, etwa der CDA, Merkelianer wie Wüst oder Günther, ..., und die einen solche "AfD-Route" nicht mitgehen würden. Das Ergebnis wäre die Spaltung der Union und das dürfte auch den Parteistrategen im Adenauerhaus klar sein. Ebenfalls klar ist es den Rechtsextremen die deshalb genau auf dieses Szenario hinarbeiten und ja auch ganz offen erklären, dass sie die Union als Hauptgegner sehen den sie letztlich zerstören wollen.

      • @Ingo Bernable:

        Ich gehe aus genau diesem Grund davon aus, dass die CDU erst alle anderen möglichen Szenarien (Minderheitsregierungen, Bündnisse mit Grünen und/oder Linken) ausschöpfen wird, bevor sie sich auf die AfD einlässt. Das werden wir schon bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt erleben.



        Die Frage ist nur, ob die übrigen demokratischen Akteure sich darauf einlassen werden, ausgerechnet der Merz-CDU den Allerwertesten zu retten.



        Einerseits stehen sie unter einem gewissen Zugzwang, um nicht dem Vorwurf ausgesetzt zu sein, der AfD (kampflos) das Feld überlassen zu haben. Andererseits - und das gilt insbesondere für Die Linke - möchten sie auch nicht in einer Koalition mit der CDU verschlissen werden (wie das funktioniert, dafür liefert die SPD ja genügend Anschauungsmaterial.)



        Schlussendlich nähren solche ‚Brandmauer‘-Koalitionen nur das AfD-Narrativ „Wir gegen die Altparteien“ und verstärken damit ihren Wählerzulauf.



        Ich denke nicht, dass DAS im Interesse der Demokratie liegt.

  • "eine großformatige Untersuchung des ifo Instituts, das nahelegt, dass populistische Regime in den vergangenen hundert Jahren weit weniger Wachstum produzierten als rechtsstaatliche Demokratien."



    Demokratien waren der Motor der Nachkriegszeit - Westeuropa und die USA haben die Welt in eine neue Ära geführt, ja.



    Aber China beweist eindrucksvoll die letzten 20 Jahre, dass es sehr gut auch mit einer Diktatur zu Weltmacht und Technologievorreiter reicht.



    /



    "Der Dexit, den Weidel & Co wollen, wäre für die Exportindustrie verheerend und würde 2,5 Millionen Jobs kosten. Die Steuerpolitik der AfD würde den Staat ruinieren, die unbezahlbaren AfD-Rentenversprechen kämen noch dazu."



    Ähnliches hat man auch England im Falle des Brexit vorhergesagt oder den USA wenn Trump übernimmt oder Russland im Zuge der Sanktionen durch die EU -



    ...und alles ist NICHT eingetreten🤷



    Ich glaube die Wirtschaft und Unternehmen sind wesentlich weniger demokratieabhängig als es progressive Menschen hoffen - das zeigt, wie es ja auch der Artikel benennt, Italien oder die Geschäftemacherei deutscher Firmen mit Diktaturen, siehe auch Deutschland Iran für viele Jahrzehnte...



    Wirtschaft braucht keine Demokratie

    • @Astrid Sehnefeld:

      Eine intuitiv paradoxe aber letztendlich logische Folge des Brexits war auch die extreme Zunahme der Asylbewerber in GB. Dazu jüngst in der NZZ:

      "Wegen Brexit zum Asylmagneten

      Insbesondere die Asylmigration konnte Grossbritannien weit weniger gut steuern als erhofft. Waren 2018 noch knapp 300 Personen in kleinen Booten über den Ärmelkanal gelangt, kamen 2025 knapp 41 500 an der englischen Küste an."

      Quelle:



      www.nzz.ch/schweiz...on-ist-ld.10005936

    • @Astrid Sehnefeld:

      "...und alles ist NICHT eingetreten🤷"

      Brexit had reduced UK GDP by 6% to 8%, with the impact accumulating gradually over time. We estimate that investment was reduced by between 12% and 18%, employment by 3% to 4% and productivity by 3% to 4%.



      www.nber.org/papers/w34459

      Und wie nachhaltig das Chinesische Modell trägt bleibt auch abzuwarten. Man sitzt dort wegen Jahrzehnten mit Ein-Kind-Politik auf einer tickenden, demographischen Zeitbombe. Die junge Generation ist zwar oft exzellent ausgebildet, bekommt aber immer schwerer entsprechend hochqualifiziert Jobs und die damit verbundenen Aufstiegschancen. Die massiven Vermögensverluste durch die Immobilienkrise ab ´21 hat die Mittelschicht noch längst nicht verdaut und das Risiko, dass Fehler in der staatlichen Lenkung der Wirtschaft zu weiteren ähnlichen Verwerfungen führen ist alles andere als gering.

      • @Ingo Bernable:

        "wie nachhaltig das Chinesische Modell trägt bleibt auch abzuwarten"



        Absolut. So wie unsere Demokratien auch. Die stecken ja nach 80 Jahren nun in der Sinnkrise.



        Bitte nicht falsch verstehen, ich liebe unsere Staatsform und hoffe, dass sie mir und meinen Kindern und Enkeln erhalten bleibt, aber ich teile nicht diese 'Gewissheit', sie gerne von links propagiert wird, dass ohne Demokratie Wohlstand und Wirtschaft in Schutt und Asche gehen.



        Bzgl England, ja der brexit hat zu Einbußen geführt, aber die Horrorvorhersagen sind alle NICHT eingetreten und wir stecken mittlerweile auch im 6. Jahr ohne Wirtschaftswachstum...



        England ist seit dem brexit kaum schlechter gefahren als Deutschland, auf Russlands wirtschaftlichen Kollaps warten wir nun das 4. Jahr...



        Stetig Hiobsbotschaften auszurufen, die dann nicht eintreffen, schaden mehr als das sie abschrecken

        • @Astrid Sehnefeld:

          Also für meine Begrifflichkeiten sind die Zahlen aus UK ziemlich dramatisch, vor Allem wenn man berücksichtigt, dass dort eben nicht die Demokratie abgeschafft wurde, sondern man 'nur' aus einem politischen Bündnis und dem gemeinsamen Binnenmarkt ausgetreten ist.

          "und wir stecken mittlerweile auch im 6. Jahr ohne Wirtschaftswachstum... England ist seit dem brexit kaum schlechter gefahren als Deutschland"



          Es gibt einen sehr deutlichen Unterschied zwischen Stagnation und einer lang anhaltenden Rezession. Überträgt man die britischen Zahlen auf Deutschland wären das etwa knapp 4 Mio. zusätzliche Arbeitslose und ein BIP-Rückgang von rund 180 Mrd. p.a.

          Russlands Wirtschaft trägt sich vA noch wegen der Kriegswirtschaft, aber das ist eben keine Wirtschaft die zu Wohlstandgewinnen führt und für die Putin inzwischen den Rentenfonds plündert und etliche Steuern deutlich erhöht hat. Die zuletzt stark gestiegenen Ölpreise tun ihr übriges. Dennoch sind die Folgen auch ohne totalen Kollaps massiv.

          Aber wenn ihr Kriterium eine Weltwirtschaftskrise wie 1929 mit extremer Verarmung und Hunger ist, ist all das natürlich eher unbedeutend.

          • @Ingo Bernable:

            "wenn ihr Kriterium eine Weltwirtschaftskrise wie 1929 mit extremer Verarmung und Hunger ist, ist all das natürlich eher unbedeutend."



            Es ist nicht mein Kriterium, es wurde mehrfach so vorhergesagt.



            Entweder wird da bewusst dramatisiert oder man überschätzt den Einfluss der Staatsform auf die Wirtschaft.



            Das ist unklug, da wir ja sehen wohin das beim Rechtsruck ("na so schlimm wirds ja anscheinend doch nicht, siehe Italien, siehe etc...") oder beim Klima führt ("Statt Emissionen zu reduzieren, wollen sich viele Menschen an eine überhitzte Welt anpassen. Ein Erfolg der Rechten")



            taz.de/Ist-Klimaschutz-over/!6177944/

            • @Astrid Sehnefeld:

              Wann und von wem wurde konkret vorhergesagt, dass der Brexit zu Pauperismus und Hungersnöten in UK führen würde?



              Es wurden deutlich Wohlstandverluste prognostiziert, die sind mit je nach Erhebung 2300-3000$ pro Kopf und Jahr durchaus eingetreten, es gab leere Supermarktregale, viele Lieferketten laufen bis heute nicht wieder rund, und immer mehr Rentner stehen immer öfter vor der Frage "heat or eat"?

              Meloni ist anders als die AfD grundsätzlich noch pro-europäisch und gibt sich außenpolitisch zahm. Aber im Inland wird Regenbogeneltern systematisch das Sorgerecht entzogen und ihr Versuch einer autoritären Verfassungsreform wurde mit nur 54% dagegen auch nur erschreckend knapp verhindert. Alles nicht so schlimm?

              Und der Shift von Klimaschutz zu Klimaanpassung ist ja auch alles andere als ein Resultat mangelnder Dramatik, sondern vielmehr von Resignation. Die 2°-Grenze von Kyoto wurde übrigens deshalb so definiert weil es als die Grenze gilt bis zu der eine Anpassung noch gerade so eben ohne massive soziale und politische Verwerfungen machbar ist. Jenseits davon werden wir um 2100 herum Kriege nicht mehr um Öl, sondern um Wasser und Ackerland führen. Alles doch nicht so schlimm?