Gedenktag in der Ukraine: Parade in Moskau, Wracks in Kyjiw
Die Menschen haben Angst vor Beschuss und trauern um ihre Angehörigen. Wie Kyjiw den Jahrestag des Weltkriegsendes begeht.
Während Moskau bei der Parade am 9. Mai deutlich weniger schweres Militärgerät auffährt als sonst, stehen im Zentrum von Kyjiw ausgebrannte russische Panzer. Die Ausstellung mit den zerstörten russischen Militärfahrzeugen wurde bereits zu Beginn des russischen Großangriffs auf dem Michael-Platz in Kyjiw neben dem großen, gleichnamigen Kloster aufgebaut.
Kurz vor dem Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs wurde die Schau um abgeschossene russische Kamikazedrohnen erweitert. Die Ingenieurin Iryna Bakijewa bleibt genau vor einer solchen stehen – einer großen schwarzen Geran-2-Drohne. „Genau so eine Drohne hat erst kürzlich mein Nachbarhaus getroffen“, erzählt die 52-jährige Kyjiwerin, deren Mann in den ukrainischen Streitkräften in der Ostukraine kämpft.
Am 8. Mai begeht die Ukraine offiziell das Ende des Zweiten Weltkriegs, doch Iryna hat ihre eigenen Rituale. Genau um 9 Uhr hält sie auf dem Weg zur Arbeit für die landesweite Schweigeminute an, um der Opfer des aktuellen Krieges zu gedenken.
„Der 8. Mai ist ein Tag der Trauer und des Schmerzes, kein Tag für Feiern und Paraden. Es ist ein Tag wie alle anderen seit Beginn dieses Krieges“, sagt Iryna. Auch an diesem Tag werde sie um 9 Uhr eine Schweigeminute einlegen, werde sich genauso um ihren Mann an der Front sorgen und auf den nächsten russischen Beschuss warten. „Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg verblasst, während wir an der Schwelle zum dritten Weltkrieg stehen“, sagt die Frau, die einen massiven russischen Angriff auf Kyjiw am Wochenende befürchtet.
Eine Waffenruhe für weniger als einen Tag
Die Ukraine hatte ab Mitternacht des 6. Mai eine Waffenruhe verkündet, quasi als Replik auf die Erklärungen der Russischen Föderation über einen Waffenstillstand bis zum 9. Mai. Doch bereits am Abend des 6. Mai erklärte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj auf seinen offiziellen Social-Media-Konten, dass Russland die Waffenruhe verletzt habe.
„Für die Russen ist der Zweite Weltkrieg das einzige positive Ereignis in ihrer Geschichte, deshalb wird diese Erinnerung daran schon in der Schule gepflegt – es ist die Grundlage ihrer Propaganda“, sagt Iryna. Die Ukraine hingegen sei ein demokratisches Land. „Wir waren vor der Invasion nicht auf militärische Ziele ausgerichtet, daher ist für uns jeder Krieg ein Grund zur Trauer und kein Anlass zur Freude“, meint sie und macht ein Foto des verbrannten Triebwerks einer russischen ballistischen Rakete, auf das jemand mit einem Filzstift „FCK PTN“ geschrieben hat.
Neben den ausgebrannten Fahrzeugen ist im Zentrum der ukrainischen Hauptstadt auch eine Fotoausstellung zu sehen, in der Aufnahmen des zerstörten Mariupols denen des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Warschaus gegenübergestellt werden. Die getöteten Zivilisten auf den Fotos, zwischen denen mehr als achtzig Jahre liegen, sehen fast gleich aus.
„Früher hat meine Familie diesen Tag gefeiert. Wir waren im Park des Sieges, wo die offiziellen Veranstaltungen zum Tag des Sieges stattfanden“, erzählt Kostjantyn Hotsjaniwskyj, Angestellter im ukrainischen Außenministerium. „Aber jetzt ist es seltsam, an den Zweiten Weltkrieg zu denken, während Russlands Krieg gegen uns andauert“, meint der 24-Jährige. Für die Russen sei dieser Sieg ein Mythos, um den herum sie ihren Staat aufgebaut haben und mit dem sie versuchen, ihre Bevölkerung zu vereinen.
„Für uns hingegen ist es ein historisches Datum. Ich denke, sie könnten an diesem Tag einen Angriff starten, aber wir können genauso reagieren. Sollen sie sich also jetzt ruhig um ihre Parade sorgen“, so Hotsjaniwskyj. Ironisch ergänzt er noch, Russland habe seit 2022 einen beträchtlichen Weg zurückgelegt: von der Ankündigung, Kyjiw in drei Tagen einzunehmen bis hin zu Anti-Drohnen-Netzen über Moskau.
Von Hass zerfressen
Der bekannte ukrainische Historiker Vladlen Marayev, der sich mit dem Thema des historischen Gedächtnisses befasst, meint, dass sich die Bedeutung und die Wahrnehmung des Zweiten Weltkriegs sowohl für die Ukrainer als auch für die Russen während der Präsidentschaft von Wladimir Putin gewandelt hat.
„Gerade Putins Politik hat den Tag des Sieges zum wichtigsten Feiertag des Jahres gemacht. Denn selbst zu Sowjetzeiten wurde er nicht in diesem Ausmaß begangen; Paraden gab es nur an runden Jahrestagen“, erklärt Marayev. Und jetzt kultiviere dieser Feiertag die Idee, dass Krieg etwas Gutes sei, dass die heutige Generation siegen müsse, wie ihre Vorfahren damals gesiegt haben, dass nur der Sieg zähle, so der promovierte Historiker gegenüber der taz.
Und er ergänzt noch, dass Putins Politik das Paradigma des Zweiten Weltkriegs auf den aktuellen Krieg gegen die Ukraine übertrage. „In diesem Paradigma gibt es ‚die Guten‘ – das sind sie – und alle anderen sind ‚die Bösen‘. Genau deshalb bezeichnen russische Soldaten die Ukrainer in diesem Krieg als Faschisten, Deutsche und ‚Banderisten‘ (nach dem nationalistischen ukrainischen Politiker Stepan Bandera, 1909-1959; Anm. d. Redaktion). Und so wird es mit jedem ihrer Feinde sein. Wenn sie gegen die Litauer in den Krieg ziehen, werden sie diese ebenfalls als Faschisten bezeichnen. Sie sind von Hass zerfressen“, so der Historiker Marayev.
Aus dem Ukrainischen Gaby Coldewey
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