piwik no script img

1.690 Tage Krieg in der UkraineFreiwilligenjob in der Ukraine statt Enkelbetreuung in den USA

Die amerikanische Rentnerin Barbara hilft regelmäßig als Freiwillige im westukrainischen Lwiw. Sie sieht ihr Engagement als Ehre und schätzt die Erfahrungen.

R und 15 Flaggen hängen im Flur der Lwiwer Freiwilligen-Küche, einer kleinen Wohnung, in der einheimische und ausländische Freiwillige ihren Beitrag zur Unterstützung der Ukrainischen Streitkräfte leisten.

Einige der Zimmer sind randvoll mit Küchengeräten sowie Kisten mit Gemüse und anderen Lebensmitteln. Die werden hier zu Trockenverpflegung gemacht, zu Suppen, Brei, Trockenobst und Müsliriegeln. 900 Kilometer weiter können die Soldaten sie dann später einfach zubereiten oder als schnellen Snack zu sich nehmen.

über leben

Für die Menschen in der Ukraine ist der Krieg zum Alltag geworden. Trotz der Todesangst vor Luftangriffen und Kämpfen geht das Leben weiter: Die Menschen gehen zur Arbeit, zur Schule und zur Uni. Sie lieben, lachen, heiraten, bekommen Kinder, machen Urlaub. Sie trauern, sorgen sich – und hoffen auf Frieden. ➝ zur Kolumne

„Diese Kiste enthält eine typische Auswahl von Nahrungsmitteln, das Drohnen den Soldaten durch den gefährlichsten Abschnitt bis an die vorderste Frontlinie liefern“, sagt die 72-jährige Barbara, die sorgfältig Suppenportionen abwiegt.

Barbara ist bereits zum dritten Mal aus den USA nach Lwiw gekommen. In Amerika kümmert sie sich um ihre Enkel. Aber jedes Jahr hat sie einige Monate Zeit für ihre eigenen Belange. „Früher dachte ich, man müsse Soldatin oder Ärztin sein, um den Menschen hier helfen zu können. Außerdem war ich schon 70 und konnte gar kein Ukrainisch“, erzählt sie.

Rostyslav Averchuk

ist 33 Jahre alt, Journalist, Dolmetscher sowie Experte für Politik und Wirtschaft. Er lebt und arbeitet in Lwiw.

Trockennahrung und Tarnnetze

Als Reaktion auf ihren zaghaften Beitrag im Internet ermutigten lokale Freiwillige sie jedoch, zu kommen – und Barbara fand schnell ihren Platz in Lwiw. Vormittags arbeitet sie in der Küche, nachmittags webt sie Tarnnetze für die Soldaten.

Die Reisen in die Ukraine waren für Barbara die ersten großen Reisen ihres Lebens. Für das Land hatte sie sich zunächst aufgrund ihrer Herkunft interessiert: Die Familie ihres Großvaters stammte von deutschen und niederländischen Mennoniten, einer freikirchlichen Glaubensrichtung, ab. Vor mehr als 100 Jahren hatten sie in dem heute besetzten Teil von Saporischschja im Süden der Ukraine gelebt – bis die Repressionen durch das stalinistische Regime begannen.

Recherchefonds Ausland e.V.

Dieser Artikel wurde möglich durch die finanzielle Unterstützung des Recherchefonds Ausland e. V. Sie können den Recherchefonds durch eine Spende oder Mitgliedschaft fördern.

➡ Erfahren Sie hier mehr dazu

Später, vor dem Hintergrund der Nachrichten, wurde das Gefühl der Ungerechtigkeit des russischen Angriffs zu Barbaras stärkstem Antrieb. „Sehr viele Frauen in der Küche haben Angehörige in der Armee. Für sie ist dieser Kampf etwas sehr Persönliches. Der Sohn einer der Freiwilligen schießt zum Beispiel während der nächtlichen Angriffe auf Lwiw russische Drohnen über der Stadt ab. Und die Menschen haben nicht vor, aufzugeben“, erzählt die Freiwillige.

Scham für die eigene Nation

„Es ist einfach eine Ehre und eine unglaubliche Erfahrung, ein kleiner Teil all dessen zu sein“, sagt Barbara. In Lwiw sei es immer noch viel sicherer als in Kyjiw oder in den frontnahen Gebieten, betont sie. Wie viele andere Ausländer, die das tägliche Drama der Ukrainer aus nächster Nähe miterleben, ist auch Barbara der Ansicht, dass ausländische Regierungen mehr tun könnten.

„Ich kann nicht andere Länder kritisieren, weil wir ja selber die schlimmsten sind. Es ist peinlich, US-Staatsbürgerin zu sein“, betont sie. Barbara erklärt, dass zwar Donald Trumps „Friedensverhandlungen“ mit seinem „Freund Putin“ eine „Farce“ seien, doch die Regierung von Joe Biden ebenfalls zu wenig unternommen habe.

„Man hätte den Luftraum über der Ukraine auf jeden Fall sperren müssen, denn es ging um Verteidigung. Aber selbst, als wir der Ukraine Waffen gegeben haben, wollten wir ständig beschränken, was sie damit tun“, meint Barbara.

Moralische Unterstützung

Für die Einheimischen ist die Hilfe der Freiwilligen wichtig, sagt Marjana, die mit Barbara zusammenarbeitet und die drei Angehörige und Freunde in den Streitkräften hat.

An der Front ist es dermaßen gefährlich, dass man oft nicht einmal Lebensmittel dorthin liefern kann. Manchmal sind diese kleinen Portionen Suppe oder Trockenfrüchte alles, was die Soldaten haben. Es hilft ihnen zu überleben“, erklärt Marjana.

Die ausländischen Freiwilligen sind für Marjana noch aus einem anderen Grund wichtig. „Allein die Tatsache, dass sie hier sind, bedeutet, dass Menschen in anderen Ländern verstehen, dass wir für das Gute und gegen das absolute Böse kämpfen. Und dass sie uns damit nicht alleine lassen wollen.“

Aus dem Ukrainischen Gaby Coldewey

Mehr zum Thema

0 Kommentare