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1.448 Tage Krieg in der UkraineDie Schrecken russischer Gefangenschaft

Stas aus Mariupol war über drei Jahre Kriegsgefangener. Trotzdem plant er, zum ukrainischen Militär zurückzukehren.

Ein Theater in Mariupol nach einem Luftangriff im März 2022 Foto: Pavel Lisitsyn/imago

I Ich habe das Angeln schon immer geliebt, egal ob im Sommer oder im Winter. Jetzt waren wir am Buh, der Fang war schlecht. Aber das ist nicht so wichtig. Angeln hilft mir, auf andere Gedanken zu kommen“, erzählt Stas. Eine der schönsten Erinnerungen des Matrosen aus Mariupol ist, wie er mit Freunden zum Knurrhahnfischen aufs Asowsche Meer gefahren ist. Die große Invasion 2022 erlebte er unweit von Mariupol, wo er mit der 36. Marineinfanteriebrigade stationiert war.

Stas erinnert sich sehr genau an die Schrecken der letzten vier Jahre, die er größtenteils in russischer Gefangenschaft verbracht hat. Erst im vergangenen Sommer wurde er ausgetauscht. Schon fünfmal wurde er seitdem in Kyjiw und Lwiw operiert. Zurzeit ist er noch im Reha-Urlaub. Doch danach muss er seine Frau, seinen Sohn und seine Mutter wieder verlassen. Stas ist 28 Jahre alt, doch das Erlebte reicht für mehrere Leben.

Grygorij Palij

wurde 1978 in Tschernihiw geboren und ist in Krywyi Rih aufgewachsen. Später arbeitete er als Journalist und Kommentator in Donezk und Kyjiw. 2015/16 und 2022 meldete er sich zum Dienst in der Armee, nach der Demobilisierung ist er mit seiner Familie nach Berlin gezogen. Seitdem pendelt er hin und wieder zwischen Deutschland und der Ukraine.

Folter mit Elektroschocks, die Wärter zynisch „Elektrophorese“ nennen, tägliche Schläge bis zur Bewusstlosigkeit – die Behandlung ukrainischer Kriegsgefangener in Russland ist mit nichts zu vergleichen. Der gesamte russische Staatsapparat ist darauf ausgerichtet, den Willen der Gefangenen zu brechen: „Die Leute vom FSB (dem russischen Inlandsgeheimdienst; d. Red.) folterten uns, damit wir die Schuld für die Erschießung von Zivilisten in Mariupol auf uns nahmen. Als ich sagte, dass ich nicht für ihre Sünden geradestehen werde, wurden die Schläge noch brutaler. Einige von uns hielten es nicht aus und bekamen achtundzwanzig Jahre Gefängnis“, erzählt Stas.

„Einmal haben die Russen mich so zusammengeschlagen, dass ein Bein komplett herunterhing, ganz schwarz war und ich mich nicht einmal darauf stützen konnte. Ich dachte im Krankenhaus, es würde amputiert, doch nach und nach erholte es sich. In der Zelle war uns alles verboten, außer den ganzen Tag strammzustehen. Setzte sich jemand hin oder redeten wir miteinander, begann sofort die nächste Prügelei“, erinnert sich der 28-Jährige.

Stas aus Mariupol hat mit seinen 25 Jahren schon mehr erlebt, als in ein Leben passt Foto: privat

Beim Ausbruchsversuch aus Mariupol gefasst

Stas wurde Mitte April 2022 gefangen genommen, als er versuchte, aus dem umzingelten Mariupol zu fliehen. Dem waren fast zwei Monate Kämpfe vorausgegangen, deren Chronologie ihm klar im Gedächtnis geblieben ist: Wie sie am 22. Februar um 5 Uhr morgens die erste russische Kolonne stoppten, mit Stinger-Raketen Flugzeuge abschossen, unter dem Beschuss russischer Schiffe aus der ersten Umzingelung bei Talakiwka ausbrachen und versuchten, Zivilisten zu evakuieren.

Er erinnert sich auch an die Verluste seiner Kameraden: „Ich schaue mir Filme über Stalingrad an: In Mariupol war es schlimmer. Wir waren auf Stadtkämpfe vorbereitet, doch Russland setzte alles gegen uns ein, Luftwaffe, Flotte, die besten Einheiten, und zerstörte die Stadt methodisch“, erinnert er sich. „Im März flogen noch Hubschrauber mit Munition zu uns, aber die Kämpfe waren extrem und es fehlte an allem. Mein letztes Notrationspaket gab ich einem dreijährigen Jungen namens Roma, der sich mit seiner schwangeren Mutter im Keller einer Schule versteckte. Offenbar konnten sie später fliehen“, berichtet Stas.

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Lieber sterben, als in russische Gefangenschaft zu geraten

Stas und seine Sturmgruppe versuchten dreimal den Durchbruch. Der letzte Versuch war am 12. April 2022. Nach dem Verlassen der Stadt mussten sie 120 Kilometer zurücklegen. Am dritten Tag gerieten sie in ein Gefecht mit russischen Wachposten, das bis zur letzten Patrone dauerte. Auch heute ist sich Stas nicht sicher, ob er richtig gehandelt hat, als er die letzte Kugel nicht für sich behielt. Sollte er je wieder vor dieser Wahl stehen, würde er nicht erneut in Gefangenschaft gehen, sagt er heute.

Nach mehr als drei höllischen Jahren in Russland plant Stas, zum Militär zurückzukehren. Solange der Krieg andauert und seine Kameraden in russischen Folterkammern sitzen, sieht er für sich keinen anderen Weg. Während der Reha-Zeit möchte er noch so viel Zeit wie möglich mit seinem Sohn verbringen.

Der Junge ist heute 10 Jahre alt und hat die Hälfte seines Lebens ohne Vater verbracht. Dass dieser in Gefangenschaft war, hat man ihm bewusst verschwiegen. Stattdessen sagte man dem Kind: „Papa verrichtet eine wichtige Arbeit.“

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