1. Mai in Berlin: Die richtigen Kräfte bündeln

Protest geht auch ohne physische Masse – mit dezentralen Aktionen und online: Warum der 1. Mai in diesem Jahr besonders wichtig ist.

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Die Straße als Transparent: Protest in Zeiten von Covid 19 Foto: Stefan Hunglinger

Ja, es nervt. Ja, die physische Masse würde sich um vieles besser anfühlen, besser aussehen. Ja, die große Gruppe hat Rückhalt und Auftrieb gegeben in dieser Verrücktheit, die viele für Normalität hielten. Ja, die Ungerechtigkeit ist himmelschreiend und die Mächtigeren oft zum Kotzen selbstgefällig. Ja, die Grundrechte sind in ungekanntem Maß beschnitten.

Und doch: Selten war es so wichtig, genau hinzuschauen, was die da neben dir fordern. Selten war es so wichtig, um die zu werben, die das Klassenbewusstsein, den Selbstwert, den Queerfeminismus nicht geerbt oder im Semesterplan haben. Selten war es so wichtig, ohne Arroganz, die richtigen Kräfte zu bündeln und nicht die falschen. Selten war es so wichtig, nüchtern zu sein, möglichst alle Details zu kennen und genau sagen zu können, was es ist, dass dich protestieren lässt – am 1. Mai in Berlin.

Ungleichheiten verschärft

Ja, die Krise macht die Ungleichheiten in der Stadt, im Land, in Europa und weltweit nur noch deutlicher. Ein Moment der Heimeligkeit, der höchstens nervigen Einschränkungen für die einen, stellt sie für viele eine existenzielle Bedrohung dar oder bedeutet ungeschützte Maloche auf Baustellen, in Amazon-Lagerhallen, in Pflegeheimen und Geschäften. In kaputtgesparten, auf Profitlogik getrimmten Krankenhäusern. Vor allem Frauen* leisten diese schlecht bezahlte Arbeit und vielfach zusätzlich unbezahlte Sorge-Arbeit.

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Statt sie dezentral in freistehenden Hotels und Wohnungen unterzubringen, werden Geflüchtete in der Krise noch weiter abgeschottet und teils zu Hunderten unter Quarantäne gestellt. Wurden für deutsche Tourist*innen alle Hebel in Bewegung gesetzt, fehlt der politische Wille, im Mittelmeer ertrinkende Menschen zu retten und aus griechischen und lybischen Lagern zu evakuieren. Nahezu ungehindert droht dort die Ausbreitung des Virus.

Solidarität zeigen, Widerspruch einlegen

Nein, das muss mensch nicht einfach hinnehmen. Nein, das verdammt nicht zur Untätigkeit. Nein, die Verschwörungstheoretiker und Nazis werden nicht den ersten Mai für sich haben. Es gilt echte Solidarität zu zeigen und weiter zu kämpfen. Es gilt Widerspruch einzulegen. In Mitte und in 36, im Grunewald und im Wedding, in Rudow, in Potsdam, in Lichtenberg und Cottbus.

Auf Transparenten und Plakaten, mit Sprühdose oder Kreide, mit lauten Parolen, Musik und Wurfzetteln. Bei dezentralen Aktionen, vom Balkon aus, online. Es gilt, Abstand zu halten und einen Gesichtsschutz zu tragen. Nicht, weil Staat und Polizei dazu zwingen, sondern aus Solidarität mit den durch Ungleichheit besonders Gefährdeten.

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Redakteur der taz Bewegung und im Social Media Team. Autor für Themen queer durch die Kirchenbank. Studierter Religions- und Kulturwissenschaftler.

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