+++ Nachrichten im Ukrainekrieg +++: Luftalarm in Kyjiw trotz Waffenruhe
Russland will den Jahrestag des Sieges im Zweiten Weltkrieg mit einer Parade feiern. Eine dafür verkündete Waffenruhe steht schon in der ersten Nacht auf der Kippe.
Luftalarm in Kyjiw nach Inkrafttreten der von Russland ausgerufenen Waffenruhe
Wenige Stunden nach Inkrafttreten der von Russland ausgerufenen einseitigen Waffenruhe ist in der ukrainischen Hauptstadt Luftalarm ausgelöst worden. Die Sirenen ertönten am Freitagmorgen für mehrere Minuten, wie AFP-Reporter berichteten. Nach Behördenangaben war der Alarm wegen eines drohenden Raketenangriffs ausgelöst worden.
Trotz der von Moskau angekündigten Feuerpause hatten die Ukraine und Russland zuvor Angriffe der Gegenseite gemeldet. Russland habe „nicht einmal einen symbolischen Versuch unternommen, eine Waffenruhe an der Front einzuhalten“, erklärte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am Freitagmorgen im Onlinedienst X. „Wie bereits in den vergangenen 24 Stunden wird die Ukraine auch heute entsprechend reagieren.“ Die ukrainische Luftwaffe erklärte, sie habe in der Nacht 56 russische Drohnen nahe der Front abgeschossen.
Mit dem Einmarsch im 24. Februar 2022 begann der groß angelegte russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Bereits im März 2014 erfolgte die Annexion der Krim, kurz darauf entbrannte der Konflikt in den ostukrainischen Gebieten.
Russland meldete derweil zahlreiche Drohnenangriffe aus der Ukraine. Seit Inkrafttreten der einseitigen Waffenruhe seien 264 Drohnen abgefangen worden, teilte das Verteidigungsministerium in Moskau mit.
Die von Russland ausgerufene Waffenruhe war um 00.00 Uhr (Ortszeit, Donnerstag 23.00 Uhr MESZ) in Kraft getreten und soll bis Samstag gelten. Anlass für die zweitägige Feuerpause sind die russischen Gedenkfeierlichkeiten zum Sieg über Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg. Anders als in den vergangenen Jahren sollen dieses Jahr auf dem Roten Platz keine Panzer oder anderes schweres militärisches Gerät bei der Parade auffahren.
Moskau hatte mit einem „Vergeltungsschlag“ auf Kyjiw gedroht, sollte die Ukraine die Gedenkfeier stören. Russland forderte ausländische Botschaften in der ukrainischen Hauptstadt zur Evakuierung auf. (afp)
„Waffenruhe“ beginnt mit ukrainischen Attacken auf Russland
In der Nacht der von Moskau einseitig ausgerufenen Waffenruhe hat die Ukraine schwere Drohnen- und Raketenangriffe auf russisches Gebiet gestartet. Es gebe Zerstörungen durch Drohnentrümmer in mehreren Städten der Region Rostow, teilte der Gouverneur des südrussischen Gebiets, Juri Sljussar, bei Telegram mit. Seinen Angaben nach wurden in den Städten Rostow am Don, Taganrog und Bataisk sowie in einem Landkreis Einschläge registriert. Tote und Verletzte gebe es nicht, betonte er. In der Region gab es auch Raketenalarm.
Nach Angaben Sljussars wurden in Rostow mehrere private Wohnhäuser und ein Lkw beschädigt. In einem Verwaltungsgebäude sei ein Brand ausgebrochen. Ukrainische Telegram-Kanäle veröffentlichten derweil zahlreiche Videos aus der Stadt, die schwere Brände zeigen, die demnach bis in den Morgen anhielten. Bei einem der getroffenen Objekte soll es sich um einen Rüstungskonzern handeln. Unabhängig konnten diese Berichte zunächst nicht bestätigt werden.
Raffinerie im Visier
Aus der knapp 300 Kilometer nordöstlich von Moskau gelegenen Stadt Jaroslawl wurden ebenfalls Einschläge gemeldet. Nach Angaben des Internetportals „Astra“ war einmal mehr die dortige Raffinerie im Fokus der Attacken. Auf im Internet verbreiteten Videos und Bildern sind schwere Brände zu sehen. Gouverneur Michail Jewrajew bestätigte zwar den Beschuss, machte aber keine Angaben zu Schäden.
In zahlreichen russischen Regionen herrschte in der Nacht Luftalarm. Angegriffen wurde dabei laut offiziellen Angaben auch Moskau. Bürgermeister Sergej Sobjanin meldete den Abschuss von 25 Drohnen, die Richtung Hauptstadt geflogen seien. Über Folgen der Attacke wurde zunächst nichts bekannt.
In der Nacht zum Freitag begann hatte eine einseitig von Moskau ausgerufene Waffenruhe begonnen, die zu den Feierlichkeiten rund um den Tag des Sieges am 9. Mai halten und speziell die Militärparade in Moskau schützen soll. Eine zuvor von Kyjiw verkündete und bereits ab dem 6. Mai geltende Waffenruhe hatte Russland ignoriert. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj kündigte daraufhin „spiegelbildliche“ Aktionen an. (dpa)
Gedenken zum Kriegsende in Berlin ohne russische Fahnen und Uniformen
Für die Demonstrationen und Gedenkveranstaltungen zum Jahrestag des Kriegsendes an den drei sowjetischen Ehrenmalen hat die Polizei wegen des Ukrainekrieges Uniformen und russische Fahnen verboten. Für Freitag und Samstag wurden an den Ehrenmalen im Treptower Park, nahe dem Brandenburger Tor und in Schönholz Flaggen und Symbole mit Bezug zu Russland, militärische Uniformen und Abzeichen, Marsch- und Militärlieder sowie Symbole zur Unterstützung Russlands im Krieg gegen die Ukraine untersagt. Ausnahmen gelten für Diplomaten, Veteranen des Weltkriegs und Vertreter von einigen Staaten.
Die Polizei argumentierte, wegen des Russland-Ukraine-Krieges sei mit einem Aufeinandertreffen unterschiedlicher politischer Positionen zu rechnen. Ziel sei es daher, Provokationen, Einschüchterungen und gewalttätige Auseinandersetzungen zu verhindern und ein würdevolles Gedenken zu gewährleisten.
Verschiedene russische und deutsche Gruppen und Initiativen erinnern mit Kundgebungen und Demonstrationen am Freitag und Samstag an das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa und die Befreiung von der Nazi-Herrschaft im Mai 1945. Auch Kränze werden üblicherweise niedergelegt.
Russische oder deutsche Mitglieder des prorussischen und nationalistischen Motorradclubs „Nachtwölfe“ sind wie in den vergangenen Jahren zu dem Gedenktermin aus Osteuropa nach Deutschland gefahren. Voraussichtlich wollte die Gruppe der Motorradfahrer am heutigen Freitag von Sachsen aus kommend durch Brandenburg fahren, wie die Polizei bereits angekündigt hatte. Man werde sie im Blick haben und entsprechend reagieren, hieß es.
Unklar war, ob die Gruppe wieder nach Berlin fahren will, um Kränze niederzulegen. In den vergangenen Jahren hatte die Berliner Polizei sie dabei sehr eng begleitet. Die Fahrt im langen Motorradkorso mit Fahnen und Abzeichen wurde untersagt, was der Club kritisiert hatte. (dpa/bb)
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