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Schlecht gefüllte GasspeicherDie Naivität hat die Seiten gewechselt

In der Bonner Republik galten Grüne und Linke, die auf Erneuerbare setzten, als naiv. Angesichts knapper Gasvorräte sind es nun die Konservativen.

E s ist November, es wird zusehends nasskalt, und Sankt Martin steht vor der Tür. Während für Eltern mit kleinen Kindern jetzt die Saison der Laternenumzüge beginnt, startet energiewirtschaftlich eine andere: die Saison des Gas-Ausspeicherns. Leider haben wir da ein Problem: Die deutschen Gasspeicher sind nur zu 60 Prozent gefüllt – so niedrig wie noch nie zu dieser Jahreszeit. Noch dazu hat der Gaspreis an der Börse die Marke von 100 Euro durchbrochen – wie zuletzt Ende 2022. Es wird also ein teurer Winter, und falls es im Januar richtig kalt wird, kann es an einzelnen Tagen sogar knapp werden mit dem Gas.

Man fragt sich, wie das passieren konnte: innerhalb von vier Jahren die zweite Energiepreiskrise? Und obendrein nur halb volle Speicher?!? Es ist, als ob der Kanzler und die zuständige Ministerin im März 2026, nach Trumps Angriff auf den Iran, die Augen verschlossen hätten vor der Realität. Statt sich der Lehren von 2022 zu besinnen, die Gasspeicher zu befüllen und Alternativen zu teurem Gas und Öl voranzutreiben, wurde das Gegenteil getan – auf den Gasmarkt vertraut, die Wärmepumpenförderung gekürzt und die Erneuerbaren ausgebremst.

Bei der Ursachenforschung für dieses schwer erklärliche Verhalten landet man bei der Identitätskrise der deutschen Konservativen. Der ehemalige Zeit-Chefredakteur Roger de Weck hat den kulturkämpferischen Impuls in seinem gerade erschienenen Band „Glanz und Elend der Konservativen“ als Kernproblem der heutigen Konservativen beschrieben. Ich will dem noch eine Facette hinzufügen: eine neue geo- und energiepolitische Naivität.

Kolumne Energie für alle

Je­de*r braucht Energie. Der Umstieg auf Sonne, Wind und Co. kann sie klimafreundlicher, demokratischer und billiger machen. Doch die fossile Lobby kämpft hartnäckig ums Überleben. Wie Energiepolitik funktioniert, erklärt hier regelmäßig Patrick Graichen. Er war Wirtschaftsstaatssekretär unter Robert Habeck und Mitgründer des Thinktanks Agora Energiewende. Heute ist er Berater, Aufsichtsrat und Blogger.

Das war früher anders. In meiner Jugend – lang ist’s her, es waren die 1980er Jahre in der Bonner Republik und Helmut Kohl war der ewige Kanzler – war es jedenfalls so, dass wir, die grün und links tickende Jugend, als die Naiven galten. Wir würden das mit der Geopolitik nicht verstehen und vor den Bedrohungen durch „den Russen“ die Augen verschließen. Zudem seien wir mit unseren Träumereien von grünen Technologien weltfremd, mit Solar- und Windenergie könne man keine Industrienation versorgen.

Konservative träumen von der Kernfusion

Heute sind die Rollen vertauscht: Erst war es die Gasabhängigkeit von Putin, dann die von Trump – in beiden Fällen versicherten Konservative, dass man sich keine Sorgen machen müsse. Bis dann die Gaspreise explodierten. Das magische Denken gilt auch für die Energietechnologien: Während Wind- und Solarenergie inzwischen weltweit über 80 Prozent der neu zugebauten Energieträger ausmachen, träumen deutsche Konservative von neuen, sündhaft teuren Atomkraftwerken oder gar Fusionsreaktoren. Zudem glauben sie, mit dem Aus vom Verbrenner-Aus im Jahr 2035(!) die deutsche Autoindustrie zu retten, während gleichzeitig das E-Auto in Europa und China seinen Siegeszug antritt.

Die Naivität, so scheint es, hat die Seiten gewechselt: Die Weltfremden versammeln sich jetzt bei FAZ und Welt, und Sie, liebe taz-Leser:innen, sind die neuen Realisten… erstaunlich das alles, wie so vieles in diesen Zeiten!

Leider hilft diese Erkenntnis für den Winter nur bedingt. Schauen Sie deshalb schon mal nach den warmen Pullis. Und wenn Sie oder Ihre Freunde im Keller eine Öl- oder Gasheizung haben: Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, sich Angebote für eine Wärmepumpe einzuholen und den KfW-Antrag einzureichen – schon im Februar sinken die Fördersätze wieder. In jedem Fall: Bleiben Sie stabil im grauen November!

Patrick Graichen

Patrick Graichen

Jahrgang 1972, Umweltökonom mit Fokus auf Klima- und Energiethemen. Mitgründer und langjähriger Direktor von Agora Energiewende (2014-2021), danach Staatssekretär für Energie und Klima im Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (2022-23). Aktuell Mitglied im Aufsichtsrat des ukrainischen Netzbetreibers Ukrenergo, Berater und Blogger ("Von Mauern und Windmühlen").
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8 Kommentare

  • Markus Schäfer

    Der Antrag für die Pumpe ist gestellt und wenn alles gutgeht, läuft die Wärmepumpe in zwei Wochen. Ein paar Tage später dann auch die PV-Anlage, um die Mehrkosten beim Strom abzufedern.

  • the real günni

    die naivität hat die seiten gewechselt ist ein falscher satz.



    grünlinks wurde als naiv von konservativ gebrandmarkt, dabei hatten sie die wissenschaft, die zahlen, den mut und die vision. rechts war überheblich und arrogant, hatte keine vision aber die macht und das kapital.



    jetzt haben sowohl linksgrün als auch rechts beide das nicht mehr zu leugnende wissen und die zahlen, rechts hat aber immer noch die macht und das kapital. es entscheidet aber nicht für die volkswirtschaft sondern für partikularinteressen. das ist nicht naiv sondern gemeingefährlich. rechts = evil, da ist niemand naiv.

  • sollndas

    "Die Naivität hat die Seiten gewechselt"



    Ich sehe da eher Naivität auf beiden Seiten.



    Natürlich ist der Traum von Kernfusion (oder auch nur von Kernkraftwerken) weltfremd.



    Genau so weltfremd ist allerdings auch der Traum von Sonne, Wind, Akkus und Wärmepumpen ohne Reservekraftwerke für kalte, dunkle und windstille Tage und Wochen.

    • the real günni

      @sollndas:

      wieso glauben sie, grünlinks hätte jemals regenerative energien nicht genau durchgerechnet? habeck hat lauter LNG-terminals bauen lassen. wenn aber reiche alles macht, um die fossilfreien auszubremsen und gleichzeitig die fossillobby bedient, dann kann man hier von volksschädigend sprechen

      • sollndas

        @the real günni:

        "...nicht genau durchgerechnet?"



        Weil ich manchmal nachrechne :-)



        Habecks eigene Zahlen:



        "Die Leistung der Wärmepumpen würde im Jahr 2030 bei 26,7 Gigawatt liegen, im Jahr 2045 bei 81,5 Gigawatt." [1]



        Also 2045 mehr als der heutige Spitzenstrombedarf...



        "Der zusätzliche Stromverbrauch von Wärmepumpen sei aber aufgrund der hohen Effizienz der Geräte gering. Für 2030 mache der Anteil weniger als fünf Prozent aus." [1]



        Wenn man's gleichmäßig über das Jahr verteilt. Der Stromverbrauch der Wärmepumpen verteilt sich aber nicht gleichmäßig übers Jahr, sondern konzentriert sich auf kalte Wintertage. Wenn da auch nur, sagen wir, 50 % der Wärmepumpen gleichzeitig rödeln...



        Falls Habeck da etwas durchgerechnet haben sollte, so ist es jedenfalls Milchmädchenrechnung pur.



        [1] www.t-online.de/na...abeck-der-fdp.html

  • Hans Dampf

    Die Naivität der Verbraucher?



    Uns Verbrauchern erzählt man laufend, dass wir Strom, Gas und Öl einsparen müssen um die Klimaziele nicht zu verfehlen.



    Gleichzeitig sprießen KI Rechenzentren mit gigantischem Strom- und Wasserverbrauch wie Pilze aus dem Boden. Die größten Stromverbraucher Deutschlands bekommen den Strom zu Schleuderpreisen, wir zahlen immer mehr und mehr dafür



    Meint ihr wirklich wir Verbraucher sind wirklich so naiv, dass wir uns das immer gefallen lassen?



    Wenn Strom sparen für die Umwelt unerlässlich ist, dann dürfen wir nicht einfach zuschauen, wie google, amazon & Co. immer mehr KI-Rechenzentren bauen, während wir immer noch mehr sparen sollen.

  • Andreas Lobe

    Also diese neue "Naivitaet" hat einen Namen: Lobbyismus.



    Oder auch "staatsmonopolistischer Kapitalismus" - ganz wie's gefaellt.

  • Janix

    Das "Ich hatte/habe Recht" sollten wir ihm verzeihen. Graichen hat natürlich Recht. Und wir wären mit mehr Habeck und Graichen heute deutlich weiter.



    Wo Trump jetzt nicht mehr Fossil derart aufdrücken kann, sollten wir erst Recht den Umstieg beschleunigen. Öl, Braunkohle, Steinkohle rasch zu bloßen Hilfs-Energien machen, Biogas für nötige Verbrennung entwickeln, vor allem aber Elektrizität erneuerbar hochfahren.



    Die auch effizient und sparsam einsetzen hilft dabei. Ingenieurinnen und Ingenieure, Forschende, weiter ans Werk!