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Handke am Schauspiel KölnAbschiedsreif geschlagen

Wiederentdeckt und hochaktuell: Das Schauspiel Köln bringt Peter Handkes „Kaspar“ auf die Bühne und zeigt, wie Faschismus in Sprache, Denken und Handeln kommt.

Aller Anfang ist schwer. Vor allem wenn man eine, genauer: die erste Sprache lernt, sind Fehler und Verdrehungen erwartbar. Kuriose Nonsens-Sätze wie „Aber der Stuhl ist ein Ekel, weil er kein Tisch ist“ oder „Der Besen ist ein Wort, das du auf ein Schuhband anwenden kannst“ – can happen! Je weiter man allerdings heranwächst, desto eher bilden sich Logik und Ordnung heraus.

Aus dem Kind wird ein Erwachsener. Davon erzählt Peter Handkes Stück „Kaspar“ von 1967, das just am Schauspiel Köln wiederaufgeführt wurde. Zunächst ein beschauliches Thema also. Denn allzu nett bleibt es weder im Text noch auf der Bühne. Sprache, so die Botschaft, führt nicht nur zur Autonomie, sie trägt nicht nur dazu bei, dass wir die Angst vor den Dingen verlieren, die wir zuvor nicht zu benennen imstande sind. Vielmehr führt sie auch zur Anpassung, bisweilen zur blinden Übernahme von Halbwissen und Fakes.

Bevor das Geschehen auf der Bühne – so viel sei jetzt schon gespoilert – kippt, geht es in Claudia Bauers Inszenierung aber tatsächlich zunächst humorvoll-beschwingt zu. Lose angebunden an die Geschichte von Kaspar Hauser, einem Jungen, der 1828 in Nürnberg ankam und wegen seiner vorigen Isolation über keinerlei kommunikative Fähigkeiten verfügte, blickt bei ihr eine Kasparin auf die Vergangenheit zurück.

Auf einer Videoprojektion richtet sie einen Geburtstagskuchen an und verfolgt in den kommenden beiden Stunden das Treiben auf der Bühne zumeist über den Fernseher. Dort stellt das Ensemble (unter anderem Rebekka Biener, Elias Eilinghoff, Andreas Grötzinger) zu Beginn die symbolische Geburt nach. Als würden sich dessen Mitglieder aus einer Vulva herauskämpfen, schieben sie die hintere, aus braunen Pappkartons zusammengesetzte Bühnenwand zur Seite. Sobald die clownesken, blau kostümierten Figuren dies gemeistert haben, fällt der rote Vorhang. Die Aussage: Ab jetzt ist alles Theater, und zwar nicht nur metaphorisch, das Leben selbst erweist sich als Theatrum mundi.

Reichlich Slapstick

Dafür braucht es den richtigen Text. Mal kommt er nur schwer über die Lippen, mal sprudelt regelrechtes Kauderwelsch aus den Dar­stel­le­r:in­nen hervor. Hilfreich sind indessen die Telefonkabinen auf der linken Seite. Klingelt es dort, nimmt ei­ne:r ab und spricht die Sätze in ein Kabelmikrofon. Begleitet wird das lustige Fernsprech-Theater von reichlich Slaspstick. Besonders lustig mutet der Auftritt eines Spielers als gigantisches Fellwesen an. Doch irgendwann kippt die bunte Zirkusshow. Die Wendungen erhalten einen merkwürdig bedrohlichen Charakter. „Der Krieg ist zwar ein Unglück, aber manchmal unvermeidbar“, erfahren wir, oder „Der Fremde ist anders“; „der Verbrecher ist Abschaum“.

Um die Indoktrination dieser gefährlichen Phrasen zu veranschaulichen, findet sich das Ensemble in einer Schulklasse zusammen. Einer deklamiert, die anderen ergänzen, ganz vorne gibt die Dirigentin den Rhythmus vor. Jene Farce spitzt sich durch das Stakkato eines Klaviers dramatisch zu. Die sich nun nach und nach aufstauende und entladende Gewalt wird überhaupt bestens getragen von den phänomenalen Live-Musikern Arpen Daks und Elisabeth Coudoux. Sie beherrschen die leisen Momente wie die ganz lauten. Zu Letzteren gehört beispielsweise eine Szene, in der die Gruppe mit Baseballschlägern auf eine der ihrigen in einem Schrank einprügeln. Wenig später torkelt sie blutüberströmt heraus und ballert, zynisch unterlegt mit Percussion, mit einem Gewehr herum.

Klingt nach Comic? Im häufig grellen Licht drängt sich diese Assoziation schnell auf. Die flippige Aufmachung markiert eine ironische Fallhöhe zwischen der Situationskomik und dem Entstehen faschistischer Strukturen. Ja, auch wenn die Figuren noch so sehr bekunden, höflich und selbstbestimmt zu sein, scheinen sie fremdbestimmt, gelenkt von einer Sprache, die Aggression und Ausgrenzung normalisiert. Wenn gegen Ende eine Frau alle anderen mit einer Fliegenklatsche verdrängt und daraufhin die Dar­stel­le­r:in­nen Fotoaufsteller ihrer Gruppenmitglieder zersägen, steckt dahinter nichts anderes als ein sich entladender Hass.

Jene Aktualität ist gewiss schon in Handkes Werk, das wie all seine Stücke auf Psychologie und Handlung verzichtet und eher einem Bühnengedicht gleicht, angelegt. Die Herausforderung, die Monotonie der Satz-an-Satz-Ästhetik wiederum unterhaltsam und bildreich zu realisieren, meistert Claudia Bauer exzellent. Geradezu atemlos treibt sie das Ensemble an, das sich einmal auch in völliger Dekadenz ergehen darf. Dazu öffnet sich der Hintergrund und ein Wohnkubus mit Klingersteinoptik wird nach vorne geschoben. Während er sich dreht, feiern die Spie­le­r:in­nen im Inneren. Sie masturbieren oder befriedigen einander oral.

„Aber niemand wird ohne Grund“, heißt es in einem der vielen Gesprächsfetzen, „abschiedsreif geschlagen“. Vergegenwärtigt man sich, dass Handke diese Wendungen am Vorabend der 68er-Revolte schrieb und dabei noch immer die unaufgearbeitete Nazi-Zeit vor Augen hatte, muten sie beklemmend an. Der Abgrund ist groß, allen inmitten dieses herrlich überdrehten Rauschs.

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