Horváth an den Münchner Kammerspielen: Die Traurigkeit sitzt hinter dem Hass
Düsteres Theater für düstere Zeiten: Eine Inszenierung von Felicitas Brucker von Ödön von Horváths „Jugend ohne Gott“ an den Münchner Kammerspielen.
Foto: Julian Baumann
Rennen. Immer weiter rennen. Zur Rampe und darüber hinaus. Schreien. Zittern. Wie unter Strom peitschen die fünf Darsteller:innen von „Jugend ohne Gott“ durch den schwarz-weißen Bühnenraum bis hinunter in den Saal. Wovon sind sie getrieben?
Es ist das „Zeitalter der Fische“, wie Ödön von Horváth es in seinem 1938 erschienenen Roman nannte. „Es kommen kalte Zeiten. Da wird die Seele des Menschen unbeweglich wie das Antlitz eines Fisches“, führt Thomas Schmauser als zentrale Figur des Lehrers in die Inszenierung ein. Dass dieser Gedanke im Roman ursprünglich gar nicht dem Lehrer, sondern einer aus der Bühnenfassung entfernten Figur gehört, ändert daran nichts. Schmauser bewegt langsam den Mund. Sperrt ihn auf und zu. Die Mundwinkel nach unten gezogen. Die Augen starr. Ein bitterer Bote des Unglücks.
Ein Jahr nach Hitlers Machtergreifung schreibt sich der österreichisch-ungarische Autor Ödön von Horváth mit seinem Roman damit ins Exil. Er verarbeitet Mitläufertum und die Kluft zwischen zwei Generationen: Einer älteren, voller leidvoller Erfahrungen des Ersten Weltkriegs und einer jungen, die bereits von nationalsozialistischer Erziehung geprägt, glatt und leblos wie Fische, Teil einer Unmoral wird.
Der Lehrer versucht, seinen Schülern (unter anderem und wechselnd verkörpert von Elias Krischke, Jelena Kuljić, Maren Solty und Martin Weigel) Moral nahezubringen. Als einer in einem Aufsatz Schwarzen Menschen das Existenzrecht abspricht und über die „Undeutschen“ als Problem spricht, plädiert er für Menschlichkeit. Die Schüler fordern einen anderen Lehrer, die Direktorin ermahnt ihn zur Anpassung.
Abgründe der Menschheit
Dabei gelingt Regisseurin Felicitas Brucker eine Inszenierung, die kein Jugend-Bashing betreibt und sich weder an der Nazi-Vergangenheit noch an einer AfD-Gegenwartserzählung festklammert, sondern fragmentarisch von den Abgründen des Menschen erzählt: mit (teils angepassten) Passagen aus Horváths Text, ergänzt durch neue Szenen der Autorin Anne Habermehl. Sie erweitern das Original: In Verhören der Schüler:innen durch Polizisten erfährt das Publikum von Mobbing und familiären Belastungen. Während Horváths Roman aus der Sicht des Lehrers erzählt, erklingt die Geschichte hier vielstimmig.
Thomas Schmauser, zuletzt vielfach für seine Darstellung des Mephisto ausgezeichnet, spielt den Lehrer mit zynischer Kälte: Speichel spuckend, aufbrausend, verzweifelt. Er sucht die Moral in Gott. Doch auch „Gott ist grausam“. Also muss er sie selbst aufbringen. Als ein Schüler wegen Mordes an einem anderen angeklagt ist, der unter seiner Aufsicht in einem militärischen Übungscamp geschah, entschließt er sich, die Wahrheit auszusprechen und seine eigene Mitschuld zu offenbaren.
Die Inszenierung ist in düsterem Schwarz gehalten: in harten Bässen und farbloser Kleidung, im unangenehmen Quietschen von Sportschuhen auf steril-weißem Boden. In Nebel und Regen. Dazu Stroboskopzucken: weiß, rot, blau blitzendes grelles Licht. Musik, die mal die düstere Atmosphäre ergänzt, mal – wie Leslie Gores feministisches Lied „You Don’t Own Me“ – eine Botschaft hinzufügen soll. Letzteres wirkt leider fehl am Platz: ausgenutzt, ohne Erkenntnisgewinn.
Und immer wieder Gewaltexzesse. Erdrückend ist eine Video-Szene, die Slow-Motion-Aufnahmen der Darsteller:innen am Schießstand zeigt: Gesichter, die zur Waffe greifen, mit hartem Blick. Zielen. Abdrücken. Rückstoß. Brutal sind vor allem die Worte: Sowohl Horváths „Ich bin ein schwarzes Loch. Ich bin nichts wert. Nichts“, als auch Habermehls: „Stich sie ab, die Foid, sie soll in der Hölle schmoren.“
Akku fast vollständig geladen
Sie fügen sich gut in die poetischen Originale ein. Ob es allerdings der zeitlichen Verortung ins Handyzeitalter bedarf, mit Sätzen wie „Mein Akku ist zu 78 Prozent voll“? Eher nicht.
Felicitas Brucker, die an den Münchner Kammerspielen zuvor bereits Romane von Eduard Louis und Constanze Debre mit gesellschaftlicher Tragweite inszenierte, kreiert mit „Jugend ohne Gott“ ein Stück, das weit über die Figuren des Abends hinausreicht. Gemeinsam mit einem treibenden Ensemble plädiert sie zornig, manchmal verletzlich, dabei nicht belehrend und selten konkret politisch für die Moral. Oder wie Horváth es schrieb: „Hinter dem Hass sitzt die Traurigkeit.“ Und so bleibt von „Jugend ohne Gott“ das Gefühl einer gruseligen Dystopie, die unserer Realität nicht fern scheint.
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