Nach Mord an Tierschützer in Almaty: Wohin mit 90 heimatlosen Hunden?
In Kasachstan wurde der Betreiber eines privaten Tierheims ermordet. Aktivisten brachten in kürzester Zeit alle dort lebenden Hunde andernorts unter.
Foto: Pavel Mikheyev/reuters
D ie Bar in Almaty, der größten Metropole Kasachstans, ist gut besucht an diesem Abend. An einem der Tische sitzen ein Mann und eine Frau. „Warum sollte man einen Tierschützer umbringen?“, fragt die Frau. „Mit einem Heim für Hunde kommt man doch gerade so über die Runden. Wem war er im Weg?“
Der Mann hat eine Idee. „Vielleicht brauchte jemand das Grundstück, auf dem sich das Tierheim befand?“, sagt er. Das überzeugt die Frau nicht. „Ich habe gehört, dass das Grundstück gepachtet war. Außerdem befand sich das Tierheim weit draußen in der Steppe. Dort gab es nichts außer Hundehütten“, entgegnet sie.
Wer diesen Dialog aufschnappt, weiß sofort: Es geht um Wladimir Tepljakow. Der Tierschützer hatte ein Hundeheim namens Twardowski-Haus gegründet und nach seinem verstorbenen Adoptivsohn benannt. Bis Oktober 2026 lebten hier, inmitten der Steppe in der Region Almaty, 90 Hunde, die Tepljakow gerettet und über lange Zeit hinweg betreut hatte. Vor Kurzem wurde nun Tepljakows Leiche mit mehreren Schussverletzungen auf dem Gelände des Tierheims gefunden. Nach seiner Ermordung waren die Hunde sich selbst überlassen.
Die Ehefrau des Getöteten, Tatjana, rätselt ebenfalls darüber, wer auf die Idee gekommen sein könnte, ihren Mann zu töten. Im Gespräch mit Journalisten beschreibt sie Wladimir Tepljakow als einen ruhigen Menschen, der keine Feinde gehabt habe.
Wohin mit 90 Hunden?
Die Familie verfüge über kein großes Vermögen – die Hunde hätten sie von ihren bescheidenen Gehältern versorgt. Zudem das Gelände des Tierheims eben weit draußen in der Steppe liege. Es sei kaum vorstellbar, dass jemand Anspruch auf dieses Grundstück erhoben haben könnte, sagt sie.
Auch bei den drei Männern, die vor einem Einkaufszentrum in Almaty stehen und rauchen, ist Wladimir Tepljakow Thema. „Was muss man eigentlich für ein Mensch sein, um den Betreiber eines Tierheims zu töten? Und was wird aus den Hunden?“, fragen sie sich. Es herrscht Ratlosigkeit.
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90 hungrige Tiere mitten in der Steppe – wer würde sich um sie kümmern? Eine Frage, die offenbar viele weitere Menschen in Almaty umtreibt. Und so starteten Tierschützer, Betreiber von Tierheimen, Blogger und engagierte Bürger eine groß angelegte Informationskampagne auf Instagram. Innerhalb von zwei Tagen fanden 40 Hunde ein neues Zuhause. Die verbleibenden 50 Vierbeiner wurden von Freiwilligen nach zwei weiteren Tagen in anderen Tierheimen untergebracht.
In so kurzer Zeit Platz für 90 Hunde zu finden, ist eine beachtliche Leistung. Alle Tierheime in Almaty sind überfüllt, haben Geldprobleme und finanzieren sich ausschließlich durch private Spenden. Wenn innerhalb eines halben Jahres ein oder zwei Hunde ein neues Zuhause finden, ist das schon ein großer Glücksfall.
Zum Mord schweigen die Behörden
Genau deshalb hat der Mord an Wladimir Tepljakow unter den Bewohnern von Almaty auch für so viel Gesprächsstoff gesorgt. Einerseits lässt einen das Geschehen angesichts der Grausamkeit und Kaltblütigkeit des Täters fassungslos zurück.
Andererseits ist zu beobachten, wie Menschen in einer schweren Stunde zusammenrücken und – allein durch ihre Güte und ihr Engagement – das Unmögliche möglich machen. In solchen Momenten möchte man daran glauben, dass es auf dieser Welt mehr gute als böse Menschen gibt. Zumindest kommen auf einen einzigen Verbrecher in dieser Geschichte Hunderte von mitfühlenden und wunderbaren Menschen.
Ob der Mörder gefunden wird, lässt sich derzeit schwer sagen. Die Ermittlungsbehörden schweigen. So bleibt den Menschen in Almaty nur, das zu tun, was in ihrer Macht steht: öfter über die Hunde aus dem Twardowski-Haus zu sprechen, damit sie liebevolle Familien finden können.
Aus dem Russischen Barbara Oertel.
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