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Nach der Knesset-Wahl in Israel Schon wieder die Quadratur des Kreises

Judith Poppe

Kommentar von

Judith Poppe

Können sich jüdische und arabische Parteien für eine Koalition die Hand reichen? Die Geschichte zeigt: Es geht. Ob das heute noch gilt, ist fraglich.

D ie arabischen Parteien haben in Israel einen historischen Sieg eingefahren. Die islamische Partei Ra’am hat – nach Auszählung von 90 Prozent der Stimmen 7 Sitze erhalten, die Vereinigte Liste, in der sich linke und konservative palästinensische Israelis tummeln, 12. So viele wie nie zuvor. Hatten viele palästinensische Israelis früher die Wahlen boykottiert, zeigt die gigantische Wahlbeteiligung nun: Auch für palästinensische Israelis gibt es einen Unterschied zwischen den zionistischen Regierungen der Vergangenheit und der rechtsextremen Regierung unter Benjamin Netanjahu. Die steht in ihren Augen für ethnische Säuberung, Verwüstung im Gazastreifen, Diskriminierung palästinensischer Israelis.

Die palästinensisch-israelischen Wäh­le­r*in­nen wollten weitere vier Netanjahu-Jahre verhindern. Freude darüber ist angebracht. Allerdings muss dieser historische Erfolg jetzt in konkrete Politik übersetzt werden. Nicht nur Ra’am, auch die Vereinigte Liste hat – in Abkehr von ihrer bisherigen Haltung – Bereitschaft signalisiert, mit dem zionistischen Anti-Netanjahu-Block zu kooperieren. Ihnen liegt am Herzen, Geld für die unterfinanzierten arabischen Communitys zu sichern, gegen Kriminalität in arabischen Gegenden vorzugehen, staatlicher Diskriminierung entgegenzutreten.

Nun liegt der Ball bei den jüdischen Parteien. Im Vorfeld haben die Parteien des Anti-Netanjahu-Lagers eine Koalition mit arabischen Parteien ausgeschlossen. Und ja, für viele jüdische Israelis ist die Zusammenarbeit mit palästinensischen Israelis ein rotes Tuch. Und doch zeigt ein Blick in die nicht zu ferne Vergangenheit: Es kann gehen.

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2021 gaben sich unter anderem der Rechte Naftali Bennett und Mansour Abbas von der islamischen Partei Ra’am als Teil einer Anti-Netanjahu-Koalition die Hand und regierten das Land gemeinsam, mit einigen Erfolgen – bis die Koalition nach einem Jahr wieder zerbrach, vermeintlich an einem Streit über ungesäuertes Brot. Tatsächlich ging es um die Besatzung und den Siedlungsbau. Die breite Koalition hatte lange versucht, diese Sollbruchstelle zu ignorieren, denn allen war klar: Eine Einigung in dieser Frage war ausgeschlossen.

Auch diesmal wird es nicht unter der Quadratur des Kreises gehen – und alle Seiten werden wohl versuchen, die Frage aller Fragen in diesem vom Jordan bis zum Mittelmeer reichenden Landstrich zu ignorieren. Denn ein echter Politikwechsel ist nicht in Sicht. Es bleibt zu hoffen, dass die zionistischen Parteien verstehen, dass sie nun auf die arabischen Parteien zugehen müssen. Denn die Alternative – eine weitere Regierung unter Netanjahu – wäre ein Desaster. Man sollte meinen, dass der Regierungschef dies in den vergangenen vier Jahren, in denen er das Land ruiniert und international isoliert hat, unter Beweis gestellt hat.

Auch Neuwahlen würden wohl Netanjahu in die Hände spielen. Für die Opposition und ein liberales, demokratisches Israel könnte dies die letzte Chance sein. Möge sie sie nutzen. Oder, um es auf Arabisch zu sagen: Inschallah.

Judith Poppe

Judith Poppe Auslandsredakteurin

Jahrgang 1979, Auslandsredakteurin, zuvor von 2019 bis 2023 Korrespondentin für Israel und die palästinensischen Gebiete.
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7 Kommentare

  • zartbitter

    Eisenkot versprach am Donnerstag, die Umsetzung zentraler Wahlversprechen unmittelbar nach der Vereidigung der neuen Knesset am 10. November in Angriff zu nehmen – auch wenn die Aussichten auf die Bildung einer neuen Regierungskoalition.



    =



    Eisenkot erklärte, seine Partei „Yashar“ arbeite bereits an Gesetzesentwürfen, die unter anderem die



    ==Einführung eines allgemeinen Militär- oder Nationaldienstes,



    == Einsetzung einer staatlichen Untersuchungskommission zum Massaker vom 7. Oktober,



    ==eine Reform des Haushaltsverfahrens



    == Bevorzugung von Israelis, die einen Dienst leisten



    ==



    Das bedeutet:



    1.. Eine neue Regierung durch die Opposition unter Eisenkots Führung ist weder sichtbar - darüber hinaus ist nicht sicher



    ob sich mit dem aktuellen Wahlergebnis eine neue Regierung überhaupt bilden lässt.



    =



    2..Der letzte Regierungblock von Netanjahu, der 2022 ihr Amt antrat, verfügte über 64 Sitze - LIkud hat 5 Sitze und der alte Regierungsblock hat insgesamt 11Sitze verloren.



    Mit 53 Sitzen hat die Regierung keine Mehrheit mehr.



    =



    3.Die Gesetze die Eisenkot einbringen möchte richten sich gegen die Politik Netanjahus- und gegen die Interessen der Ultrareligiösen.

  • Stubi

    Gelegentlich treiben mich theologische Fragen um.

    Der Gott an den die Juden glauben, hat gemäss Erzählung häufiger mal ganze Ethnien vernichtet.

    Allerdings hat er das auch mit Gläubigen gemacht, wenn ihm deren Handeln nicht genehm war. Oder um sie zu prüfen. Wobei hier angemerkt sei, dass viele dieser Texte zum Zwecke der Fremdsteuerung ganzer Epochen revidiert wurde.

    Ich frage mich jedenfalls, wie man tief im Studium religiöser Schriften vertieft sein kann und zri

  • Westlahn

    Ich erwarte jetzt eigentlich, dass Netanjahu alles daran setzen wird, jede Regierungsbildung so lange zu verzögern, bis es zu Neuwahlen kommen muss.



    Und ich erwarte, dass bis dahin vom rechten Rand mit Hinweis auf die Wahlergebnisse die These aufgestellt wird: Hätten die Palästinenser nicht wählen dürfen, hätte der Netanyahu Block gewonnen. Und dass das in einem jüdischen Staat nicht sein darf - kombiniert mit der Forderung, dass das Wahlrecht eingeschränkt wird.



    Und solange Netanjahu die Entscheidungsgewalt noch in der Hand hat, wird die massive Gewalt der Siedler im Westjordanland mit Unterstützung der Armee und der Politik weiter gehen. Von den anderen Fronten gar nicht zu reden.



    Eigentlich gäbe es nur einen, der mit Aussicht auf Erfolg eingreifen könnte. Der Präsident der die unabdingbare finanzielle, technische und militärische Unterstützung für die Kriegsführung liefert: Trump.



    Aber er ist zum Gefangenen seiner eigenen Politik geworden. Versucht er Netanjahu zu begrenzen - kriegt er Ärger mit seiner Basis und seinen Finanziers.

  • Traditioneller Sozialist

    Ich weiß, dass auch diesmal mein Beitrag nicht veröffentlicht werden wird. Trotzdem bitte ich Sie und auch Ihre Kollegin, nicht immerzu diese "konservativ-islamische" (was soll das sein?) Partei Raam und Herrn Abbas zu hofieren, sondern sich kritisch mit ihnen zu befassen.



    Auch bitte ich Sie, die linke Partei Chadash (die einzige sozialistische Partei Israels) nicht als "arabische Partei" zu bezeichnen oder unter diesem Begriff zu subsumieren. Es ist die einzige Partei Israels, in der Juden und Araber, vornehmlich christliche Araber, gleichberechtigt agieren. Sie hat ihre Ursprünge in den kommunistischen Parteien des Landes und ist konsequent laizistisch.



    In der Wikipedia steht einiges zur Geschichte von Chadash und ihren Vorgängerparteien / -bewegungen. Und es werden auch die mit ihr verbundenen historischen Persönlichkeiten aufgeführt, unter ihnen viele jüdische.



    Vielen Dank!

  • Janix

    Die Vision wäre, vier Jahre für das Land zusammenzuarbeiten und währenddessen auszuarbeiten, wie die Besatzung innerhalb dieser vier Jahre rückgängig gemacht wird.



    Durch ein freies Palästina in den vorgesehenen Grenzen, mit gegenseitigen Sicherheitsgarantien.



    Oder durch einen Staat für alle im Gebiet, der demokratisch und gleich wäre, was der noch größere Sprung wäre.



    Die Zeit in einer Regierung wäre der Raum, um Vertrauen zu gewinnen, gegen die Ressentimenthetze Netanyahus und der Hamas.

    • Westlahn

      @Janix:

      Vier Jahre sind eine traumhaft unrealistisch kurze Zeit für solch einen Plan. Und Besatzung rückgängig machen hieße für mich: die Siedler müssten zurück in das legale Staatsgebiet von Israel - und schon das zu definieren ist schwierig: das von 1948? Das nach 1967? Inklusive Golan ? Die "Schutzmauer", die Israel errichtet hat steht ja auch auf eigentlich palästinensischem Gebiet. Und dann wäre da noch Ost-Jerusalem...



      Der Karren ist wirklich gründlich festgefahren.

    • Westlahn

      @Janix:

      Solange der rechte Machtblock in Israel so stark ist, dass gegen ihn keine Mehrheit gebildet werden kann - und das heißt wohl, solange Netanjahu noch frei rumläuft und nicht vor Gericht steht, ist und bleibt die 2-Staaten-Lösung tot.



      Die Zahl der illegalen Siedler im Westjordanland liegt - wenn ich die Größenordnung richtig im Kopf habe- bei mehr als 700.000. Wesentlich Player in Tel Aviv leben dort. Bei Fortbestehen dieser Siedlungen ist ein Palästina auf dem "Rest-Gebiet" nicht lebensfähig. Auch deshalb werden die Siedlungen ja schließlich gebaut.



      Und meine Phantasie reicht nicht, was passieren müsste, um Israel dazu zu bewegen diese Siedlungen aufzugeben. Nicht mit diesen Siedlern, nicht mit diesem Wahlvolk im eigentlichen Staatsgebiet von Israel.



      Es würde daraus sofort als eine Geschichte einer erneuten Judenverfolgung und -vertreibung daraus gebaut werden.



      Und eine politische Figur mit ausreichend Charisma einen ehrlichen Prozess mit diesem Ziel, den auch die palästinensische Seite für glaubhaft hält, kann ich weit und breit nicht erkennen. Eizenkot ist es jedenfalls nicht.



      Und für die palästinensische Seite gilt wohl das Trump-Wort: they don't have the cards.