Maxim Biller über Gegenwartsliteratur: Was mich wütend macht
In den Feuilletons nehmen Respektbekundungen gegenüber dem Kunstgewerbe immer mehr Platz ein. Doch wo bleiben die Hymnen auf die wirklich großen Autoren?
Kennen Sie Simmel? Johannes Mario Simmel aus Wien, dessen deutsche Mutter ihm 1938 das Leben rettete, weil sie den Nazis erzählte, er sei gar nicht der Sohn eines hakennasigen jüdischen Vaters, sondern ein arisches Sex-Kuckucksei? Der Davongekommene schrieb nach Hitlers Tod Drehbücher, war mäßig bekannter Boulevard-Journalist. Und hackte so lange auf seine Reiseschreibmaschine ein, bis 1960 ein Megaseller fertig war, ein Agenten- und Kolportageroman, süßlich, spannend, politisch engagiert, literarisch ohne Wert.
Danach spuckte Simmels Schreibmaschine einen moralinsauren Groschenroman nach dem anderen aus, die ihm ein Millionenvermögen einbrachten und die Verachtung der Highbrow-Literaturkritik. Bis ihn im Oktober 1987 der FAZ-Rabauke Frank Schirrmacher in einem Buchmessenaufmacher überraschend in den großen Kanon aufnahm. Simmel, schrieb er, sei „schneller, böser und schärfer als das öffentliche Bewusstsein“, der begabte Erkunder „der nationalen Seele“. Den Ärger, den beide mit dem Beton-Feuilleton kriegten, kann man sich vorstellen.
Warum ich in diesen feierlichen Buchmesse-Tagen auch über Simmel reden will? Weil ich der Anti-Schirrmacher bin! Weil heute Schriftstellern, die keine Schriftsteller sind, bestenfalls geld-, kitsch- und wirklichkeitsgierige Schreibautomaten, von der blasierten Literaturkritik das Tor zum Elfenbeinturm so weit geöffnet wird wie noch nie – also ausgerechnet von dem Rezensententypus, der einst so sauer auf das FAZ-Wunderkind war. Und weil inzwischen Schirrmachers Simmel-Disruption genauso vergessen ist wie Simmels Bücher, Name, Erfolg.
Der 66-Jährige ist Schriftsteller und Literaturkritiker. Biller hat zahlreiche Essays, Reportagen und Erzählungen veröffentlicht und wurde u. a. mit dem Theodor-Wolff-Preis und dem Preis des Europäischen Feuilletons ausgezeichnet. Gerade wurde sein Buch „Schwarze Samstage“ veröffentlicht, in dem er sich den Nachwirkungen des 7. Oktobers auf Jüd:innen widmet.
Biller wurde in Prag als Kind russisch-jüdischer Eltern geboren. 1970 emigrierte er mit seiner Familie nach Westdeutschland. Er studierte Literatur, besuchte die Deutsche Journalistenschule und schrieb u. a. für den Spiegel und den New Yorker, in der FAS erscheint seine Kolumne „Moralische Geschichten“. Seit 2015 kritisiert er Bücher für das „Literarische Quartett“ im ZDF. Er lebt in Berlin.
Wie beides zusammenhängt? Müll bleibt Müll und verrottet früher oder später ohnehin. Und Kritiker, die von ihrer eigenen Gravitas gelangweilt sind und darum etwas vom Glanz berühmter Unterhaltungsautoren abbekommen wollen, vergeuden nur ihre Zeit.
Kafka-Parabel für Blöde
Auf meinem Schreibtisch liegt seit Wochen ein Roman der berüchtigten Frau Wahl. Ist sie unsere Sagan? Ein weiblicher Simmel? Ich habe versucht, dieses Buch zu lesen, einmal, zweimal, umsonst. Der tagtraumhaft-klebrige Konflikt Mädchen gegen Mann, Insta-Karrieristin gegen Arschloch-Boomer ist eine Art Kafka-Parabel für Blöde, die Max Brod bestimmt verbrannt hätte. Da verbirgt sich nichts zwischen den Zeilen, wie es bei echter Literatur sein soll, kein Geheimnis, keine Poesie.
Dass Wahls „Romane“ regelmäßig eine Full-Scale-Rezeption unseres Feuilletons erfahren, ist lächerlich. Und der Höhepunkt einer Trivialrevolution, die sogar schon die Seminare erreicht hat. Oder warum wurde neulich einem solchen Groschenheftwerk von der Uni Siegen als germanistische Unterwerfungsgeste eine zweitägige Tagung geschenkt? Ebenfalls aus Angst vor Bedeutungsverlust in unserer modernen, anti-intellektuellen Meta-Welt, vermute ich.
Ist Wahl allein das Problem? Natürlich nicht. Siehe Heinz „Bling, bling“ Strunk, der gestern noch als Non-Comedian im humorlosen Hamburg für seine Humorlosigkeit gefeiert wurde. Seine provinzielle Prollprosa gewinnt einen seriösen Literaturpreis nach dem anderen und verkauft sich fast so gut wie Melville und Proust erst Jahrzehnte nach ihrem Tod. Und woher kommt der Respekt für den charmanten Herrn Kehlmann und seine als historische Romane getarnte Mantel-und-Degen-Prosa, oft mit einem Schuss Naziporno versehen? Wie ernst kann man Nelio Biedermanns Kakanien-Träumereien nehmen, so schwülstig und banal, wie es die Romane seines Vorbilds Joseph Roth nie waren?
Bewohnerin des Hinterlands
Und haben Sie schon mal versucht, Juli Zeh zu lesen, die als freiwillige Bewohnerin des ostdeutschen Hinterlands ebenfalls ihre Leser mit klischeehaften Anti-Klischees und der verlotterten Sprache einer erfolgsbesoffenen Bestsellerautorin füttert? Ganz zu schweigen vom Gastarbeiter-Kitsch einer Fatma Aydemir und aller anderen literarischen Heulsusen aus ihrer opportunistischen Migranten-Kohorte. „Dichterische Seinserhellung“ nennt Gero Wilpert in seinem legendären „Sachwörterbuch der Literatur“ die Aufgaben und Attribute echter Prosa. Bei all diesen Autoren findet man sie nicht.
Was mich so wütend macht: Unterhaltungs- und Trivialliteratur gab es schon immer, nicht erst, seitdem Schirrmacher Simmel adeln wollte und zum Glück scheiterte. Heute nehmen aber, wie gesagt, die Respektbekundungen gegenüber dem literarischen Kunstgewerbe immer mehr Platz ein, in Feuilletons, Podcasts, Masterarbeiten. Also überall dort, wo eigentlich nur die echten Künstler, Magier und großen Erzähler geehrt und wiedergekäut werden sollten, Tag und Nacht, Ausgabe für Ausgabe, vor allem die, deren Rang man von heute aus noch nicht so leicht erkennen kann.
Doch wo bleiben die Hymnen auf Robert Walser, die Debatten über den großen Peter Weiss und seine unpolitischen Polit-Epen? Wer erinnert sich und andere an den großen Modernisten und Kosmopoliten Wolfgang Koeppen, wer schreibt sich die Finger wund mit Hymnen auf Soma Morgenstern, Joseph Roths Freund und vergessenen galizischen Tschechow? Wenn aber erst einmal die Erinnerung an die großen Dichter erloschen ist, bestimmen auf Jahre und Jahrzehnte die elenden Skribenten das große Bild.
Und darum schlage ich heute – in den feierlichen Tagen der großen Buchmesse zu Frankfurt am Main – vor, dass wir unsere Bestsellerlisten neu sortieren. Die Idee ist ganz einfach und extrem wirksam und erhellend: Es gibt dann ein Leiterchen für Schund. Und eins für Literatur. Damit nicht einmal mehr der dümmste Literaturkritiker durcheinanderkommt.
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