Entgegnung auf Maxim Biller : Wer nicht lesen kann, muss schweigen
Die Krise der Literaturkritik hat Maxim Biller per Pamphlet ausgerufen. Anstatt sie zu retten, führt er sie aber auf einen Holzweg.
Foto: Matthias Graben/imago
V ielleicht sollte man das Pamphlet Maxim Billers „Was mich wütend macht“ einfach auf sich beruhen lassen, in dem er in der letzten Woche sein Leiden am Literaturbetrieb zur Schau stellte, als dessen alerter Akteur er sonst auftritt. Seltsam. Es hat keinen Zweck, sich auf seine allein aus Ressentiment und Neid gespeiste Kolleg*innenschelte einzulassen. Denn, so lautet das einzige unumstößliche Gesetz der Literaturkritik: Was ich nicht gelesen habe, kann ich nicht besprechen. „Ich habe versucht, dieses Buch zu lesen, einmal, zweimal, umsonst“, teilt hingegen Biller mit, um mit dieser Rezeptionsverweigerung sein Urteil über den „Roman der berüchtigten Frau Wahl“ zu begründen.
Lautstark und möglichst vernichtend über Bücher zu urteilen, die man nicht gelesen hat, ist unredlich – und daher unproduktiv. Ebenso sinnlos scheint es, sich über den halluzinierten Ärger Gedanken zu machen, den Frank Schirrmacher 1987 bekommen habe. Denn in Wirklichkeit war ja das der FAZ seinerzeit keineswegs das einzige Großfeuilleton, das die Verriss-Erwartungen enttäuschte: Auch Die Zeit, Süddeutsche und der Berliner Tagesspiegel hatten Johannes Mario Simmels gegenwartsdiagnostische Qualitäten beim Erscheinen von „Doch mit den Clowns kamen die Tränen“ gelobt – und selbstredend seinen Stil und sein schematisches Plotting bemängelt.
Das nachzuprüfen mag pedantisch sein, schon wahr. Aber Maxim Biller strickt daraus die Urszene eines Niedergangs, der ihm zufolge nun, also „heute“, im Bankrott der Literaturkritik gemündet wäre. Dieser Befund leuchtet wenig ein. Entschiedene Ablehnung aber verdient Billers Gegenbild: Er sähe sie gern wieder mehr als autoritäre Torwächterin, die „nur die echten Künstler, Magier und großen Erzähler“ durchlässt und im Anschluss gottesdienstartig lobt und preist. Apodiktische Urteile und Geniekult kann Tiktok besser und schneller. Das Feuilleton hat seine Stärken eher in der Reflexion.
Der verbindliche Maßstab
Die ist notwendig, weil eben ein verbindlicher Maßstab für literarische Qualität zum Glück von niemandem ernsthaft behauptet werden kann. Auch Biller klärt die Frage nach ihr durch die extensive Nutzung des pimmeligen Adjektivs „groß“, also durch blankes Behaupten. Und um die Echtheit von Künstlern zu zertifizieren, empfiehlt er den Blick ins Nachschlagewerk. So hat er aus Gero von Wilperts ältlichem „Sachwörterbuch Literatur“ (1955) als vermeintliche Definition wahrerguterschöner Literatur das Schlagwort von der „dichterischen Seinserhellung“ geklaubt.
Was konkret damit gemeint ist, kann niemand sagen, noch weniger natürlich, wie die zu detektieren wäre: per Eingebung? Sollte die Rezensentin als Pythia in Trance schauen, was sich im tiefen Textgrund erhellend entbirgt? Die raunende Floskel, die von Wilpert als Lexikograf nicht ersonnen, sondern ohne Quellenangabe einfach genutzt hat, klingt dabei so unangenehm wie unverkennbar nach Martin Heideggers „Einführung in die Metaphysik“ von 1935, allerdings von völkischen Flecken gesäubert: Dieser Holzweg, so viel ist klar, läuft auf einen Kanon hinaus, der ganz entschieden das ist, was Maxim Biller an anderer Stelle so treffend als gojnormativ kritisiert hat.
Nur wie kommen wir da wieder raus? Moderne Literatur – also so ab 1800 – hat die Abwesenheit eines außerliterarischen Wertmaßstabs, einer abstrakten Regel, nie als Mangel empfunden, sondern als Teil ihrer Verfasstheit verstanden. Sie lebt, wenn sie sich ihrer selbst bewusst ist, orientierungslos, vereinzelt, verstreut in der Unordnung der Welt: „Der Sinn für die wahren Werte fehlt mir seit jeher“, hat dieses produktive Chaos mal in schöner Entspanntheit die einzigartige, 1927 in Wien als Monika Boscowitz geborene, Quebeker Autorin und Literaturwissenschaftlerin Monique Bosco zusammengefasst. Mit mehr philologischem Ernst formuliert hat es der Berliner Literaturwissenschaftler Peter Szondi: „Die Texte geben sich als Individuen, nicht als Exemplare“; auch sein Tod liegt nun schon 55 Jahre zurück.
Die gefährdete Praxis des Lesens
Daraus, dass Texte eben nicht zunächst als Beispiele einer Gattung einsortiert und bewertet werden können, folgt aber nun keineswegs die Preisgabe des Projekts einer literarischen Kritik. Im Gegenteil: Sie gehört zu ihr, als ein ihr eingeschriebener fast unerbittlicher Anspruch an die – gefährdete – Praxis des Lesens, den Biller so fatal unterläuft. Denn statt sie mit ewiger Wahrheit zu überwältigen, verlangt Literatur ihren Leser*innen „eine kontinuierliche Arbeit am Sinn“ ab, wie es bei Jean Bollack heißt. Erst aus der heraus kann sie Vorstellungen von ihrem eigenen Wert – auch vom Unwert – gewinnen.
Der Clou: Auch dieses Literaturdenken, das geduldige Nachvollziehen – und lesende Neuschaffen – von Texten, wird auf einige Werke immer und immer wieder zurückkommen. Aber es ist weder darauf angewiesen, sie als Liste der 100 wichtigsten Bücher aller Zeiten zu promoten, noch deren Schreiber*innen als Prophet*innen zu überhöhen. Stattdessen neigt es dazu, seinen Horizont zu erweitern. Lesen macht neugierig auf die Auslassungen, auf jene, die aus den Curricula ausgesondert wurden.
Das ist letztlich der einzige ernst zu nehmende Impuls aus Billers Sermon: Dass sich das Feuilleton zugunsten des Erinnerns unabhängiger von den Neuerscheinungen machen könnte. „Die Welt verlangt danach, gekontert zu werden“, hat die vor zehn Jahren gestorbene Ilse Aichinger einmal geschrieben.
Das Gespräch mit den Toten, die uns umgeben
Wenn der durchalgorithmisierte Buchmarkt die Welt ist, auf die sich Literaturkritik bezieht, dann bedeutet ihn zu kontern, besonders diejenigen Ereignisse aufzugreifen, die von der automatisierten Vorauswahl nicht erfasst werden, so wie die Neuausgabe der deutschen Übersetzung von „O Mundo em que vivi“ von der 1913 in Melle als Ilse Lieblich geborenen, als 20-Jährige auf der Flucht versehentlich im faschistischen Portugal gelandeten Autorin Ilse Losa, also „Die Welt in der ich lebte“. Für die ist der Wallstein Verlag noch längst nicht genug gerühmt worden.
Aber das lässt sich ja nachholen. Denn ein grundsätzliches Defizit hat das deutsche Feuilleton da nicht. Auch wenn dieses Gespräch mit den Toten, die uns umgeben, sicher noch intensiver gesucht werden könnte: Die Zeiten, in denen Bücher aussortiert und sogar als Schmutz und Schund gesetzlich verboten wurden, liegen so lange nicht zurück. Wo aber intensiv verdrängt und ausgegrenzt worden ist, gibt es nachher wenigstens viel ans Licht zu bringen.
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