Gruppenschau Malerei in Berlin: Die entweltlichte Welt wieder verweltlichen
In einer schmalen Gruppenausstellung zeigt die Neuköllner Weserhalle ein kleines Konvolut malerischer Weltauseinandersetzungen.
Drückt man sich im schummrigen Herbstdunkel die Nase an der Fensterscheibe der erleuchteten Berliner Galerie Weserhalle platt, ist es gleich das Bild links an der Wand, das im Gedächtnis kleben bleibt. Der britische Maler Martyn Cross hat darauf eine Landschaft gepinselt, in Buttergelb und Taubenblau leuchten verschwommene Formen, die das Gehirn sofort in einen knorrigen Baum übersetzt, ein loderndes Feuer mit rauchigen Wolken und den Eingang einer Höhle. Oder sind die gebogenen Flecken doch nur die Initialen seines Namens, MAC? Dann ginge der Rest in Flammen auf.
Kehrt man am nächsten Tag zur Öffnungszeit zurück, fällt aus der Nähe der Sand ins Auge, den Cross in die Grundierung der Leinwand reibt und so die Farben ineinanderlaufen lässt. Und auch die wie handgeschmiedet anmutenden Nägel, mit denen er die umgeschlagene Leinwand in den Rahmen gehauen hat. Überhaupt fallen einem die Kanten der ausgestellten Werke ins Auge. Beispielsweise die der zierlichen Formate Lisa Ivorys, die in Farben und Bildwelten zwar die Melancholie der Romantik aufrufen, deren titanweiß und sauber abgepinselte Seitenränder einen jedoch schlagartig artifiziell in die Gegenwart reißen und so die Bruchstellen zwischen Objekt und Bildwelt betonen.
„The Unworlding“ – Die Entweltlichung, so heißt entsprechend die Gruppenschau, eine Kollaboration der Weserhalle mit mepaintsme, einer US-amerikanischen virtuellen Plattform für zeitgenössische Kunst. Ironischerweise materialisiert sich das Thema hier: Die sonst digital präsentierten Werke erhalten ihre überaus physische Präsenz zurück. Trotz luftiger Hängung finden dank kleiner Formate erstaunlich viele Arbeiten im schmalen Raum Platz und entfalten ein ganzes Bouquet titelgebender Interpretationsweisen.
The Unworlding: MEPAINTSME × WESERHALLE, Weserhalle Berlin, bis 24. Oktober
Da weckt Joseba Eskubi herzerdrückende Assoziationen an Klimawandel und (Um)Weltzerstörung, wenn seinem öligen Eisbären auf dystopischen Felsen der Geist aus den Pfoten zu gleiten scheint, während Joseph Dilnot vermoost-ausgestorbene Landschaften giftig pulsierend ins Bild schmiert oder Gosia Machon ihre aus Tinte erschaffenen menschlichen Kreaturen über und unter unklaren Dingen trauern, grübeln und staunen lässt.
Doch nicht alles Menschliche bleibt unscharf abgetönt. Lucas Kaisers illustrativ-artifizielle Protagonisten stemmen sich in ultraviolettem Kontrast Vergeistigung, Funktionsverlust und Untergang mit optimistischem Lächeln und ernster Anstrengung entgegen. Die gar nicht mal so kleinen Arbeiten könnten als letzter spaßig-produktiver Versuch gelten, die Welt hier wieder zu verweltlichen. Eigentlich ein bisschen so wie die ganze Ausstellung.
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