Musikfest Berlin: Wo Wiederhören Freude macht
Das Musikfest Berlin bot dieses Jahr neben Orchesterwerken viel Musiktheater ganz unterschiedlicher Art. Am Anfang wie am Ende standen diesmal Vokalwerke.
Foto: Fabian Schellhorn
Wie unterschiedlich neue Musik doch altern kann. Mit Abstand betrachtet, offenbart sie mitunter übersehene Seiten. Was einst als gefällig galt, erweist sich im Zweifel als weit vielschichtiger. Und nicht alles, was als Avantgarde antritt, hält sich dauerhaft an vorderster Front.
Das am Mittwoch zu Ende gegangene Musikfest Berlin ist zuallererst ein Orchesterfestival, das die aktuellen Programme der als Gast nach Berlin kommenden Ensembles sinnvoll kombiniert. Musik der Romantik bildet den festen Kern des Angebots, hinzu kommt viel aus dem 20. Jahrhundert und teils auch ganz Neues.
Vokalmusik gehört, in geringerem Umfang, ebenfalls zum Profil des Festivals. Eher am Rand spielt dabei sonst das Musiktheater eine Rolle. Dieses Jahr gab es eine ganze Reihe an Bühnenwerken in szenischen oder halbszenischen Darbietungen zu hören und sehen. Gleich zum Auftakt spielten das Finnish Radio Symphony Orchestra und der Helsinki Chamber Choir unter Nicholas Collon in der Philharmonie die einzige Oper des Komponisten György Ligeti. „Le Grand Macabre“, 1978 komponiert und noch einmal revidiert 1994.
Der Tod reist darin durch ein so korruptes wie fiktives Breughelland, die Menschen sind Hanswürste, doch auch der Tod selbst macht keine wesentlich bessere Figur. Mit reichlich Zitaten unter anderem aus der Filmmusik rührt Ligeti eine grelle Collage in Gestalt einer lustvoll überzeichneten Satire zusammen, die Zynismus mit Klamauk mischt. Zu lachen gibt es ein bisschen, richtig viel blieb von dem Abend im Rückblick nicht, abgesehen von der schrill-virtuosen Vokalakrobatik der Sopranistin Sarah Aristidou und ihrem Auftritt mit klappernden „Scherenhänden“.
Stehender Applaus für Gershwin
Umso größer und anhaltender die Freude über ein gleichfalls selten gespieltes Bühnenwerk des 20. Jahrhunderts: Gemeinsam mit der südafrikanischen Cape Town Opera brachte das britische Chineke! Orchestra die Oper „Porgy and Bess“ von George Gershwin in einer halbszenischen Aufführung am 15. September in die Philharmonie. Gershwin wird gern auf die Rolle eines Schöpfers elegant-eingängiger Melodien mit Swing reduziert, der zudem Tennispartner des avantgardischen Komponisten Arnold Schönberg war, nachdem dieser 1933 ins amerikanische Exil fliehen musste.
Dass Gershwin ein nicht minder moderner Komponist war, wird darüber oft übersehen. Er war dies vielleicht weniger prononciert als der Pionier der Zwölftonmusik, doch wie das Chineke! Orchestra unter Enrique Mazzola deutlich aus der Partitur von 1935 herausarbeitete, beherrschte Gershwin seine entwaffnend mitsingtauglichen Melodien wie die seines Hits „Summertime“ genauso souverän wie präzis expressive Orchesterklangfarbenmalerei, stilistisch und harmonisch stets auf die dramaturgische Entwicklung abgestimmt.
Zum wandlungsreichen Orchestersatz kam ein Opernensemble, das ungeachtet des fehlenden Bühnenbilds stimmlich und körperlich so präsent war, dass man dem eigentlich sperrigen Stoff gern folgte. Erzählt das Libretto doch vom ärmlichen Leben der afroamerikanischen Bewohner der fiktiven Hafenstraße Catfish Row und ihren Nöten. Alkohol, Glücksspiel und Drogen gehören für die Protagonisten zu den Mitteln der Wahl, um abends ihrem Alltag zwischen Fischerei und Baumwollpflücken zu entfliehen. Porgy läuft zudem auf Krücken.
Die Härte des Stoffs paarten die Sänger mit Witz, allen voran Lukhanyo Moyake in der Rolle des Drogenhändlers Sporting Life. Siyabulela Ntlale gab einen mit voluminös tiefer Stimme seine Würde behauptenden Porgy, dazu die abgeklärt strahlende Bess von Nonhlanhla Yende. Dem Paar in seinem sehr kurzen Glück folgte man gern, wie es am Bühnenrand vor den Orchestermusikern hin und her eilte. Am Ende wollte der Applaus nicht enden. Irgendwann stand bis in die oberen Ränge der gesamte Saal.
Gliederpuppen mit ihren abstrahierten Köpfen
Eine spartanische Erfahrung bietet dafür Igor Strawinskys „Die Geschichte vom Soldaten“. Das Bühnenmärchen entstand 1918 gegen Ende des Ersten Weltkriegs im Schweizer Exil mit begrenzten Mitteln. Ein Sprecher und sieben Musiker sind zu hören, am Wochenende waren das im Haus der Berliner Festspiele der Schauspieler Dominique Horwitz und ein von der Geigerin Isabelle Faust geleitetes Kammerensemble.
Foto: Bernhard Müller
Vor fünf Jahren präsentierten Horwitz und „Isabelle Faust & Friends“ dieses Werk schon einmal konzertant, jetzt holten sie sich optische Verstärkung beim Salzburger Marionettentheater. Ganze neun Spieler kamen hinter der Bühne zum Einsatz, um die schlicht-knorrigen Figuren des Künstlers Georg Baselitz zu bedienen. Zur spröde-eckigen, sehr sparsam eingesetzten Musik Strawinkskys, die den Part des Sprechers mehr rahmt als begleitet, passten Baselitz’ schief proportionierte Gliederpuppen mit ihren abstrahierten Köpfen fast schon zu gut.
Von Karlheinz Stockhausens Opernspektakel „Mittwoch aus Licht“, das im Rahmen des Musikfests an der Deutschen Oper Premiere feierte, war schon zu Beginn der Woche zu lesen. Ästhetisch gebrochen streng gab sich demgegenüber der Abschluss des Festivals mit dem RIAS Kammerchor unter seinem künstlerischen Leiter Justin Doyle. Sie brachten zwei Requiems des 20. Jahrhunderts auf Grundlage von Alter Musik zusammen, das eine vom „postmodernen“ Komponisten Alfred Schnittke, das andere von Maurice Duruflé. Bei Schnittke prallten die holzschnittartigen Harmonien orthodoxen Gesangs auf recht gegenwärtige E-Bass- und Schlagzeugrhythmen, während Duruflé sich mit minimalistisch schwebenden Figuren der Zeit zu entziehen schien. Eigentümliche Werke beide, präzise dargeboten. Aeternam habeas requiem.
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