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HBO-Serie „Youth“Beziehungen und Menopause

Alex ist längst sie selbst und schwankt trotzdem zwischen Selbstermächtigung und -sabotage, zwischen Alter und Jugend. Die Serie „Youth“ ist ein Segen.

„Kein Jahrzehnt geht so schnell vorbei wie das zwischen 50 und 60“, heißt es gleich zu Beginn der ersten von acht Folgen der neuen Serie „Youth“. „Du musst jede einzelne Sekunde deiner Zeit sinnvoll nutzen“. Dazu werden allerlei Frauen eingeblendet, die bekannt dafür sind, auch oder gerade im fortgeschrittenen Alter Großes geleistet zu haben, von Ruth Bader Ginsburg über Margaret Atwood bis Maya Angelou. Frauen, die sicherlich auch Alex (Sharon Horgan) als inspirierend bezeichnen würde. Wenn sie nicht stattdessen ihre freie Zeit mit Hunde-, Fitness- und anderen Videos am Smartphone verbringen würde.

Nicht dass Alex – selbst gerade in ihren 50ern angekommen – nicht einiges erreicht hätte im Leben. Im Job als Literaturagentin in der Firma ihrer besten Freundin Sam (Sharlene Whyte) läuft es grundsätzlich gut, dem neu liierten Ex-Mann weint sie keine Träne nach, und sogar die Menopausen-Symptome bleiben im erträglichen Rahmen. Außerdem hat Sohnemann Ruari (Aran Murphy) gerade den Schulabschluss in der Tasche und steht kurz vor Auszug und Studium. Während Letzteres sich bald als zweischneidiges Schwert erweist und Alex’ Eltern zusehends mehr Unterstützung brauchen, hätte sie gleichzeitig auch nichts gegen ein wenig Zweisamkeit und Sex. Ob allerdings Ex-Affäre Patrick (Rupert Friend), bis dato eher bindungsunwillig, dafür sonderlich geeignet ist, steht auf einem anderen Blatt.

Wer vertraut ist mit dem Schaffen von Sharon Horgan nicht nur als Schauspielerin, sondern vor allem als Drehbuchautorin und Serienschöpferin, der weiß um ihren sehr besonderen Humor, der sich aus genauem Beobachten und lebensnahen Dialogen speist. Nach zwei Staffeln „Bad Sisters“ kehrt sie zurück zu persönlicheren Inspirationen und widmet sich nach „Pulling“ und „Catastrophe“ zum dritten Mal einem konkreten Lebensabschnitt. Doch tut man „Youth“ unrecht, wenn man die Serie bloß als Geschichte über die Wechseljahre oder eine Frau in der Midlife-Krise abtut.

Die Serie

„Youth“, acht Folgen bei HBO Max

Horgan ist vielmehr eine Meisterin der Balance. Sie maßt sich nicht an, Alex als Platzhalterin für alle Mitfünfzigerinnen zu positionieren – und macht diese Protagonistin doch gerade in ihrer Individualität und präzisen Zeichnung zugänglich. Sie nimmt die Erfahrungen des Älterwerdens ernst und kein Blatt vor den Mund, ob es um Harnwegsinfektionen geht oder die Sorge, das graumelierte Blind Date könne allzu tief hängende Hoden haben. Alberne oder derbe Menopausen-Gags sucht man vergeblich. Selbst der Titel „Youth“ lebt von Vieldeutigkeit: Dass Alex einerseits schwer zu knabbern hat am Verlust der Unbeschwertheit jüngerer Jahre und andererseits eigentlich heilfroh ist, längst in vermeintlich ruhigeren Gewässern angekommen zu sein, macht ihre Geschichte besonders vielschichtig.

Auch Alex’ Umfeld ist überzeugend austariert; vom Hin und Her mit Ex Patrick bis zur mehrfach auf den Prüfstand gestellten Freundschaft mit Sam ist jede Beziehung glaubwürdig. Besonders raumgreifend, aber auch reizvoll ist die zum Teenage-Spross. Nicht nur, weil derart zwiespältige Mutter-Kind-Dynamiken nicht oft gezeigt werden. Sondern auch, weil „Youth“ anhand von Ruari auch von der Herausforderung erzählt, heutzutage jung und männlich zu sein. Der Fokus der Serie bleibt aber stets unerschütterlich auf Alex gerichtet. Ein Segen! Denn eine so bemerkenswert dreidimensionale, wahrhaftige Protagonistin, die längst sie selbst ist und im ständigen Wechsel von Selbstermächtigung und Selbstsabotage doch noch immer mehr bei sich selbst ankommt, ist auf dem Bildschirm viel zu selten.

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