Linkspartei und Antisemitismus: Das Ass im Ärmel
Ein guter Jude ist einer, der alles so sieht wie ein guter deutscher Linker. Das ist leichter als in der eigenen Partei antifaschistisch zu handeln.
Foto: Volker Hohlfeld/imago
W ar es eigentlich Zufall, dass die Debatte darüber, ob Antisemitismus in der Berliner Linken nun ein ernstes Problem oder doch eher ein kleiner Betriebsunfall irgendwo im Berliner Bezirk Neukölln sei, ausgerechnet an Jom Kippur an Fahrt aufnahm, dem höchsten jüdischen Feiertag? Es war ja Abgeordnetenhauswahl in Berlin, und viele Juden saßen zu diesem Zeitpunkt entweder in der Synagoge oder zusammen mit Familie und Freunden, das Handy jedenfalls weit weg.
Ein alberner Scherz, den mir mein etwas fiebriges Gehirn zusammenfantasierte, als ich hustend auf der Couch lag, das Handy natürlich nicht weit weg, und diesen Irrsinn verfolgte. Der Kern aber stimmt: Antisemitismus braucht die Juden nicht. Also auch die Debatte darüber nicht.
Das erleben wir gerade wieder. Dabei könnte die Linke diese Debatte ziemlich schnell beenden, vielleicht davon profitieren, indem sie Taten folgen lassen würde. Zeit und Anlässe zu reagieren hatte sie genug. Das wäre doch mal eine starke Ansage Richtung Friedrich Merz, der das Versagen der Linken auf ebenso peinliche Art und Weise auszunutzen versucht.
Die Linke versteht sich ausdrücklich als antifaschistische Partei, als eine, die gegen jede Form der Menschenfeindlichkeit kämpft. Dazu gehört der Kampf gegen Antisemitismus. Wer sich daran messen lassen will, muss sich nicht nur erklären, sondern Konsequenzen ziehen, wenn Antisemitismus im eigenen Laden auftritt. Wie soll eine Partei, die ihre Leute nicht im Griff hat, die sich von einem Bezirksverband vorführen lässt, denn sonst regieren?
So schließt sich der Kreis
Es gibt kaum eine Partei, die den Kampf gegen Antisemitismus und Juden als solche nicht schon einmal für politische Zwecke instrumentalisiert hat. Der Fingerzeig auf andere, sich als Opfer einer Medienkampagne darzustellen, ist aber kein Krisenmanagement. Es hinterlässt den Eindruck: Uns ist das Thema egal. Antisemiten sind immer die anderen.
Nach den Reaktionen vieler Linker auf den 7. Oktober, das Hamas-Massaker in Israel, war ich abgeklärt. Und doch lässt mich diesmal nicht los, wie leichtfertig jetzt nach der Wahl antisemitische Ausfälle innerhalb der Berliner Linke-Partei zu einem unwichtigen Nebenwiderspruch erklärt werden. Wie reflexhaft abgewehrt wird, statt Antisemitismus und den Umgang damit als etwas zu betrachten, das mit dem eigenen linken Selbstverständnis nicht zusammengeht.
Es wäre ein Leichtes, die Betroffenheitskarte zu spielen: von eigenen Erlebnissen zu berichten oder zu erklären, dass die meisten der in Deutschland lebenden Juden Antizionismus und Antisemitismus von links nicht aus Artikeln kennen. Die älteren Generationen haben darunter in ihren Herkunftsländern gelitten. Geschichten, mit denen die Jüngeren aufgewachsen sind – und die sich für sie später an den Universitäten oder in politischen Gruppen wiederholt haben. So schließt sich der Kreis.
Aber sobald ich diese Karte gespielt hätte, würde ein guter deutscher Linker womöglich sagen: Ja, aus deiner Perspektive ist das natürlich verständlich. Als Jüdin, ja klar. Als ginge es nur um Befindlichkeiten.
Und vielleicht würde der gute deutsche Linke dann sein Ass im Ärmel ausspielen: einen Juden präsentieren, der das ganz anders sieht als ich, nämlich so wie er selbst, wie der gute deutsche Linke.
Einmal mehr zeigt sich: Juden werden in diesem Land wie Pappaufsteller behandelt. Sie werden hin und her geschoben, wie es gerade passt. Ob sie dabei eine Delle erleiden? Sei’s drum.
Wer als Jude durch diese Zeiten kommen will, muss ein großes Stück Verdrängung an den Tag legen. Oder Humor. Der Musiker Igor Levit postet jeden Morgen eine jüdische Anekdote auf Instagram. Meine liebste erzähle ich Ihnen vielleicht beim nächsten Mal.
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