Gedenken am 7. Oktober: Ein ganz normaler Tag der Schatten
Was darf, was kann der 7. Oktober sein? Wie lässt er sich angemessen begehen? Unsere Autorin testet den Tag des Pogroms auf mögliche Verhaltensweisen.
Foto: Chris Emil Janßen/imago
A m 7. Oktober dieser Woche saß ich in einem Behandlungszimmer, mir gegenüber mein Arzt, der nach einer Weile fragte: „Ihr Name, ist der eigentlich jüdisch?“
Früher wäre ich deswegen furchtbar sauer gewesen. Was für eine Grenzüberschreitung! Unprofessionell!
Jetzt kam mir die paranoide Lesart in den Sinn, dass das kein Zufall sein konnte, ausgerechnet am Jahrestag des Hamas-Massakers in Israel. Aber dann fiel mir ein, dass ich schon viel schlimmere Dinge in Praxen erlebt hatte. Mein Gynäkologe, der mich „kleene Frau“ nannte. Seine Kollegin, die mir vorgeschlagen hatte, gegen meine chronischen Schmerzen doch einfach schwanger zu werden.
Die Frage nach meinem jüdischen Nachnamen am 7. Oktober war also eine ganz gewöhnliche Situation, entschied ich. Und das beruhigte mich. Ich verschränkte also die Hände, lächelte den Arzt an und antwortete: „Dasselbe habe ich mich bei Ihrem Namen auch schon gefragt.“
Nun zu den Suggestivfragen
Irritiert wandte er den Blick ab, starrte nur auf den Computerbildschirm vor sich, wie er es die meiste Zeit tat, wenn ich bei ihm war. Er starrte und tippte immer, und er stellte mir Suggestivfragen: „Die Schmerzen sind jetzt aber viel weniger, oder?“ und „Es ist ja jetzt besser als früher, stimmt’s?“ – was mich wahnsinnig macht, ich bin ja Journalistin.
Später lief ich durch den Osten von Berlin. Ging in meinen Lieblingsbuchladen und kaufte vier Bücher. Ich spazierte durch einen Park, aß Kaiserschmarrn, er war mittelmäßig, die Kellnerin unverschämt berlinerisch. Also alles ganz normal.
Was darf dieser 7. Oktober für mich sein?, hatte ich mich zuvor gefragt. Und wie verbringt man ihn richtig oder angemessen?
Ich wünschte mir einen bedeutungslosen Tag und versuchte zu verstehen, weshalb. Ich dachte: Das Erschütternde an Katastrophen ist auch, dass sie einem unbedeutenden, alltäglichen Tag plötzlich Bedeutung verleihen.
Ich meine nicht das sehr menschliche Bedürfnis, dem eigenen Leben Bedeutung zu geben. Das Leben der meisten Menschen ist im besten Sinne historisch unbedeutsam und gerade deshalb wunderschön, denn es verlangt nichts. Eine Katastrophe aber, wie der 7. Oktober eine war, verlangt fortan von den Betroffenen, sich zu verhalten. Sie erlaubt keine Gleichgültigkeit mehr; sie verändert die Bedingungen, unter denen man lebt, das Vertrauen in die Welt, das eigene Sicherheitsgefühl. Sie macht einen Tag zur Zäsur. Sie nimmt dem Leben seine Leichtigkeit, einem Tag seine Unschuld.
Ich sah mich nicht auf dem Bebelplatz in Berlin, wo ein offizielles Gedenken stattfand, mit Politikerreden, die sich alle vorhersagen lassen. Dabei lehne ich öffentliches Gedenken nicht ab. Es ist wichtig. Ja, ich fordere es sogar ein. Aber für mich persönlich? Ich fühlte mich davon nicht abgeholt.
Die letzten Jahrestage habe ich zusammen mit Freunden, Vertrauten verbracht. Wir haben der noch verschleppten Geiseln gedacht, haben Namen verlesen, wir waren einfach zusammen, um nicht allein zu sein. Doch an diesem Jahrestag waren zum ersten Mal alle Geiseln frei. Endlich.
Hier in Deutschland, wo man mit diesem erlebten Bruch sehr isoliert ist, sind der 6. Oktober und auch der 8. Oktober so voll von Veränderung, in jedem Bereich des Lebens hat sich etwas verschoben wie auch in mir selbst. Konnte ich also einen Tag verbringen, der so ohne Sinn und Ziel war, wie auch der 7. Oktober 2023, ein Samstag, hätte damals verlaufen sollen?
Zu Hause erschrak ich an diesem Abend nicht das einzige Mal vor einem Schatten im Augenwinkel, während ich auf den Wasserkocher wartete. Es war, als ließe meine Kraft, diesen Tag zu etwas zu machen, das er niemals sein würde, nach. Die dunklen Schatten kehrten zurück.
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