Bildungsautor zur neuen Pisa-Studie: „Die Reformen kamen zu spät“
Lesen, Schreiben, Rechnen – deutsche Schulkinder schneiden im Vergleich schlechter ab als vorher schon, sagt die neue Pisa-Studie. Warum ist das so?
taz: Herr Brand, die Ergebnisse der neuen Pisa-Studie sind wieder einmal wenig erfreulich: Die Leistungen deutscher Schüler:innen haben sich weiter verschlechtert, die Chancenungleichheit hingegen ist nach wie vor extrem hoch. Wie erklären Sie sich, dass Deutschland einfach keine Trendwende gelingt?
Alexander Brand: Einen Teil der Ergebnisse kann man sicher noch mit der Coronapandemie und den langen Schulschließungen hierzulande erklären. Die Lücken, die damals entstanden sind, konnten offenbar nicht mehr wirklich geschlossen werden. Zum anderen glaube ich, dass die Schulen zu lange die basalen Kompetenzen – Lesen, Schreiben, Rechnen – vernachlässigt haben. Es ist gut, dass es hier in den vergangenen Jahren zu einem Umdenken kam. Für die jetzige Pisa-Studie kamen die Reformen aber zu spät.
taz: Die Länder haben mehr Zeit für Lesen und Rechnen an den Grundschulen angeordnet und bauen eine verbindlichere frühkindliche Sprachförderung auf. Zudem investieren Bund und Länder über das „Startchancen-Programm“ massiv in sozial benachteiligte Schüler:innen. Wann, denken Sie, könnte sich das in besseren Pisa-Ergebnissen niederschlagen?
Brand: Es wird noch ein paar Jahre dauern, bis es messbare Erfolge gibt. Ich bin aber überzeugt, dass die Maßnahmen sinnvoll sind und auch einen Impact haben werden. Was mir jedoch Sorgen macht, ist der zunehmende Einfluss von Social Media. Wir wissen aus der Forschung, dass bei einer frühen und unkontrollierten Social-Media-Nutzung nicht nur die psychische Gesundheit leidet, sondern auch die Schulleistung. Dass sich die Pisa-Ergebnisse in so vielen Ländern jetzt gerade so verschlechtert haben, hat vermutlich bereits damit zu tun.
31 Jahre, ist Lehrer an einer Hamburger Stadtteilschule und arbeitet auch als Redakteur für das „Deutsche Schulportal“ der Robert Bosch Stiftung. Für sein Buch „Die Bildungsweltmeister“ hat Brand sechs Monate lang an rund 30 Schulen in Finnland, Estland, Japan und Singapur hospitiert.
taz: Sie sind also wie Bundesbildungsministerin Prien (CDU) für eine klare Altersgrenze?
Brand: Ja. Aber mir geht es nicht nur um soziale Medien. Wir sollten uns sehr kritisch mit der Digitalisierung an Schulen auseinandersetzen, wie es zuletzt in einigen skandinavischen Ländern passiert ist. In Deutschland endet die Debatte aber oft an dem Punkt, ob das Tablet oder das Heft das bessere Lernmittel ist. Wenn wir aber schon in der Grundschule Tablets verteilen, dann muss das auch sorgsam pädagogisch begleitet werden, und alle Lehrkräfte müssen dafür vorbereitet sein. Ein gutes Vorbild könnte hier Estland sein. Dort fördern Schulen von Anfang an digitale Kompetenzen und erzielen damit gute Ergebnisse – auch bei Pisa.
taz: Zurück zu den deutschen Ergebnissen. Sie arbeiten als Mathe- und Physiklehrer an einer Hamburger Stadtteilschule. Wie gehen Sie im Unterricht damit um, dass immer weniger Schüler:innen die Mindeststandards erreichen?
Brand: Das ist ein gravierendes Problem. Ich hatte vergangenes Jahr beispielsweise eine elfte Klasse in Physik, in der eine Schülerin nicht wusste, wie viele Meter in einem Kilometer stecken. Man darf aber in so einem Fall nicht seine Erwartungen an diese Schüler:innen senken und ihnen vielleicht künftig einfachere Aufgaben geben. Das halte ich für einen Fehler: Wer diese Jugendlichen aufgibt und ihnen vielleicht auch noch dieses Gefühl gibt, zementiert die soziale Ungleichheit. Ich versuche, solche Schüler:innen genauso zu fordern wie diejenigen, die weiter sind.
taz: Binnendifferenzierung verstärkt die soziale Ungleichheit?
Brand: Das Problem ist die in Deutschland sehr über Defizite geprägte Wahrnehmung von Lernen. Wer in Deutschland eine sonderpädagogische Förderung erhält, muss in der Regel eine diagnostizierte Lernschwierigkeit oder Behinderung vorweisen. Damit ist diese Förderung erstens stark stigmatisiert. Zweitens schließt die Förderung auch einen Großteil der Schüler:innen aus. In anderen Ländern funktioniert das ganz anders. Da werden alle Kinder, die Bedarf haben, frühzeitig und flexibel gefördert. Finnland macht das beispielsweise vorbildlich.
taz: Sie haben dieses Land für Ihr Buch „Die Bildungsweltmeister“ bereist, ebenso Estland, Japan und Singapur. Also Länder, die bei Pisa in der Regel weit vorne landen. Was machen die Schulen dort besser?
Brand: Da gibt es einiges. Das finnische Fördermodell hat mich auf jeden Fall überzeugt. Es gibt dort verschiedene Förderstufen, die aufeinander aufbauen. Bis zu 30 Prozent der finnischen Schüler:innen bis zur neunten Klasse erhalten jedes Jahr so eine Förderung, die über den Klassenunterricht hinausgeht – und zwar nicht von Fachlehrer:innen, sondern von Sonderpädagog:innen. So ein Fördermodell klingt erst mal sehr ressourcenintensiv. Wenn man aber bereits mit der Einschulung beginnt, entstehen viele Lücken erst gar nicht. Und oft läuft die Förderung nur für eine begrenzte Zeit. Das deutsche Schulsystem könnte damit einen großen Sprung nach vorne machen.
taz: Wie noch?
Brand: Durch mehr Teamarbeit der Lehrkräfte. In allen vier Ländern ist mir aufgefallen, dass das gemeinsame Unterrichten und Reflektieren dort fester Bestandteil im Schulalltag ist. In Singapur beispielsweise arbeiten Lehrkräfte in professionellen Lerngemeinschaften, bereiten gemeinsam Projekte vor und tauschen sich über kollegiale Hospitationen aus. Das geht natürlich nur, wenn die Freiräume dafür da sind. In Japan und Singapur müssen die Lehrkräfte deutlich weniger unterrichten als in Deutschland. Neben mehr Teamarbeit hat in diesen Ländern auch eine stetige Weiterbildung der Lehrkräfte – in der Arbeitszeit – Priorität. Auch das würde der Unterrichtsqualität hierzulande guttun.
taz: Hierzulande verbieten Schulen mitunter eine Fortbildung, weil sonst zu viel Unterricht ausfällt. Wie realistisch ist es, dass Lehrkräfte hier weniger arbeiten?
Brand: Aktuell ist das aufgrund des Personalmangels natürlich schwierig. Aber in ein paar Jahren wird durch den drastischen Geburtenrückgang die Zahl der Schüler:innen deutlich sinken. Und dann wäre es klug, die frei werdenden Ressourcen zu nutzen. Zum Beispiel für ein geringeres Unterrichtsdeputat oder für mehr Förderangebote.
taz: Welche Rolle spielt bei den Pisa-Gewinnern eigentlich das längere gemeinsame Lernen ? Bildungsforscher:innen kritisieren ja schon lange, dass Schüler:innen hierzulande sehr früh auf verschiedene Schulformen aufgeteilt werden.
Brand: In Japan, Finnland und Estland bleiben die Jugendlichen bis zum etwa 15. Lebensjahr in einem gemeinsamen System, eine Aufteilung nach Leistungsniveaus wird bewusst hinausgezögert. Und selbst Singapur, das bekannt ist für sein elitäres Schulsystem, verabschiedet sich schrittweise von früher Selektion. Die Länder unterstreichen damit, was die internationale Forschung schon länger zeigt: In Ländern ohne frühe Aufteilung werden die Unterschiede zwischen starken und schwachen Schüler:innen im Laufe der Schulzeit tendenziell kleiner – in Deutschland geht die Leistungsschere hingegen stark auseinander.
taz: Ein Argument gegen ein längeres gemeinsames Lernen ist die Angst vor einem generellen Leistungsabfall.
Brand: Das ist eigentlich durch internationale Studien widerlegt. Eine spätere schulische Aufteilung schadet keiner Leistungsgruppe, nicht einmal den leistungsstärksten fünf Prozent. Man kann das aber anderes formulieren, und zwar: Eine frühe Selektion hat keinen Einfluss auf das allgemeine Leistungsniveau, also auch keinen negativen. Es ist aber ungerechter.
taz: Sie schreiben in Ihrem Buch, wie schwer es ist, den Bildungserfolg eines Landes auf einzelne Maßnahmen zurückzuführen. Dennoch: Wo sollte die Bildungspolitik in Deutschland jetzt ansetzen?
Brand: Eine Empfehlung wäre ein wesentlich ernsthafterer Umgang mit Lernunterstützung. In Deutschland sollen das Lehrkräfte oft im Regelunterricht miterledigen. Die von mir besuchten Länder stellen gezielt Ressourcen dafür bereit, dass Schüler:innen in Kleingruppen oder zeitweilig im Eins-zu-eins gefördert werden, und zwar parallel zu oder nach dem regulären Unterricht. Eine weitere Empfehlung wäre, bei aller Kompetenzorientierung hierzulande nicht das Fachwissen aus dem Blick zu verlieren. Erst wenn ein Wissensfundament da ist, machen projekt- oder problemorientierte Aufgaben Sinn. Da finden Länder wie Japan oder Singapur einen guten Mittelweg.
taz: Gibt es auch etwas, was Deutschland besser als andere macht?
Brand: Auf jeden Fall. In Japan beispielsweise beginnt spätestens mit der Oberstufe ein irrer Leistungsdruck. Um sich bei den Aufnahmeprüfungen an einer der wenigen guten Universitäten durchzusetzen, nehmen quasi alle private Nachhilfe. Das ist in Deutschland wesentlich besser geregelt. Und alle Länder, die ich für meine Buchrecherche besucht habe, beneiden uns um unser duales Ausbildungssystem.
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