piwik no script img

Die Collection de l’Art Brut zeigt Kunst, die außerhalb des Kunstmarktes entstand. Jetzt feiert sie ihr 50-jähriges Bestehen. Direktorin Sarah Lombardi führt durch die Sammlung

Interview Rahel Bueb

taz: Woran erkennt man Art brut, vor allem dann, wenn man nichts über die Biografie der Künstler:in weiß?

Sarah Lombardi: Der Begriff Art brut bezeichnet vor allem Werke von Künstler:innen, die autodidaktisch arbeiten und keine Kunstausbildung durchlaufen haben. Um ein Werk entsprechend einzuordnen, braucht es deshalb Informationen zum Entstehungskontext und zur Biografie der Person. Ohne diese Angaben lässt sich die Zuordnung nicht eindeutig treffen.

taz: Wie viel muss ich von der Biografie wissen?

Lombardi: Ich muss keineswegs alle biografischen Einzelheiten der Künstler:innen kennen, etwa ob sie psychiatrisch hospitalisiert waren oder an einer Krankheit litten. Entscheidend sind die Qualität und Eigenständigkeit der Arbeit: Ist sie erfinderisch? Entwickelt sie eine interessante künstlerische Sprache? Diese Einschätzung ist zwangsläufig subjektiver geprägt.

taz: Sind nicht auch autodidaktische Künstler:innen Einflüssen, etwa durch die Schule oder Medien ausgesetzt?

Lombardi: Viele von ihnen entwickelten sehr eigenständige künstlerische Universen und wurden oft nicht oder nur kurz beschult. Ihre Anregungen stammen meist aus persönlichen und popkulturellen Quellen, beispielsweise aus illustrierten Zeitungen oder gefundenen Bildern, und weniger aus der etablierten Kunstgeschichte. Bei Aloïse Corbaz aus Lausanne lässt sich dieser Prozess besonders gut beobachten. In frühen Arbeiten schnitt sie Bilder aus Zeitschriften aus und kolorierte sie. Später begann sie, diese Materialien neu zu bearbeiten und in ihre größeren Werke zu integrieren.

taz: Aloïse Corbaz träumte davon, Opernsängerin zu werden. In einer psychiatrischen Anstalt erschuf sie mehr als 2.000 Zeichnungen. Was macht Corbaz’ Werk für Sie so besonders?

Lombardi: Sie ist eine der bedeutendsten Künstlerinnen der Art brut. Sie hinterließ ein äußerst umfangreiches Werk, sowohl quantitativ als auch in ästhetischer Hinsicht. Ihre Produktion ist faszinierend und sehr kraftvoll.

taz: Es scheint mehr Werke von Männern als von Frauen zu geben. Wurden Werke von Männern bevorzugt gesammelt, auch in der Collection de l’Art Brut?

Lombardi: Die Verteilung in unserer Sammlung entspricht grundsätzlich den allgemeinen Proportionen. Auch bei uns gibt es mehr Werke von Männern als von Frauen. Vergleicht man die Situation jedoch mit der zeitgenössischen Kunst, ist der Frauenanteil in der Art brut höher

taz: Wie trafen Sie die Werkauswahl für die Jubiläumsausstellung?

Lombardi: Ich wollte die Entwicklung des Begriffs Art brut von den Ursprüngen der Sammlung bis in die Gegenwart nachvollziehbar machen. Im Fokus stehen Künstler:innen, die aus der Schweiz kommen oder hier ­gearbeitet haben. Die Ausstellung präsentiert zahlreiche Werke, die unter der Auswahl des französischen Künstlers Jean Dubuffet in die Sammlung aufgenommen wurden. Dubuffet besuchte 1945 schweizerische psychiatrische Kliniken, entdeckte dabei zahlreiche Werke und schenkte diese 1971 der Stadt Lausanne. Die Ausstellung ist teilweise ­chronologisch gegliedert. In einem der Räume sind Künstler:innen vertreten, deren Werke zwischen 1976 und 2011 aufgenommen wurden; dann folgen Arbeiten, die später hinzukamen. Ein Beispiel ist ein Künstler italienischer Herkunft, ­Joseph Giavarini, der während einer Haftzeit in Basel kleine Figuren aus Brotkrumen, Ton und Gips schuf.

Sarah Lombardi

ist Kunst­historikerin und seit 2013 Direktorin der Collection de l’Art Brut in Lausanne (CH). In dieser Rolle rief sie auch die Art-Brut-Biennalen ins Leben. Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des Museums kuratierte sie die Ausstellung „Art Brut in Switzerland – From the Origins of the Collection to the Present“.

taz: Früher wurden viele Art-brut-Künstler:innen als Patient:innen in psychiatrischen Kliniken entdeckt. Gilt das auch für die Collection in Lausanne?

Lombardi: Als Jean Dubuffet ab 1945 seine Recherche begann, stammten die von ihm zusammengetragenen Werke fast ausschließlich aus psychiatrischen Kliniken. Sie bilden den historischen Kern der Sammlung. Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre veränderte sich die Situation: Neue Medikamente wie Neuroleptika lindern zwar Wahnvorstellungen, Halluzinationen und psychisches Leiden, beeinträchtigen jedoch teilweise auch die Kreativität. Zugleich führte die Schließung psychiatrischer Kliniken dazu, dass Menschen nicht mehr über Jahrzehnte in abgeschlossenen Institutionen lebten. In den Kliniken wurden daher ab Ende der 1960er Jahre immer weniger Werke der Art brut entdeckt. Und die Kunsttherapie gewann an Bedeutung. Art brut unterscheidet sich davon, weil sie individuell und spontan, ohne therapeutische Anleitung oder Zielsetzung entsteht. Die Suche nach Art brut verlagerte sich ab den 1970er Jahren daher zunehmend in andere gesellschaftliche Randbereiche. So begann etwa der hier ausgestellte autodidaktische Gärtner Hans Krüsi aus Appenzell, zunächst für sich selbst zu gestalten.

taz: Stellen Sie auch lebende Schweizer Künstlerinnen und Künstler aus?

Lombardi: Diego de Mauri zum Beispiel. Seine Werke wurden zuvor nie ausgestellt oder öffentlich präsentiert.

taz: De Mauri erlitt wenige Tage nach seiner Geburt einen Herzinfarkt und begann erst mit vier Jahren zu sprechen. Heute zeichnet er vor allem Chalets mit farbigen Filzstiften. Wie wurden Sie auf ihn aufmerksam?

Lombardi: Wir sind durch seinen Nachbarn auf ihn gestoßen. Die Arbeit von Diego ist aufgrund ihrer obsessiven Dimension bemerkenswert – er stellt ausschließlich Gebäude im Bau dar – ebenso wie durch die plastische Organisation seiner Kompositionen: Er arbeitet nur mit einem Lineal und fertigt zunächst kleine, allesamt geometrische Module mit Bleistift an, die zusammen seine Motive bilden. Anschließend koloriert er jedes einzelne Modul. Sehr langwierig und minutiös.

taz: Weckt Art brut nicht auch eine Form des Voyeurismus, da man darin die ästhetische Welt marginalisierter Menschen entdeckt?

Lombardi: Ich denke nicht, dass man von Voyeurismus sprechen kann, denn wir präsentieren Werke der Art brut stets mit dem ­Einverständnis der Künstler:innen, sofern sie noch leben, bzw. ihrer gesetzlichen Vertreter oder ­Familienangehörigen, wenn diese sich um die Werke kümmern. Andererseits sollte man bei bereits verstorbenen Künstlern durchaus daran erinnern, dass ihre Werke nicht mit dem Gedanken geschaffen wurden, einem Publikum gezeigt zu werden, und dass dies Fragen aufwerfen kann.

„50 Years. Art Brut in Switzerland – From the Origins of the Collection to the Present“. Collection de l‘Art Brut, Lausanne (Schweiz), bis 27. September. Katalog (5 Continents Editions): 48 CHF

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen