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Aktivistin über IT-Souveränität„Abhängigkeit von den Tech-Konzernen ist keine Notwendigkeit“

Katharina Tiemann findet die großen Tech-Konzerne entbehrlich. Mit dem Verein Local-IT engagiert sie sich für die Unabhängigkeit der digitalen Welt.

Friederike Grabitz

Interview von

Friederike Grabitz

taz: Kathe Tiemann, wie kommen Sie als Kulturwissenschaftlerin zum Thema unabhängige Software?

Kathe Tiemann: Ich habe mich im Studium aus feministischer und emanzipatorischer Perspektive mit Technik beschäftigt. Dabei habe ich gemerkt, dass unabhängige IT Demokratieförderung ist.

taz: Heißt das, die Software der großen Tech-Konzerne ist undemokratisch?

Tiemann: Sie gehört zu Systemen, auf die ich keinerlei Einfluss habe. Wenn ich etwa über Amazon etwas bestelle, unterstütze ich ein solches System. Viele sind eng verbandelt mit der Politik der USA. Plattformen wie Youtube stützen über ihre Algorithmen besonders antidemokratische Tendenzen. Wenn ich freie Software benutze, mache ich mich davon unabhängig.

Im Interview: Katharina Kathe Tiemann

30, ist Kulturwissenschaftlerin und Theatermacherin. Für den Verein „Local-IT“ macht sie Bildungs- und Pressearbeit und setzt sich für barrierefreie Bildung und die Stärkung von OpenSource-Software ein.

taz: Einige zunächst kostenlose Apps gelten als Datenkraken. Manche Nutzer sagen dann: Wenn ich nichts falsch mache, habe ich ja nichts zu verbergen. Was entgegnen Sie denen?

Tiemann: Nehmen wir das Beispiel Whatsapp. Der Messenger sammelt auch Daten von Menschen, die dem nicht zugestimmt haben, weil sie den Dienst gar nicht nutzen. Er greift auf die Adressbücher von Usern zu. Welche digitalen Spuren ich hinterlasse, kann auch dann meinen Alltag beeinflussen, wenn ich nichts Verbotenes mache. Was erlaubt oder verboten ist, kann sich auch schnell ändern. In einigen Bundesländern könnte bald die AfD in die Regierung kommen. Sie wird Gesetze erlassen und Richter austauschen.

taz: Schleswig-Holstein hat seine Landesverwaltung auf Open Source umgestellt.

Tiemann: Was die Verwaltung macht, ist sehr wichtig. Andere Länder, Bund, EU sollten mitziehen. Leider nutzen in vielen Bundesländern die Schulen immer noch Microsoft.

Jeden Morgen entscheiden wir gemeinsam: Was wollen die Teilnehmenden lernen, was können sie eventuell auch den anderen beibringen?

taz: Sie arbeiten für den Verein Local-IT, der sich dafür einsetzt, unabhängige, nichtkommerzielle und datensparsame Software bekannter zu machen. Wächst das Interesse an alternativer Software?

Tiemann: Ja, besonders nach Datenskandalen. Immer mehr Leute sehen, dass die Abhängigkeit von den Konzernen keine Notwendigkeit ist. Nicht jede Software, um die es in unseren Seminaren geht, ist neu, aber viele sind noch nicht bekannt. Im Juni hatten wir zum ersten Mal ein Flinta-Barcamp in Ostdeutschland, wo wir diese Inhalte speziell Frauen und queeren Personen angeboten haben. Das kam sehr gut an.

taz: Gerade bereitet der Verein ein Barcamp bei Ratzeburg vor. Dort können Interessierte drei Tage lang Wissen über unabhängige Software austauschen. Wer kommt dorthin?

Tiemann: Die Teilnehmenden sind sehr verschieden. Wir haben Interessierte, die jedes Jahr dabei sind, ältere Menschen, die nicht mit IT aufgewachsen sind, und Gäste aus Hofgemeinschaften, die in ihrem Projekt die Software neu aufstellen wollen. Das Barcamp findet auch in einer Gemeinschaft statt, dem Wandelgut Mechow. Außerdem kommen Leute aus der Gegend, einige auch nur für einen Tag. Es ist ein offenes Konzept.

Das Barcamp

do.IT local ist ein offenes und kostengünstiges Format über unabhängige Software und ihre Nutzung. Es findet vom 3. bis 6. September auf dem Hofprojekt „WandelGut“ in Mechow bei Ratzeburg (Schleswig-Holstein) statt. Teilnehmende können auf dem Gelände campen, Anmeldung unter https://local-it.org/barcamp2026

taz: Wie läuft das Barcamp ab?

Tiemann: Jeden Morgen entscheiden wir gemeinsam: Was wollen die Teilnehmenden lernen, was können sie eventuell auch den anderen beibringen? Als Grundgerüst gibt es ein Wiki, in dem die Protokolle der letzten Jahre stehen. Wer keine konkreten Fragen hat, kann sich einfach inspirieren lassen – auch an den Abenden, in den Pausen oder beim gemeinsamen Kochen.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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