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Bezahlkarte für Geflüchtete in BerlinKein Fahrschein, kein Anwalt, kein Döner



Als letztes Bundesland hat nun auch Berlin die Bezahlkarte eingeführt. Bei einer Tauschbörse berichten Betroffene von einer Maßnahme, die sie ausgrenzt. 



Am Ende des Nachmittags bildet sich auf dem Gelände des kulturellen Zentrums in Friedrichshain eine Schlange von fünfzehn Personen vor einem Holztisch – der genaue Ort soll aus Angst vor rassistischer Gegenwehr nicht genannt werden. Auf einem weißen Schild, das an dem Tisch hängt, steht „Vouchers exchange“. „Hier ist die Bezahlkartenzentrale“, scherzt Jacques aus der Warteschlange.

Jede Woche treffen sich auf diesem Gelände sowie an zwei weiteren Tauschorten in Berlin Freiwillige der Initiative Nein zur Bezahlkarte und Asylsuchende zum Gutscheintausch. Neben Jacques steht Caroline* mit Supermarktgutscheinen in der Hand. Einmal im Monat kommt sie hierher, um die mit ihrer Bezahlkarte gekauften Gutscheine gegen Bargeld einzutauschen. „Mit dieser Kreditkarte kann ich sonst nicht genug Geld für den Monat abheben“, erklärt sie.



Mitte August hat Berlin als letztes Bundesland die Bezahlkarte eingeführt. Drei Jahre zuvor hatten sich die Bundesländer darauf geeinigt, Asylbewerbenden ihre Sozialleistungen künftig monatlich über eine Prepaidkarte statt in bar auszuzahlen. Anders als in anderen Bundesländern sollen in Berlin aber nur Neuangekommene in den ersten sechs Monaten die Karte nutzen müssen. In diesem Zeitraum können die Betroffenen monatlich bloß 50 Euro abheben. Überweisungen sind auf eine bestimmte Liste autorisierter Empfänger beschränkt. Onlineeinkäufe sollen hingegen möglich sein.

In Berlin könnten davon etwa 1.000 Menschen pro Monat betroffen sein, so die Schätzung. 

„Die Bezahlkarte ist einfach nur schlecht“, sagt Jacques. Vor fünf Jahren kam er aus Yaoundé in Kamerun nach Deutschland. Seit drei Jahren wohnt er in Brandenburg, wo die Karte bereits im vorigen Jahr eingeführt wurde – sodass er schon einige Erfahrungen damit hat. „Man kann damit nichts machen: keine Überweisung an einen Anwalt, kein Zugticket bezahlen, nicht auf den Markt oder zum Döner gehen – die nehmen nur Bargeld“, erklärt er.

Zu wenig Bargeld


Mittlerweile hat Jacques keine Bezahlkarte mehr, sondern ein Bankkonto und einen Teilzeitjob. Die Gutscheine, die er heute tauschen möchte, sind für seinen Cousin, der weiter entfernt in Brandenburg lebt. „Weil es so schwer ist, helfe ich aus, so gut ich kann. Und ich erzähle allen, die ich kenne, von diesem Gutscheintauschsystem“, sagt Jacques.



„Es ist Monatsende, wir haben mehr Bargeld zu tauschen als sonst“, sagt Devin, der an diesem Tag an der Kasse sitzt, als Jacques bei ihm ankommt. Auf dem Tisch am Stand der Initiative Nein zur Bezahlkarte stapeln sich bunte Hüllen – eine für jeden Supermarkt, bei dem die Gutscheine gekauft wurden. Das Bargeld aus der „Kasse“ – einer kleinen weißen Metallbox auf dem Tisch – erhält die Initiative von Menschen, die ihre Einkäufe mit den von den Betroffenen mitgebrachten Gutscheinen bezahlen. „Zu Monatsbeginn haben wir manchmal schon nach einer Stunde kein Geld mehr zum Tauschen“, berichtet Devin. Oft sei der Bedarf an Gutscheintausch größer als die Menge an Bargeld, das solidarische Menschen zur Verfügung stellen.

„Wenn kei­n*e Freun­d*in für mich Geld abheben kann und ich meine Gutscheine nicht tauschen kann, muss ich den Rest des Monats ohne Bargeld auskommen“, erzählt Lily*. Seit dem Ende ihrer Ausbildung im Februar 2026 ist sie auf die Bezahlkarte angewiesen. Die junge Frau ist schwanger und muss manchmal dreimal im Monat von Hennigsdorf nach Berlin fahren, um ihre Gutscheine gegen Bargeld einzutauschen.

Natürlich fühlt man sich durch diese Bezahlkarte ausgegrenzt und schutzlos

Lily, Geflüchtete

Sie beschreibt die Situation als „belastend“ und „ermüdend“, insbesondere bei der Suche nach Babyartikeln, da sie mit ihrer Brandenburger Bezahlkarte keinen Zugang zu Onlineshops und Secondhandangeboten hat. „Natürlich fühlt man sich durch diese Bezahlkarte ausgegrenzt und schutzlos“, sagt Lily. „Es gibt schon so viele Regeln Asylsuchenden gegenüber … man fühlt sich überhaupt nicht berücksichtigt“, fügt sie hinzu. 



Kein Beweis für eine Verwaltungsentlastung


Offiziell wurde die Bezahlkarte eingeführt, um unter anderem Geldüberweisungen ins Ausland zu begrenzen, Anreize für Migration zu reduzieren und die Verwaltung zu entlasten. „Es gibt keine wissenschaftliche Forschung, die belegt, dass die Form oder die Höhe der Leistungen einen Einfluss auf Migration hat“, sagt Alexandra Keiner, Soziologin am Weizenbaum-Institut. In Bezug auf Geldüberweisungen ins Ausland sieht sie „ein populistisches Ziel“. Laut einer DIW-Studie aus dem Jahr 2024 überweisen nur sieben Prozent der Geflüchteten Geld ins Ausland. 


Alexandra Keiner plädiert stattdessen dafür, die Sozialleistungen an Asylsuchende auf ein Bankkonto zu überweisen, wie es während der Coronazeit ermöglicht worden war. „Ein Konto zu haben und Geld darauf überwiesen zu bekommen, würde die Verwaltung entlasten und finanzielle Selbstbestimmung ermöglichen“, sagt Keiner.



Lily sagt, sie wünsche sich nur ein normales Leben in Deutschland. Von Sozialhilfe möchte sie nicht leben. „Ich wünsche mir, dass die Leute verstehen, dass wir arbeiten, selbstständig leben, die Sprache lernen und unsere Kinder in der Schule anmelden wollen. Aber dafür müssen wir auch Rechte haben. Und alles ist für uns schwierig oder wird uns erschwert.“



*Namen von der Redaktion geändert

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