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Keine Zulassung für AssistenzhundeBailey muss draußen bleiben

Dank ihres Hundes kann Anna ihren Alltag mit Erkrankung gut meistern. Ihr steht jedoch eine absurde bürokratische Hürde im Weg.

Aus Köln

Jule Frank

Australian Shepherds eignen sich eigentlich gar nicht so gut als Assistenzhunde, heißt es. Sie haben viel Energie, bellen häufig und sind eher misstrauisch gegenüber Fremden. Bailey hat es trotzdem geschafft. Nach zwei Jahren Training mit Knallerbsen, in Supermärkten und in Straßenbahnen kann der junge Rüde alles, was ein Assistenzhund können muss. So unterstützt er Anna in ihrem Alltag mit der chronischen Erkrankung ME/CFS.

In einem Café am Kölner Hauptbahnhof liegt Bailey gelassen zu Annas Füßen. Rollkoffer rattern an ihm vorbei, jemand bückt sich, um ihn zu streicheln. Eigentlich soll man Assistenzhunde in Ruhe lassen, erklärt Anna. Sie müssen sich auf ihre Arbeit konzentrieren können. Aber Bailey ist ohnehin gerade nicht im Dienst: Seine Kenndecke, die ihn als Assistenzhund ausweist, hat die 22-jährige Lehramtsstudentin in ihrer Tasche verstaut.

Sobald Bailey die Decke trägt, ändert sich sein Verhalten. Er beobachtet Anna genau und ist bereit zu reagieren, wenn sie Hilfe braucht. Kann sie selbst nicht aufstehen, bringt er ihr Medikamente und eine Wasserflasche. Wegen ihrer Krankheit kann Annas Körper bei längerem Stehen nicht mehr genug Blut aus den Beinen zum Gehirn pumpen und ihr Kreislauf bricht zusammen. Dann legt sich Bailey auf ihre Beine, um den Blutfluss zu unterstützen. Für ME/CFS gibt es bislang keine zugelassene Therapie, die Forschung kommt nur langsam voran. „Vor allem zu Beginn war mir die Medizin keine Hilfe, mein Hund aber schon“, sagt Anna und krault Bailey am Hals.

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Kampf um den Assistenzhund

Assistenzhund Bailey, ein brauner Australian Shepherd. Text: Kampf um den Assistenzhund

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Die beiden haben über 60 Ausbildungsstunden gemeistert und sind ein eingespieltes Team. Trotzdem gilt Bailey noch als Schüler. Seine Kenndecke ist hellblau, verziert mit Schmetterlingen und den Worten „Assistenzhund in Ausbildung“. Die offizielle neonorangene Decke, die ihm Zutritt zu Orten verschafft, an denen andere Hunde verboten sind, kriegt Bailey erst nach bestandener Prüfung. Dann dürfte er mit Anna in Arztpraxen, Supermärkte oder Restaurants. Nur findet diese Prüfung in Deutschland derzeit gar nicht statt.

Seit mehr als zwei Jahren herrscht Stillstand

Grund ist die Assistenzhunde-Verordnung des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS). Seit Juni 2024 dürfen Assistenzhunde nur noch von Prüfungsstätten geprüft werden, die vorher von einer akkreditierten Stelle zugelassen wurden. Das Problem: Eine solche Stelle gibt es gar nicht. Seit mehr als zwei Jahren steht das Prüfungssystem still. Teams wie Anna und Bailey, die längst prüfungsreif sind, warten vergeblich auf einen Termin.

Auf seiner Website schreibt das Ministerium, man arbeite „mit Hochdruck daran, die notwendigen Strukturen für die Zertifizierung der Assistenzhunde zu schaffen“. Auf die Frage der taz, warum das bis heute nicht gelungen sei, heißt es: Die Beantragung der Akkreditierung sei „eine unternehmerische Entscheidung, die das BMAS nicht steuern kann“.

Eigentlich sollte die Deutsche Gesellschaft zur Präqualifizierung im Gesundheitswesen (DGP) den Job übernehmen. Doch im April 2024 gab das Unternehmen seine Akkreditierung zurück und begründet die Entscheidung gegenüber der taz mit den „kaum umsetzbaren Anforderungen in der Verordnung“. So müssten zugelassene Prüfungsstätten laut Verordnung etwa jährlich erneut überprüft werden. Man habe das Bundesministerium frühzeitig auf Probleme in der Verordnung hingewiesen. Geändert habe sich aber nichts.

Die dementsprechend hohen Kosten für eine Lizenz könnten große Prüfungsstätten womöglich noch stemmen, kleinere dagegen nicht. Hinzu komme, dass Assistenzhunde – anders als Blindenführhunde – sozialrechtlich nicht als Hilfsmittel anerkannt sind, weshalb Krankenkassen nicht einspringen. „Die Kosten für Assistenzhunde – oft im Bereich von bis zu 30.000 Euro – müssen meist privat durch Spenden oder Stiftungen gedeckt werden“, sagt die DGP. So verfehle die Verordnung ihr eigentliches Ziel, Menschen mit Behinderungen gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.

Erstmals gibt es nun Hoffnung für Betroffene: Im Rahmen der Reform des Behindertengleichstellungsgesetzes berät die Regierung eine Übergangslösung. Laut eines ersten Gesetzentwurfs sollen Prüfungen vorübergehend wieder an Prüfungsstätten ohne Lizenz möglich sein. Bis es eine akkreditierte Stelle gibt, die diese Lizenzen austeilt. Schulen, die schon vor der neuen Verordnung geprüft haben, könnten ihre Arbeit dann wieder aufnehmen.

Jede Lösung willkommen

Die DGP sei „grundsätzlich offen“ dafür, wieder als akkreditierte Stelle zu dienen, aber nur mit einer überarbeiteten Verordnung. Eine Lizenzierung von Prüfungsstätten hält das Unternehmen generell für sinnvoll, um für einheitliche Standards zu sorgen. Klare Qualitätskriterien könnten außerdem ein erster Schritt sein, Assistenzhunde offiziell als Hilfsmittel anzuerkennen. Dieses Problem würde mit der Übergangsregelung allerdings zunächst vertagt.

Für Anna und Bailey ist jede Lösung willkommen. Ohne die neonorangene Kenndecke muss Anna Baileys Zutritt immer wieder neu verhandeln. Dann erklärt sie jedes Mal dieselbe Geschichte von der Panne in der Assistenzhunde-Verordnung, die das System seit zwei Jahren blockiert. An der Uni Köln hat das geklappt: Bailey darf sie zu den Vorlesungen begleiten. „Ein Krankenhaus hat Bailey aber bis heute nicht von innen gesehen“, sagt Anna.

Um Betroffene zu vernetzen, hat die Studentin eine Whatsapp-Community gegründet. Manche reisen mit ihren Hunden inzwischen nach Italien oder Österreich, um dort die Prüfung abzulegen. Für Anna selbst und viele andere ist das aber keine Option. Denn mit ME/CFS ist die Prüfung für Anna schon so extrem anstrengend. Sie braucht eine Lösung in Deutschland.

Bundestag vertagt Übergangslösung

Seit Monaten schreibt Anna Po­li­ti­ke­r:in­nen an, hatte sogar ein Telefonat mit dem Behindertenbeauftragten Jürgen Dusel, SPD. Politischen Willen, das Problem anzupacken, spürt sie kaum. „Wir sind eben eine sehr kleine Lobby“, meint Anna. Wenn Assistenzhunde Thema im Bundestag sind, dann bislang nur auf Initiative der AfD. Die Partei stellte eine kleine Anfrage und forderte in einem Antrag, die Assistenzhunde-Verordnung zurückzunehmen.

Dass ausgerechnet die AfD als Unterstützerin einer Minderheit auftritt, macht Anna Sorgen. „Auf mich wirkt das nicht wie ein ehrlicher Einsatz für unsere Rechte, sondern wie der Versuch, die Not einer vulnerablen Gruppe politisch zu instrumentalisieren“, sagt sie. Gleichzeitig sieht sie aber auch ein Versäumnis der demokratischen Parteien. „Wer Probleme ignoriert, darf sich nicht wundern, wenn Populisten sie für ihre eigene Agenda nutzen.“

Anna hofft nun, dass die Übergangslösung schnellstmöglich beschlossen wird. Doch Union und SPD streiten noch über Regelungen zur Barrierefreiheit. Damit verzögert sich auch die Lösung für Assistenzhundprüfungen. Inzwischen hat der Bundestag erst einmal Sommerpause.

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10 Kommentare

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  • Mich wundert das.

    Es gibt Diensthunde bei der Polizei, beim Zoll, bei den Rettungsstaffeln und bei der Bundeswehr.

    Die Tiere sind sicher alle zertifiziert und geprüft von akkreditierten Stellen und Prüfern, sonst dürften sie nicht in den Dienstgebrauch.



    Letzten Endes sind das auch Assistenzhunde, die Fähigkeiten ausgleichen, die ein/der Mensch nicht hat.



    Die Prüfer in diesen Dienststellen können ja die zivilen Assistenzhunde gegen Gebühr mitprüfen, dann wäre das Thema per Einzelfallgenehmigung oder Dauerverordnung sogar dauerhaft vom Tisch.

    Die zuständig aufsichtführende Ministerin des BMAS ist Bärbel Bas, direkt gewählte Abgeordnete des Wahlkreis Duisburg I, somit eine Ansprechmöglichkeit über ihr Wahlkreisbüro wahlweise auch über den Abgeordneten im Wahlkreis des Wohnortes von Bailey.

    Es wäre dauerhaft besser wenn Betroffene nicht auf das Gutdünken privater Zertifizierer angewiesen wären, sondern sich auf eine staatliche Zertifzierungsstelle verlassen könnten.

    Die de.wikipedia.org/w...sen_der_Bundeswehr



    bildet Therapiehunde sogar selbst aus !

    Das walte wuff !

  • Die Grundessenz ist wieder mal, dass die Politik sich nicht kümmert bzw. bestehende Systeme nicht so lange belässt, bis das Neue seine Brauchbarkeit bewiesen hat.



    Und sicher, die AFD nutzt das offensichtliche Versagen und erfüllt damit auch eine demokratische Funktion, dass kann man drehen und wenden, wie man will. Die Frage zudem, wo ist der Rest der Opposition, die Grünen, die Linken?



    Und auch das Totalitäre wird nicht nur von der AFD beflügelt, wie in einem anderen Artikel treffend beschrieben:



    "Der Autoritarismus ist längst da – auch ganz ohne AfD".

    Sei es drum, das Versagen allerorten jetzt mal aussen vor, viel Glück wünsche ich mit dieser Prüfung und gut, dass die TAZ über dieses Thema geschrieben hat.

  • Weites Spektrum:



    "Assistenzhunde: Wie und wo sie Menschen unterstützen



    Der Hund ist der beste Assistent des Menschen. Moment mal! Heißt es nicht eigentlich bester Freund? Beides ist möglich, wenn ein Hund als Assistenzhund ausgebildet ist. Hier erhältst du einen Überblick darüber, was Assistenzhunde tun und welche Aufgaben sie übernehmen."



    malteser.de



    /



    Zu den Shepherd-Hunden, den Aussies, findet sich eine Buchpublikation von Sonja Dannenberg, die sich kritisch mit der Eignung des Australian Shepherd beschäftigt.



    Und d. Politik bekommt man vielleicht so ins Boot:



    "Hunde des früheren US-Präsidenten John F. Kennedy avancierten sogar zum Symbol des Friedens. Mitten im Kalten Krieg bekam die First Lady Jacqueline nach einem Staatstreffen in Wien ein diplomatisches Geschenk vom damaligen russischen Präsidenten Nikita Chruschtschow. Es hatte Fell und vier Beine: die Hündin Pushinka. Deren Mutter hatte kurz zuvor als vierbeinige Kosmonautin einen Raumflug erfolgreich absolviert. "Pushinka und Kennedys Hund Charlie wurden ein Paar und zeigten: Frieden ist möglich. Das ist ein Fall von echter Hunde-Diplomatie", findet im Film Chruschtschow-Urenkelin Nina Khrushcheva"



    evangelische-zeitung.de

  • Erneut: diese Regierung ist nicht daran interessiert, sich um die Probleme der Menschen wirklich zu kümmern. Denen ist einzig und allein der Profit der Wirtschaft wichtig. Solche Prüfstellen einzurichten überfordert die Behörden!?!? Wirklich? Was für ein Armutszeugnis....

  • "Australian Shepherds eignen sich eigentlich gar nicht so gut als Assistenzhunde, heißt es. Sie haben viel Energie, bellen häufig und sind eher misstrauisch gegenüber Fremden. Bailey hat es trotzdem geschafft."



    Heißt es, offensichtlich zu unrecht (auch meine Erfahrung).



    Interessant, dass trotz der hohen Hundebesitz_er-Quote in Deutschland und gewiss auch im Parlament und des großen Ansehens der Hunde alles so schleppend verläuft.



    Wer die Intelligenz der Australian (American) Shephards anschaulich ergründen will, sollte mal dem Hundesport folgen.



    Hier etwas zu Assistenzhunden:



    www.3sat.de/gesell...inen-hund-100.html



    Hunde sind in vielen Dingen Menschen deutlich und spürbar überlegen, der Philosoph Arthur Schopenhauer bevorzugte ihre Gesellschaft, legendär sind seine Pudel, genannt Atman (Butz).



    !Riechen, hören, Bewegung sehen und analysieren, Körperhaltung antizipieren...



    Und auch Sozialverhalten in guten Händen bei liebevoller Umgebung meistens top!

  • Wir haben das Problem aktuell auch.



    Mein Hund und ich haben die Ausbildung Anfang 2024 angefangen und sind etwa seit April prüfungsbereit. Im Großen und Ganzen treffen wir auf wenig Probleme - aber dort wo, muss ich komplett umplanen. So auch unseren Urlaub dieses Jahr.



    Fast überall anders konnte ich mit proaktivem vorherigen Anfragen und Erklärung der mangelnden Prüfungsmöglichkeit, Probleme aus dem Weg schaffen und wir konnten hin. Aber: die letzten Jahre stand auch kein Krankenhausaufenthalt an und auch Arztbesuche konnten anders gelöst werden. Außerdem kostet es Planung & Kraft.



    Mein aktueller Stand ist, dass im Herbst endlich das neue Gesetz mit Übergangslösung beschlossen werden soll und ab dem Zeitpunkt wieder Prüfungen abgenommen werden können.



    Es bleibt spannend!

    "Nächste Schritte: Der Gesetzentwurf wird nun im Bundestag beraten. Die o.g. Regelungen sollen am Tag nach Verkündung des Gesetzes in Kraft treten. Nach aktuellem Stand ist mit einem Abschluss des Gesetzgebungsverfahrens im Herbst 2026 zu rechnen."



    Quelle: www.bmas.de/DE/Soz...ssistenzhunde.html (Reiter: Februar 2026)

    • @Sozialpädagogin:

      Ich habe gerade einen eigenen Beitrag verfasst.



      Die



      de.wikipedia.org/wiki/Zollhundeschule



      und



      de.wikipedia.org/w...sen_der_Bundeswehr



      bilden aus und zerifizieren auch. Die Bundeswehr sogar Therapiehunde.



      Ich würde einfach einen Antrag stellen, dass (m)ein Assitenzhund dort auch zertifiziert werden darf, ggf. die Assistenzhundeverordnung des BMAS ( Abschnitt 7, § 30 ) entsprechend auf die Zollhundeschule und die Hundeschule der Bundeswehr erweitert wird , dann hört das Gezerre mit irgendwelchen mehr oder weniger obskuren privaten Zertifizierern auf.

  • Schildbürger sind nichts dagegen. GRRR

    • @Willi Müller alias Jupp Schmitz:

      Eine Analogie aus 2025?



      "Es reicht, wuff! Der Bundespräsident hat die Hundeschnauze voll und zieht nach dem Scheitern der Koalitionsgespräche die Reißleine. Um das Führungsvakuum im Land endlich zu beenden, gelobte er heute Vormittag seine Hündin Juli als Kanzlerin an.



      WIEN – „Gib Pfote“, sagt Van der Bellen. Die Kameras blitzen, gleich ist es soweit. Hündin Juli streckt dem Bundespräsidenten staatsmännisch hechelnd die Pfote entgegen – die Angelobung ist vollbracht. Österreich hat zum ersten Mal eine Hündin als Bundeskanzlerin. „Die Zeit der Hornochsen an unserer Staatsspitze ist vorbei. Die drei Säulen der Republik liegen jetzt in der Pfote einer Vierbeinerin“, so der Präsident."



      Bei dietagespresse.com 🤔



      Wenn Hunde das Geschäft übernehmen:



      "Der Gedanke, einen Hund als Bürgermeister oder Bürgermeisterin die Stadt regieren zu lassen, klingt zunächst wie ein humorvolles Gedankenspiel. Doch dahinter steckt mehr als ein unterhaltsames Bild aus Cartoons oder Social-M-media-Trends. Der Begriff Hund als Bürgermeister fasst eine Idee zusammen, die sich mit Vertrauen, Kommunikation, Gemeinschaft und einer zukunftsorientierten, menschlichen Politik beschäftigt."



      sporthunde-training.de😄

      • @Martin Rees:

        Dies könnte man noch Doris Akrap anempfehlen 😂