Dubiose Wettanbieter bei Fußball-WM: Die Geschichte hinter der Bande
Dass die Fifa sich ihre Partner nicht nach ethischen Kriterien aussucht, ist bekannt. Bei dieser WM wird für dubiose Sportwetten geworben.
Sie flimmert, leuchtet mal pink auf, mal blau, wieselt während der gesamten Spiele ständig im Hintergrund herum. Nervig, ja. Aber Bandenwerbung gehört längst so selbstverständlich zum Sport, dass sie auch bei der Fifa-WM nur Thema ist, wenn ein jubelnder Ersatzspieler über sie stürzt und sich verletzt. Was da im Stadion beworben wird?
Egal, Fifa-Sponsoren halt. Dabei ploppt zwischen Adidas und Aramco auch immer wieder ein Name auf, der dort eigentlich nichts zu suchen hat – nicht, wenn die Banden auch in Deutschland zu sehen sind. Diesen Verdacht hat jedenfalls die Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder, die GGL, und sie untersucht, ob und wie sie dagegen angehen kann.
Ohne Lizenz sogar im Kika
Der Ball ist rund und die taz ist ihm dicht auf den Fersen. Unsere Reporterin Alina Schwermer ist auf einem Roadtrip (meist) per Bus und berichtet in Reportagen und in ihrem Blog – manchmal auch aus den Stadien, aber noch viel öfter über alles drumherum. Alle Spiele werden von ausgeschlafenen tazler:innen für Sie hier in „Alle Spiele“ kurz zusammengefasst. Dann gibt es das ganz geheime Tagebuch von Fifa-Dingsbums Gianni Infantino. Und alles andere rund um die WM finden Sie hier.
Es geht um ADI predictstreet, ein Sportwettenanbieter, der in Deutschland keine Lizenz hat, der mit seinem Logo aber während der übertragenen WM-Spiele sogar im Kika für sein verbotenes Glücksspiel werben kann. Nicht absichtlich, sagt das Unternehmen. Nicht regulierbar, sagt die Fifa.
Das Hintergrundflimmern, so normal es bei Sportveranstaltungen geworden ist, ist nicht zu unterschätzen. Forscher:innen der Universität Hohenheim kamen 2025 in einer Studie zu dem Schluss: „Fußballfans nehmen Glücksspiel zunehmend als selbstverständlichen, harmlosen Teil des Sporterlebnisses wahr.“
Das erscheint den Suchtexpert:innen schon bei hierzulande erlaubten Wettanbieter wie betano (übrigens auch ein Fifa-Regionalsponsor) als hochproblematisch. Wie ist es dann erst, wenn das Unternehmen auch noch hierzulande aus guten Gründen nicht erlaubtes Glücksspiel anbietet?
ADI predictstreet ist ein sogenannter Prognosemarkt, eine Plattform, auf der Sportwetten ganz anders funktionieren als bei klassischen Anbietern: Gewettet werden kann auf jedes beliebige Ereignis, es gibt keine festen Quoten, kein Einzahlungslimit, keine Buchhaltermarge.
Die Nutzer:innen handeln untereinander wie an einer Börse, jedes Mal geht es einfach um die Frage, ob ein Ereignis eintritt oder nicht – scheidet Deutschland aus, verschießt Messi den Elfmeter, wird England Weltmeister? In anderen Bereichen sind auch andere, auch ethisch verwerfliche Fragen etwa zu Kriegshandlungen denkbar. Der Preis bewegt sich, wenn andere Wettenr:innen mit einsteigen.
Glücksspiel oder Finanzmarkt?
Das ist für viele attraktiv – und für Suchtanfällige besonders riskant. Lizenzierte Anbieter in Deutschland und den meisten europäischen Ländern sind verpflichtet, Maßnahmen wie Einzahlungslimits, Selbstsperrung, Warnhinweise zum Spielerschutz zu ergreifen. Prognosemärkte bezeichnen sich selbst als Finanzmärkte und entziehen sich so dem gesamten Schutzrahmen des Glücksspielrechts in Deutschland und vielen anderen Ländern.
Die Aufsichtsbehörden aus neun europäischen Staaten haben deshalb zu Beginn der WM gemeinsam eine Warnung vor Prognosemärkten veröffentlicht. Darin weisen sie auf „erhebliche Risiken für Verbraucherinnen und Verbraucher“ und nennen namentlich: „unzureichende Spielerschutzmechanismen, ein erhöhtes Suchtpotenzial sowie Risiken durch Marktmanipulation, Betrug und fehlende Transparenz bei der Abwicklung von Einsätzen und Auszahlungen“.
Interessant sind Prognosemärkte aber nicht nur für Glücksspieler:innen, sondern auch für Beobachtende. Denn, was ein Kontrakt wert ist, spiegelt die kollektive Einschätzung aller Teilnehmer:innen für das jeweilige Ereignis wider. Damit sind die Plattformen auch Tools, die Informationen sammeln und zugänglich machen, etwa, wie die Teilnehmer:innen über bestimmte Möglichkeiten denken.
Das ist einer der Gründe, warum die Fifa dringend nach einem entsprechenden Partner gesucht hat: So eine Plattform bringt nicht nur einmal Sponsorengeld – Branchenmedien sprechen von 150 Millionen US-Dollar. Sie zieht auch ständig und immer wieder Wettbegierige und Interessierte an und ist so ein riesiges Marketinginstrument. Auch die Trump-Regierung ist ein Fan solcher Märkte, sie reguliert sie als Warenterminbörsen. Entsprechend erfreut hatte Fifa-Präsident Gianni Infantino Anfang April auf seinem Instagram-Account die Vertragsunterzeichnung verkündet.
Für die Fifa vielfach interessant
Neben der bloßen Tatsache, dass es der erste Sponsoringvertrag des Verbandes mit einem Prognosemarkt war, zeigten sich Branchenkenner vor allem irritiert über die Wahl des Partners. Denn ADI predictstreet kannte bis dato eigentlich niemand. Erst am 26. März erhielt das Unternehmen in Gibraltar, das sich als Markt für Glücksspiele etablieren möchte, eine Lizenz – zu einem Zeitpunkt, als sie noch gar kein fertiges Produkt hatte.
Umso bekannter sind die Strippenzieher hinter dem Unternehmen. ADI predictstreet nämlich gehört zu einem Geflecht von Holdings, die zur Herrscherfamilie der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) führen. Die Plattform ist die Tochter einer Gesellschaft der International Holding Company, eines gigantischen Imperiums, das Sheikh Tahnoon bin Zayed al Nahyan leitet, der Bruder des Präsidenten der VAE. Die Familie steckt auch tief im Fußballbusiness: Ein dritter Bruder, Sheikh Mansour, besitzt Manchester City. Geopolitisch könnte die Partnerschaft also auch der Versuch von Infantino sein, eine weitere Allianz mit einem Fossilstaat zu schmieden – nach Katar und Saudi-Arabien.
Das System Fifa
Erkennbar wird hier ein System, in dem der größte Sportverband der Welt aus Eigeninteressen heraus globale Werberechte verkauft – ohne Rücksicht darauf, ob diese vereinbar sind mit den Gesetzen in den Ländern, in denen die Spiele zu sehen sind. Dass das technisch kein Problem wäre, ist sogar in der Bundesliga zu sehen, wo in den Stadien sogenanntes Virtual Board Replacement (VBR) eingesetzt wird, die physischen LED-Banden also im TV-Signal digital überblendet werden. VBR würde jedoch den kommerziellen Wert für die Sponsoren abschwächen – und die schützt die Fifa konsequent, zumal sie selbst kein Interesse daran hat, wenn in einzelnen Ländern womöglich Marken zu sehen wären, die nicht vertraglich an sie gebunden sind.
Interessant ist aber noch, dass ADI predictstreet trotz der Sichtbarkeit zunächst nicht besonders gut performen konnte. Während Wettbewerber etwa im Siegermarkt auf Einsätze von mehreren Hundert Millionen bis über 3 Milliarden US-Dollar kamen, waren auf der Plattform gerade einmal rund 57.000 US-Dollar gehandelt worden, wie Front Office Sports berichtete – bis ihr Logo Ende Juni plötzlich nicht mehr allein auf der Bandenwerbung stand, sondern „in partnership with Kalshi“.
Das Unternehmen war eine Zusammenarbeit mit dem zigfach größeren Konkurrenten eingegangen, der eine US-Lizenz hat, in den ersten zwei WM-Wochen auf ein Handelsvolumen von 17 Milliarden US-Dollar kam und eine gigantische Menge an Spieler:innen mitbringt. Und dieser Tage erst wurde bekannt, dass ADI predictstreet seine Lizenzen in Gibraltar über Sportwetten hinaus erweitern konnte.
Welche Optionen hat die GGL?
Wohin die Ermittlungen der GGL führen, ist noch nicht absehbar. Ihre Möglichkeiten sind eingeschränkt, Maßnahmen womöglich schwer umzusetzen: Sie kann den Betrieb in Deutschland untersagen, Netzsperren prüfen, mit ausländischen Behörden kooperieren und Zahlungsströme erschweren. Das meiste dürfte wenig aussichtsreich sein, weil ADI predictstreet zumindest in Teilen kryptobasiert arbeitet und Gibraltar wenig Interesse daran haben dürfte, seine eigenen Lizenzen abzuschwächen.
Und die Netzsperre? ADI predictstreet hat inzwischen den direkten Zugriff von Deutschland auf seine Webseite gesperrt. Für Kalshi, das in Deutschland natürlich ebenfalls keine Lizenz hat, gilt das bislang nicht. Ohnehin sind die Seiten unter Umgehung von Geoblocking weiter zu erreichen.
Wer bei dieser ganzen Geschichte verliert, ist ziemlich leicht zu benennen. Nicht die Fifa, die 150 Millionen US-Dollar kassiert und ein schickes Marketinginstrument bekommen hat, nicht die Herrscherfamilie der VAE, die Anschluss an die Fifa erhalten und einen neuen Markt aufgetan hat. Es sind die, die nicht aufhören können zu wetten – und für die nun die Versuchung noch größer geworden ist auf einem gigantischen neuen Markt mit tausend Möglichkeiten, der aktuell weder kontrolliert noch zum Spielerschutz verpflichtet werden kann.
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