Schutz Jugendlicher vor Sportwetten: Risikoquote eins zu eins
Berlin beschließt eine Strategie gegen Spielsucht von Minderjährigen. Vor allem die Werbung von Wettanbietern, gerade im Umfeld der WM, birgt Gefahren.
Für Sportwettenanbieter stehen mit der am Donnerstag beginnenden Fußball-Weltmeisterschaft fünfeinhalb goldene Wochen bevor. Der Deutsche Sportwettenverband schätzt, dass allein in Deutschland knapp eine Milliarde Euro auf die WM gesetzt werden. Tipico, mit einem Marktanteil von mehr als 50 Prozent größter Anbieter hierzulande, hat erstmals sogar Übertragungsrechte für sämtliche 104 Spiele erworben und stellt seinen aktiven Nutzer:innen Livestreams zur Verfügung.
Viele der Spieler:innen dürften zu den 1,3 Millionen Erwachsenen mit einer glücksspielbezogenen Störung oder den weiteren 3 Millionen Suchtgefährdeten gehören, die es laut Glücksspielatlas 2023 über alle Glücksspielarten hinweg geben soll. Doch auch Kinder und Jugendliche lassen sich von der Aussicht auf Gewinne und zusätzliches Adrenalin bei den Spielen anziehen und durch Werbung im Umfeld der Übertragungen ansprechen.
Der Bundesdrogenbeauftragte Hendrik Streeck (CDU) warnte zuletzt im Ärzteblatt, es sei „problematisch, wenn Fußball, Emotion und Wetteinsatz so eng miteinander verbunden werden, dass gerade junge Menschen den Eindruck bekommen, Wetten gehörten selbstverständlich zum Spiel dazu“.
Zwar ist unter-18-Jährigen das Wetten gesetzlich verboten, doch mehrere Jugendstudien belegen, dass etwa jeder zehnte Heranwachsende der Gruppe der aktuellen Sportwetter angehört. Laut Fachstelle Suchtprävention haben in Berlin 11,6 Prozent der 16- und 17-jährigen Jugendlichen in den letzten 12 Monaten an Glücksspielen teilgenommen. Besonders gefährdet: männliche Jugendliche mit Migrationshintergrund und niedrigem Schulabschluss. Sie wetten sowohl online als auch – trotz eines generellen Zutrittsverbots – in Wettbüros.
Nun soll in Berlin der Schutz für Minderjährige vor Sportwetten verbessert werden. Das hat das Abgeordnetenhaus am vergangenen Donnerstag beschlossen. Das besondere daran: Die Koalitionsparteien SPD und CDU stimmten einem Antrag der Opposition zu – erst zum zweiten Mal in der laufenden Legislaturperiode. Der Initiatorin des Antrags, die jugendpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Klara Schedlich, ist im Gespräch mit der taz die Überraschung und Freude darüber anzumerken. Sie spricht von einem „Meilenstein im Kampf gegen die Glücksspiellobby“.
Konzept gegen Werbung
Bereits zur Fußball-Europameisterschaft 2024 hatte Schedlich den Antrag „Kinder und Jugendliche vor Sportwettsucht schützen: Werbung endlich regulieren“ eingebracht. Die positive Resonanz und Ankündigung vor allem der SPD, diesen zu übernehmen, führte dann zur Verzögerung, aber auch zum aktuellen Beschluss in nur leicht geänderter Form.
Der Senat ist jetzt beauftragt, ein Konzept zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vor Sportwettenwerbung zu erarbeiten und dabei die Schulen mit einzubeziehen. Teil eines Konzepts könnte laut Schedlich sein, „zu überprüfen, ob man Sportwettenwerbung in Stadien oder Vereinen verbieten kann“. Die Abgeordnete denkt dabei etwa ans Olympiastadion, wo Sportwettenwerbung omnipräsent ist – was insbesondere für suchtgefährdete Menschen ein „Riesenproblem“ sei. Innerhalb eines Jahres, so Schedlichs Hoffnung, könnte ein Gesamtkonzept stehen.
Beschlossen wurde zudem eine öffentliche Kampagne über die Risiken von Glücksspiel und deutlichere Warnhinweise auf entsprechender Werbung – auch wenn Schedlich „ein generelles Werbeverbot“ bevorzugen würde. Ausgebaut werden soll die Suchthilfe für Glücksspielsucht, die vermehrt in Sportvereinen verankert werden soll.
Zusätzlich ist der Senat aufgefordert, sich in den laufenden Verhandlungen zum Glücksspielstaatsvertrag auf Bundesebene für eine Eindämmung der Werbung einzusetzen. Unter anderem mit dem Ziel, Werbung für Glücksspiel nur nachts ausstrahlen zu dürfen und Sportwettenanbietern die Kosten für Prävention von Spielsucht aufzuerlegen.
Für Schedlich ist es „ein großer Schritt, dass Berlin sich auf den Weg macht“, denn bislang sei das Thema unterbelichtet. Auf ihre Anfrage vor zwei Jahren hatte der Senat zwar einige Präventionsangebote für Jugendliche aufgezählt, etwa von der Fachstelle für Suchtprävention und der gemeinnützigen „pad – präventive, altersübergreifende Dienste im sozialen Bereich“, doch eine Gesamtstrategie fehlte bislang.
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